Fashion Week in Berlin : Grün, grün, grün sind alle meine Kleider

Früher waren Ökoaktivisten die Spaßbremsen – mittlerweile entsteht ein echter Trend rund um die Öko-Mode. Das zeigt sich auch auf dieser Fashion Week in Berlin wieder. Aber was macht eigentlich echte grüne Mode aus, und wer versucht bloß, auf der Welle mitzureiten?

Fredericke Winkler
Nicht nur die Models vertreten sich die Beine auf dem Grün, auch die Mode soll grüner werden.
Nicht nur die Models vertreten sich die Beine auf dem Grün, auch die Mode soll grüner werden.Foto: DPA

Je mehr man über grüne Mode weiß, desto weniger Durchblick hat man. Menschenrechte definieren sich neben dem Umgang mit den Beschäftigten jetzt auch über den Arbeitsschutz in den Fabriken. Ökologisch einwandfrei ist nicht die Schadstofffreiheit des fertigen Textils, sondern der Verzicht auf Toxine entlang seiner schier undurchdringbaren Wertschöpfungskette.

Heute werben die billigsten Textildiscounter mit scheinbar nachhaltigen Produkten. H&M, KiK und C&A – alle sprechen sie über soziale Verantwortung oder verwenden Biobaumwolle, während man ihre Namen unter den Auftraggebern der in Bangladesch abgebrannten Fertigungsstätten wiederfindet oder jener Fabriken, die laut der Detox-Studie von Greenpeace hochgiftige Abwässer in Flüsse ableiten.

Über hundert grüne Marken präsentieren sich auf der Fashion Week

Andere beginnen, ihre eigenen Siegel zu bauen, die den unabhängigen verblüffend ähnlich sehen. Aber wie ehrlich sind ihre Bemühungen? Über hundert grüne Brands und Initiativen präsentieren sich während der Fashion Week. Ist ihnen zu trauen? Wie viele von ihnen werden ihren Weg auf den Markt finden? Über alle Kanäle wird ein Modetrend ausgerufen, der strukturell noch nicht bedient werden kann.

Der Verbraucher aber ist gewohnt, eine Mode zu entdecken und sie auf der Stelle zu konsumieren. Was oft fehlt, ist das Verständnis für den großen Zusammenhang. Baumwolle ist meistens genmanipuliert, Farbe größtenteils chemisch, Gerbemittel fast immer schwermetallhaltig, Arbeiter sind häufig unterbezahlt und Kleidung ist zu billig.

Dies trifft ethische Labels bei der Materialbeschaffung und auf der Suche nach Fertigungsstätten und fällt zurück auf jene Unternehmen, die die Kontrolle über den Entstehungsprozess ihrer Waren mit Blick auf ihre Umsatzkurve schon vor Jahren bereitwillig an Lieferanten abgegeben haben. Ihre Kleider werden an Konsumenten verkauft, die sich an entsprechende Preise, Warenzyklen und Produktqualitäten gewöhnt haben. Wenn also die sogenannte Concious Collection von H&M, die immense Biobaumwollabnahme von Nike und der erste Nachhaltigkeitsbericht von KiK irgendwie nach windigen Maßnahmen aussehen, dann sind es womöglich hilflose Versuche, einer rasanten Trendwende gerecht zu werden.

Bilder von der Fashion Week 2013
Dawid Tomaszewski begeistert jede Saison mit seiner erstklassigen Mode. „Lithium“, die Sommerkollektion 2014 des gebürtigen Polen, zeigte seine Highfashion-Designs in sommerlichen, schlichten Farben mit extravaganten Elementen.Weitere Bilder anzeigen
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05.07.2013 16:39Dawid Tomaszewski begeistert jede Saison mit seiner erstklassigen Mode. „Lithium“, die Sommerkollektion 2014 des gebürtigen Polen,...

Zu den Ökoaktivisten der ersten Stunde gehören die Mitglieder des Internationalen Verbands der Naturtextilwirtschaft, der sich 1989 gründete, oder Hessnatur, die deutsche Vorzeigeökomarke, die seit 1976 existiert. Spricht man mit diesen Pionieren über die Komplexität der Aufgabe, alles richtig zu machen, so verrät die Reaktion immer eine Grundhaltung, die Platons Erkenntnis „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ nahekommt. Man arbeite nach bestem Wissen, aber von Perfektion könne keine Rede sein. Nur eins sei immer klar: Der Weg hin zu mehr Gerechtigkeit und Naturschutz hat keine Alternative.

Heute gibt ihnen der Mainstream recht, doch in den achtziger Jahren waren sie die Spaßbremse auf jeder Wirtschaftsboomparty. In der internationalen Modebranche scheiterten sie, denn damals wurde grüne Mode mit Jutesäcken gleichgesetzt. Sicher lag das oft an den alternativen Produktionsmethoden, die anfänglich haptische und optische Einbußen mit sich brachten. Und es lag am Milieu der Bewegung, einer intellektualisierten, eher linkspolitischen Gruppe, für die nicht Mode zählte, sondern Bekleidung.

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