Fashion Week & Tech Fashion : Wenn die Jacke mitdenkt: Chancen und Risiken smarter Mode

Pullis blinken, Jacken weisen Wege - technisch alles möglich, aber das ist nicht die einzige Frage, die in der Tech-Fashion-Branche diskutiert wird. Pionierin Lisa Lang über dringend nötige Entscheidungen und ihre Vorstellungen vom digitalen Modeglück.

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Der leuchtende Pullover ist eine Koopertion von Elektrocouture und Christopher Santos.
Der leuchtende Pullover ist eine Koopertion von Elektrocouture und Christopher Santos.Foto: promo

Wenn eine Modefirma namens Elektrocouture ihre Büros in einer Straße namens Wattstraße hat, muss man sich nicht wundern, wenn die Kleider, Hosen oder Pullover, die dort gefertigt werden, leuchten.

Und so ist es dann. Der pink gemusterte Pullover für Herren leuchtet. Der Schal leuchtet. Der Kettenanhänger leuchtet. Der Rock soll auch leuchten, ist aber noch nicht fertig. Er ist gespickt mit vielen Mini-LED-Leuchten, die wie dürre Würmchen aus dem Stoff hervorlugen. Alles kann leuchten oder blinken, audiogesteuert, also auf Zuruf.

Manche sagen, das sei die Zukunft der Mode. Tech-Fashion, Weareables, Smart Textiles sind ihre Schlagworte. Sie wollen die Technologie aus der Roboterwelt zur Mode für jedermann manchen, und nennen die Google Brille als Beispiel dafür, wie es nicht geht: zu hässlich. Sie wollen schöne und vor allem waschbare Produkte entwickeln und denken beispielsweise an Yogakleidung aus einem silberbasierten Stoff, der Körperwärme speichert und mit dieser Energie dann das Smartphone aufladen könnte, das später über eine mit leitfähigen Fasern versetzte Stoffstelle am Jackenärmel bedient werden könnte. Oder an Diabetikerkleidung, die Insulinwerte registriert, oder die Fahrradjacke, die den Weg weist. Oder eben das Kleidungsstück, das zweckfrei, aber schön leuchtet.

Technisch sei fast alles möglich, sagt Lisa Lang, die Elektrocouture 2014 in Berlin gründete. Und darum liege hier die Lösung für die Krise der Branche. Sie sagt das mit einer Entschlossenheit, die jeden Zweifel abräumt, und kann darauf verweisen, dass bei ihr als Pionierin und Netzwerkerin des Metiers zunehmend um Rat nachgesucht werde. Und die Tech Fashion der Fashion Week ist in diesem Sommer bereits doppelt so groß wie noch im Wintern. „Wir haben es mit ziemlich verzweifelten Leuten zu tun“, sagt sie. Vor allem aus Modehäusern, denen nichts mehr einfällt, die sich jahrelang nur auf den Vertrieb konzentrierten und die Mode vergaßen, sodass die Kundschaft sich gelangweilt abwendet. Aber auch bei Technikhäusern lodere Interesse auf, wie etwa der Telekom, mit der sie einen Ideenwettbewerb ersonnen hat, der am heutigen Mittwoch auf der Fashion Week präsentiert wird.

Herausforderung: Batterien. Sie müssen waschbar sein.

„Wenn du Innovationen stoppst, das killt dich“, sagt Lisa Lang. Sie lehnt am großen Arbeitstisch in der Mitte des Studios, wieder in Schwarz gekleidet, und in die Haare knallrote Strähnen gefärbt, als wolle sie die Elektrisierung des Lebens nicht nur vorantreiben sondern auch symbolisieren. Im Hintergrund brummt ein Lasercutter, irgendwo formt ein 3-D-Drucker eine zuckerbasierte Masse zu Knöpfen, an Tischen sitzen junge Frauen vor Laptops und beraten Designs und Features. Es gehören auch Ingenieure zum Team, denn eine der Herausforderungen der Tech Fashion sind die Batterien. Klein, leicht, versteckbar, waschbar, biegbar? Es gibt viel zu tun.

An einem Tisch wird über ein Jackett nachgedacht, in dessen Brusttasche ein visitenkartenähnliches Display stecken soll, das den Namen des Jackettträgers zeigen kann und ihn – beispielsweise auf Konferenzen – durch den Tag lotst. Dass das alles keine Spinnereien sind, sei spätestens seit März wohl jedem klar, sagt Lisa Lang. Da verkündeten Google und Levi’s, dass sie bis 2017 gemeinsam eine smarte Jacke auf den Markt bringen würden. Die Giganten schreiten voran. Lisa Lang zieht eine Augenbraue hoch. Alles klar? Das sei vielleicht der letzte Warnschuss gewesen.

Lisa Lang, Fränkin und Pionierin der smarten Mode.
Lisa Lang, Fränkin und Pionierin der smarten Mode.Foto: promo

Aber das ist nur der eine Acker. Der andere ist der bürokratische. Da sieht Lisa Lang den allerdringendsten Handlungsbedarf. Bisher könne man beispielsweise smarte Kleidung nur schwer handeln, weil nicht geklärt ist, ob es sich dabei um Kleidung oder Elektronik handelt. „Aber auf den entsprechenden Formularen muss man das eine oder andere ankreuzen“, sagt sie. Soll die modische Revolution der digitalen Welt etwa an fehlenden Ankreuzkästchen scheitern? Ha!, sie schaut kämpferisch und ihr fränkisches R rollt grollend. Nicht, wenn sie das verhindern kann.

Auch im Bereich Datenschutz gebe es enormen Klärungsbedarf. Was ist denn, fragt sie, wenn die Diabetiker-Jacke nicht nur den Kranken up to date hält, sondern auch der Krankenkasse meldet, dass er sich in der Konditorei versündigt? Was, wenn die Jacke gehackt wird – und der Kranke an einem Insulinschock stirbt? Das muss alles geklärt werden, hätte nach Lisa Langs Vorstellungen längst geklärt sein können. Aber Pionieren sind die anderen ja immer zu langsam. Wenn das dann endlich irgendwann geklärt ist, sei es noch eine Frage der Zeit, bis leuchtende T-Shirts auch bei H & M und Co. verkauft würden. Lang selbst kann das nur recht sein, ihr Modemotto lautet unmissverständlich: „Bei mir persönlich muss es immer leuchten.“

Leuchtend darum auch die Zukunftsaussichten, die sie sieht: Sie baue sich mit ihren Ideen und Kontakten „ein kleines Imperium auf und navigiere das Ganze“. Und die Mode selbst? Was kann sie sich da vorstellen? Zum Beispiel dies: Stoffe als interaktive Oberflächen, die permanent verändert werden können. „Wenn ich ins Museum gehe und einen van Gogh sehe und mir gefällt das Motiv, dann – wisch“, sie streicht mit der rechten Hand über ihren linken Unterarm, „ziehe ich mir das einfach auf den Ärmel.“ Eine Idee, die man direkt rahmen und aufhängen möchte.

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