Grüne Mode : Safia Minney ist für Slow Fashion statt Fast Fashion

Safia Minney hat ein Modelabel, schreibt Bücher, reist um die Welt und hält Vorträge. Für ein paar Stunden war sie in Berlin.

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Aktivposten. Die Britin Safia Minney, 52, lebt mit ihrer Familie in London.
Aktivposten. Die Britin Safia Minney, 52, lebt mit ihrer Familie in London.Foto: Tsp

Warum sind Sie heute in Berlin?
Ich bin auf der Ethical Fashion Show als Geschäftsführerin der Schuhmarke Po Zu und stelle außerdem mein Buch über moderne Sklaverei in der Modeindustrie vor.

Sie selbst tragen Lederschuhe, weil Sie Plastik ablehnen, das sich lange nicht abbaut.

Ich bin Vegetarierin und ich würde es vorziehen, keine Lederschuhe zu tragen. Es gibt inzwischen auch Alternativen wie Kunstleder aus Ananasfasern. Aber ich habe auch den persönlichen Wunsch, die nachhaltige Fleischindustrie mit der Lederbranche zu verbinden, um ethisch korrektes Schuhleder zu produzieren, das natürlich gegerbt ist. Es ist traurig: Mehr als 95 Prozent des Leders wird immer noch mit Chrom gegerbt. Das zerstört die Umwelt und das Leben der Menschen, die es verarbeiten müssen in Ländern wie Bangladesch. Die ganze Schuhindustrie baut auf dieses Gift. Aber ich bin optimistisch, dass wir in den nächsten Jahren neue Materialen entwickelt werden.

Sie sind eine Art Lichtgestalt der nachhaltigen Mode. Warum haben Sie angefangen, sich mit Nachhaltigkeit zu beschäftigen?
Als bewusste Konsumentin wollte ich so nachhaltig und ethisch korrekt leben wie irgendwie möglich. In den neunziger Jahren war das noch sehr schwierig. In London ging es ja, aber dann bin ich mit meiner Familie nach Japan gezogen, da habe ich mich nicht zurechtgefunden. Ich musste erst Japanisch lernen, um zu erkennen, dass die Bewegung der nachhaltig denkenden Personen in Japan sehr, sehr klein ist. Also habe ich meinen eigenen Handel für Lebensmittel, Kaffee, Tee und Kleidung gegründet. Dann kam mein Label People Tree dazu. Es war aufregend, sich mit Geschäftsleuten zusammenzutun, die alles auf komplett andere Weise angingen. Heute gibt es viele, die etwas verändern wollen.

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Modeaktivisten Safia Minney auf der Ethical Fashion Show in Berlin.
Fashion Week: "Berlin rockt die Modewelt"

Es hat sich also viel getan?
Ohne Frage, das Geschäftsgebaren hat sich auf den Grundlagen von Fair Trade völlig verändert. Ich habe diesen Sinneswandel mitgemacht und begleitet. Dass es heute eine Messe wie die Ethical Fashion Show in Berlin gibt, ist bemerkenswert. Vor zwanzig Jahren gab es zwei, drei Label wie People Tree – heute ist dieser modische Markt enorm gewachsen. Aber ist er groß genug? Nein! Ist er schnell genug? Nein!

Also was tun?

Wir müssen die ganze Industrie neu denken. Wir brauchen Slow Fashion statt Fast Fashion. Wir brauchen neue politische und rechtliche Rahmenbedingungen, die wirklich die Rechte der Arbeit schützen und ebenso die Umwelt. Von einem Großteil der Welt wird das alles noch ignoriert. Wir nennen unser Wirtschaftssystem freie Marktwirtschaft, aber das ist es nicht. Wir haben viel zu wenig Informationen, wenn wir uns ein Kleid in einer der großen Modeketten kaufen. Wir kennen nicht die wahren Kosten für Menschen und die Umwelt. Wir brauchen erst einmal Transparenz vom Material bis hin zum Arbeitsplatz.

Wie kann das aussehen?
Jedes Unternehmen, das mehr als 36 Millionen Umsatz macht, muss berichten, wie es seine Produkte herstellt, damit am Ende der Produktionskette keine Sklaverei möglich ist. Denn nichts anderes ist es, wenn Zwölfjährige für 20 Euro im Monat jeden Tag zwölf Stunden arbeiten, um ihre Familien zu ernähren. Und das ist die Aufgabe von Regierungen.

Viele junge Leute beschäftigen sich mit Nachhaltigkeit.
Ja, es ist toll, wie viele Veganer es in Deutschland gibt. Aber wir müssen ganzheitlich denken, an die Menschenrechte, die Umwelt. Man sollte keine Plastikschuhe kaufen, die 400 Jahre brauchen, bis sie verrottet sind. Dann stolz darauf sein, vegan zu sein, ist verrückt!

Das Buch "Salve to Fashion" ist in englischer Sprache im Verlag NewInternationalist erschienen. Saifa Minney hat Arbeiterinnen und Arbeiter in Indien und Bangladesch besucht, stellt Aktivisten vor, zeigt wie Produktion besser funktionieren kann und gibt Tipps, wie man ein besserer Konsument und schließlich auch ein Aktivist werden kann.

Das Gespräch führte Grit Thönnissen

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