Interview: Herbstmode : „Die Berlinerin ist so ein gemütliches Tier“

Flanellhemden, Leggings, Armeeparka, Jutebeutel, Fuchskopfpullis... Geht das? Mary Scherpe über die Herbstmode und ihr Problem, High Heels in 42/43 zu finden.

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Mary Sherpe bloggt für "Stil in Berlin"
Mary Sherpe bloggt für "Stil in Berlin"Foto: Anna Rosa Krau

Mary Scherpe, 30, betreibt seit sechs Jahren den Blog stilinberlin.de, den jeden Monat bis zu 130000 Leser anklicken. Scherpe arbeitet außerdem für die „Vogue“ und als freie Fotografin. Sie stammt aus dem sächsischen Oschatz, wo sie auf dem Bauernhof ihrer Eltern groß wurde.

Frau Scherpe, seit kurzem gibt es an der Steglitzer Schlossstraße eine Filiale von „Primark“, einem irischen Billigmodehaus. Am Eröffnungstag stürmten hunderte Schnäppchenjäger den Laden …

… ich kenne den Laden aus London, da war ich überfordert von der Menge an Kleidung und den Menschenmassen. Alles ist irre billig und führt dazu, dass die Leute shoppen wie die Wahnsinnigen: Zehn T-Shirts reichen plötzlich nicht mehr.

T-Shirts gehören doch in jeden Kleiderschrank.

Ja, aber wenn in einem Kleiderschrank nur Basics sind, sieht man eben auch basic aus! Schade, dass viele Deutsche so darauf bedacht sind, sich möglichst unauffällig zu kleiden.

Seit einigen Tagen ist es wieder kühl. Was ist der ideale Zeitpunkt, einen Wintermantel zu kaufen?

Der richtige Augenblick ist, bevor das entsprechende Wetter kommt. Am besten kauft man antizyklisch – das heißt, man schaut im August in die Läden, wenn die erste Herbstmode angeliefert wird. Oder kauft den heruntergesetzten Wintermantel im März, für die nächste Saison.

Sie tragen eine graue Wolljacke mit integrierten Handwärmern. Ist die neu?

Die habe ich tatsächlich im Frühjahr gekauft. Und dank des Berliner Sommers habe ich sie bisher schon mehr als einmal getragen.

Profis vakuumisieren ihre Pullover über den Sommer. Sie auch?

Oh, ich bin eine Chaotin, was das Lagern von Kleidung angeht. Ich besitze ein Yves-Saint-Laurent-Kleid aus den 90ern und bin heilfroh, dass ich geschafft habe, es in einen Kleidersack zu tun. Saisonal den Kleiderschrank umräumen, Schuhkartons mit Polaroids drauf – das kriege ich nicht hin.

Und welcher ist Ihr Pullover des Herbstes?

Was ich super finde, ist so eine richtige Pulliform: mit Rundhalsausschnitt, nur bis zum Hosenbund, gerne mit Tierkopf drauf. Es gibt einen des Britischen Designers Peter Jensen, mit Fuchskopf, der kostet nur leider 190 Euro. Jensen hat natürlich nicht die Möglichkeit, 5000 davon herzustellen.

Nervt es, ständig nach dem ultimativen It-Piece der Saison gefragt zu werden?

Das beantworte ich eigentlich nie, weil es meinem Verständnis von Mode nicht entspricht. Jedes Jahr um diese Zeit werden zum Beispiel Beerenfarben wieder als Trend verkauft – so wie im Frühjahr dann Marinestreifen. Ich mag die Mode spielerischer, offener.

Gibt es einen Unterschied zwischen „shoppen“ und einkaufen?

Letztens sah ich im Fernsehen „Shopping Queen“ auf „Vox“, wo es darum geht, innerhalb einer bestimmten Zeit ein Outfit zu einem bestimmten Preis einzukaufen. Fast alle Kandidatinnen bezeichneten dabei Shopping als ihr größtes Hobby. Das finde ich durchaus fragwürdig. Einkaufen dagegen ist eher eine zielgerichtete Notwendigkeit.

Woher beziehen Sie Ihre Sachen?

Aus dem Netz. Ich bin so eine, die viel bestellt und viel wieder zurückschickt.

Dann stehen Sie bei der Post Schlange.

In meiner kleinen Postfiliale muss man selten anstehen. Mein letzter großartiger Onlinekauf war ein gebrauchter britischer Armeeparka von ranger-shop.de. Wenn ich den überziehe, fühle ich mich sicher und geborgen, da hat man auch gleich eine ganz andere Ausstrahlung. Ich trug ihn neulich – sehr absurd – über einem weißen Shiftkleid.

Sie haben einmal erklärt, dass Sie politische Mode wie Palästinenser-Tücher ablehnen.

Das stimmt. Die Flagge und das Namensschild des Parkas habe ich auch entfernt. Ich widerstand der Versuchung, den Namen des Soldaten zu googeln. Natürlich bleibt es deswegen Militärkleidung, aber welche politische Gesinnung dahinter steckt, ist nicht mehr identifizierbar. Das ist für mich ausreichend entfremdet.

„Ray-Ban“-Sonnenbrillen, Römersandalen und Trenchcoats wurden auch für den Krieg entwickelt.

Camouflagemuster sind besonders schwierig, da sie eindeutig besetzt sind. Ich bin bei der Auswahl rein ästhetisch vorgegangen: Das lasche, abgewetzte Oliv der Bundeswehr-Parkas gefällt mir gar nicht, wohingegen das kräftigere Grün der tschechischen Armee genau meinem Geschmack entspricht. Leider gab es den nicht in meiner Größe.

Sie sind ziemlich groß. Tragen Sie manchmal High Heels?

Ich würde gern, tue es aber selten. Ich bin auch so 1,82, außerdem habe ich Schuhgröße 42/43. Finden Sie da mal gute High Heels.

Wem gehören die schwarzen Pumps mit Schlangenmusterabsatz da hinten auf Ihrem Büroregal?

Die gab es bei „Deichmann“ für 20 Euro. Ich habe sie in einem Anfall gekauft: Oh mein Gott, ich habe so große Füße, die haben so schöne Schuhe, ich kauf mir die sofort!!

Klingt auch nicht anders als ein Anfall der Shoppingmädchen, die bei „Primark“ zehn Blümchenkleider kaufen…

… mein Anfall ist vielleicht ein kleines bisschen überlegter. Ich schaue alle paar Monate auf die Website von „Deichmann“. Unvorbereitet gehe ich nicht in eine der Filialen. Leider weiß ich, dass ich diese High Heels wahrscheinlich nie tragen werde.

Wie bitte?

Ich wüsste keinen Anlass.

Berlin ist keine gute Stadt für anspruchsvolles Schuhwerk?

Sie meinen, wegen des Kopfsteinpflasters und der Gullydeckel? Die Straßenbeschaffenheit ist auch in Paris schwierig, wo die Frauen in Pencilskirts, Schluppenblusen und Lack-Heels umherspazieren. In Berlin ist eher die Atmosphäre Absatz-unfreundlich: Hohe Schuhe sind Teil eines formalen Looks, den hier nur wenige tragen.

Sieht man deswegen auf unseren Straßen auch so viele Frauen in Sackkleidern?

Berlin ist oversized. Bequemlichkeit sticht hier so ziemlich alle anderen Kategorien.

Welche Schuhe empfehlen Sie für den Alltag?

So lange es trocken bleibt, kommt man mit flachen Schnürschuhen sehr weit. Wenn der Schnee kommt, werde ich wohl einfach meine „Meindl“-Wanderschuhe anziehen.

Dries van Noten ist Ihr Lieblingsdesigner. Warum?

Er hat ein fantastisches Frauenbild: erwachsen, ein bisschen verspielt, nicht zu androgyn.

Wolfgang Joop sagte uns einmal, die Hamburgerin sei eine Mischung aus Pferd und Frau. Was ist die Berlinerin?

Vielleicht eine Mischung aus Kaninchen und Frau? So ein gemütliches Tier, das ein bisschen scheu und distanziert, dabei aber total süß ist.

Ein Kaninchen in Shorts und schwarzen Strumpfhosen, wenn wir uns in Berlin-Mitte umschauen.

Das ergibt natürlich keinen Sinn. Helle Jeansshorts, dunkle Leggings – und der Hintern leuchtet ungeahnt. Oder Leggings als Hosenersatz, das halte ich für keine angemessene Unterbekleidung. Im besten Fall sieht es nach Kindergarten aus.

So wie die bunten Fjällräven-Rucksäcke, die derzeit ein Revival erleben?

Die sind süß wie Bonbons, daher sind sie so beliebt.

Klären Sie uns bitte auf: Wann geht die Zeit der unlustig bedruckten Jutebeutel zu Ende?

Ich fürchte, das dauert noch. Einer der am wenigsten lustigen Aufdrucke ist ja „George, Gina und deine Mudder“, eine Referenz zu einer Marke, die relativ hässliche Taschen macht.

Zentraler Bestandteil der Herbstmode dieser Saison ist schon wieder das Karo. Besonders bei Männern. Ist das nicht langsam langweilig?

Ich bin ein Fan des Flanellhemds als Herbstbekleidung. Das wird wohl nie aufhören, weil es einfach kuschelig aussieht. Sicher, wenn es mit skinny Jeans, Doc Martens und Schnauzer kombiniert wird, dann vielleicht nicht.

Begrüßen Sie eigentlich die explosionsartige Vermehrung der Bärte in allen Varianten?

Ich lehne eigentlich nichts per se ab. Es ist ein bisschen wie beim Essen: Da gibt es auch nichts, was ich grundsätzlich nicht mag – außer Mais. Kommt der aber als Popcorn oder Polenta, liebe ich ihn! Genauso ist es mit der Mode. Ich kann nicht sagen: Leggings sind scheiße. Es gibt durchaus Arten, sie zu tragen, die ich super finde. Und es gibt durchaus wenige Männer, denen Schnauzer stehen.

Der Waldschrat erobert die Stadt.

Das kommt viel aus der Neo-Folk-Musik. Bon Iver, Devendra Banhart, die sehen doch alle so aus. Aber es gibt ja noch zig andere Extreme. In Berlin sieht man zum Beispiel oft diese sauteure Streetwear, wo die Turnschuhe schon 800 Euro gekostet haben, weil sie auf 20 Stück limitiert wurden.

Sie behaupten, manche Männer würden aus Trotz schlechte Anzüge tragen, weil sie eigentlich gar keine anhaben möchten.

Männer, die beruflich Anzug tragen müssen – Banker, Berater von Technikfirmen, Versicherungsangestellte – tragen oft aus Unwissen schlecht sitzende Anzüge. Sie haben einfach keine Lust, sich mit der Materie auseinanderzusetzen, und dieser Unlust unterstelle ich einen gewissen Trotz. Man will sich nicht mit so etwas Profanem wie Mode beschäftigen.

Der Designer Michael Michalsky sagt, Jeans mit Löchern seien nicht peinlich, wenn sie teuer waren. Einverstanden?

Keine Ahnung, das muss er entscheiden.

Sollten Löcher und Risse in Jeans nicht vielmehr dadurch entstehen, dass man über Weidezäune klettert, um zum geheimen Badesee zu gelangen?

Seien Sie nicht so streng. Wenn man keine Zeit hat, sich mit den Kühen zu suhlen, muss man das anders regeln und eine Hose bei „14 oz“ in der Neuen Schönhauser Straße kaufen.

Sie haben für Ihr Blog stilprägend Streetstyle fotografiert, nie Models, sondern Menschen von der Straße. Die „Brigitte“ geht gerade wieder den umgekehrten Weg.

Das war mir völlig klar. Ich hielt die Idee, nur noch „normale“ Frauen zu fotografieren, von Beginn an für ein Marketingkonzept. Die meisten der Frauen sahen im Prinzip aus wie Models und wurden dann genauso gestylt und fotografiert. Außerdem unterstellte man so quasi jeder Frau, sie wolle so sein wie ein Model. Dabei wird vergessen, was ein Model eigentlich leistet. Ich fotografiere genügend Leute, die keine sind und bis man zu einem Punkt gelangt ist, an dem sie sich vor der Kamera wohlfühlen, das dauert. Sie haben auch oft weniger Ausdauer als Models und können meist nicht mehr als ein, zwei Ausdrücke anbieten. Da ist es schwieriger, ein spannendes Editorial zu fotografieren.

Sie haben viele Menschen auf der Münzstraße in Mitte angesprochen, die sich in den letzten Jahren stark verändert hat. Kleine Boutiquen sind Flagshipstores großer Marken gewichen. Vermissen Sie etwas in der Gegend?

Ja, den kleinen Espressoladen im Knick der Neuen Schönhauser. Und es ist natürlich bezeichnend, dass Andreas Murkudis weggezogen ist. Das ist wohl auch der Grund, weswegen der Adidas-Shop dort eines Tag schließen wird.

Haben Sie eine Idee, was danach kommen könnte?

Das ist die entscheidende Frage , und das wird spannend zu sehen. Erst die Szene, dann Szenemarken – und am Ende kommt „Desigual“?

Andreas Murkudis hat sein Mode- und Designgeschäft nun in dem alten Tagesspiegel-Gebäude an der Potsdamer Straße.

Dort kann man eine lustige Entwicklung beobachten. Die Straße hat einige Entwicklungsstufen einfach übersprungen, in der Gentrifizierungskette fehlt eigentlich der erste Teil – ein bisschen so wie im Meatpacking District in New York. Bevor die Künstler und Studenten kommen konnten, waren Diane von Fürstenberg und Alexander McQueen schon da.

Noch ein Berliner Phänomen: Vor zehn Jahren wollte niemand eine Brille, jetzt gibt’s „ic!“, „mykita“ und „Lunettes“.

Ich wollte schon als 16-Jährige eine Brille, als Auswirkung eines pubertären Existenzialistenlook-Nachgeahmes. Doch leider stellte man bei mir erst mit 18 fest, dass ich für den Führerschein eine Brille brauchte. Ich habe mich dann blöderweise für ein extrem unvorteilhaftes Modell von „Fielmann“ entschieden. Nun ist es auf meinem Führerscheinbild und den Abifotos verewigt.

Sie kommen aus dem sächsischen Oschatz, wo Sie auf dem Bauernhof Ihrer Eltern groß geworden sind. Heute werden Sie von Chanel nach Paris eingeladen. Woher kommt Ihr Interesse für Mode?

Da muss ich wohl erst eine Psychoanalyse machen, um das herauszufinden.

Gut, fangen wir an: Gibt es ein Kleidungsstück aus Ihrer frühen Kindheit, das Ihnen etwas bedeutet? Warum lachen Sie?

Kann ich sitzen bleiben oder muss ich jetzt auf die Couch? Na in Ordnung, ich hatte einen coolen Jerseyoverall mit Minnie-Maus-Druck, den ich sehr liebte. Der erinnert mich an gemütliche Samstage.

Können Sie sich erinnern, als nach dem Mauerfall das erste Einkaufszentrum eröffnet hat?

Klar, am Rand von Leipzig, wir sind mit der Familie hingefahren. Da gab es Jeansketten wie „Jean Pascale“ und „New Yorker“. Ich mag diese Art Center nicht, dieses komplett sauber Durchgeplante gefällt mir nicht. Das „Alexa“ am Alexanderplatz zum Beispiel wurde mit unfassbar dominantem Gestaltungswillen errichtet und ist trotzdem hässlich.

Da sind Sie einer Meinung mit Klaus Wowereit, der das „Alexa“ als „Ort der Hässlichkeit“ bezeichnete.

Und diese Skulptur am Eingang ist eigentlich eine Verarsche der Weltzeituhr!

In Berlin gibt es bereits 60 Shoppingmalls, an der Leipziger Straße wird gerade gebaut, und an der Arena im Ostbahnhof ist eines in Planung.

Die Geschäfte sind sowieso immer dieselben, egal ob in Barcelona, Hamburg, oder Steglitz.

Für Ihren Blog besuchen Sie in letzter Zeit oft neue Restaurants und Coffeeshops, es heißt, Sie mögen gerne Leber- und Blutwurst. Nicht gerade typisch für eine Frau aus der Fashionwelt.

Ehrlich gesagt: Ich bin wieder Vegetarierin, seit ich letztes Jahr Jonathan Safran Foers „Tiere essen“ gelesen habe. Trotzdem, ich bleibe dabei: Blutwurst ist lecker. Besonders zum Frühstück, angebraten und mit einem pochierten Ei oben drauf.

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