Interview mit Brunello Cucinelli : "Ich wäre am liebsten Halbdeutscher"

Brunello Cucinelli gehört zu den reichsten Männern Italiens: Sein Kaschmirlabel liegt in den Luxusboutiquen aus. Jetzt eröffnet er seinen ersten Modeladen im Berliner Haus Cumberland. Eine ziemlich späte Annäherung - denn Cucinelli hat einen guten Grund, nach Deutschland zu kommen.

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Brunello Cucinelli: "Arbeit, Ordnung, Pünktlichkeit"
Brunello Cucinelli: "Arbeit, Ordnung, Pünktlichkeit"Foto: Promo

Alles ist vorbereitet: Auf einem Tisch türmen sich italienische Häppchen, die Kleiderbügel hängen in exakt gleichen Abständen nebeneinander, und der Teppich vor der Tür wurde schnell noch mal gesaugt. Donnerstagnachmittag in Charlottenburg, Haus Cumberland. Brunello Cucinelli will hier seinen ersten Berliner Laden eröffnen. 1978 hat er in der Nähe von Perugia sein nach ihm benanntes Label gegründet und ist durch seine zart-graue Kaschmirwelt zu einem der reichsten Männer Italiens geworden. Jetzt steigt bei den Mitarbeiterinnen im Haus Cumberland die Nervosität. „Hast du ihn schon mal persönlich getroffen?“, flüstert die eine. „Noch nie“, flüstert die andere. „Aber er soll eine Wahnsinnsausstrahlung haben.“ Es fährt ein Taxi vor, er steigt aus. Braune Schuhe, weiße Hose, blaues Sakko und ein großes Lächeln – Signor Cucinelli kommt.

Herr Cucinelli, von ein paar Pullovern zum Weltunternehmen. Wie macht man das?

Ich komme aus Umbrien – einer Region, die seit über 100 Jahren für Strickware bekannt ist. Das Material liegt mir sozusagen im Blut. Weil ich etwas im Luxusbereich machen wollte, kam ich auf die Idee, Kaschmir einzufärben. Die bunten Pullis von Benetton hatten mich dazu inspiriert. Eigentlich habe ich meine Geschichte aber den Deutschen zu verdanken. Als ich hörte, dass man hier immer pünktlich zahlt, dachte ich mir: Das ist meine Chance! Ich hatte anfangs ja kaum Geld. Und so fuhr ich vor über 30 Jahren auf meine erste Modemesse nach München.

Konnten Sie die Einkäufer dort sofort überzeugen?

Ich musste sie überhaupt erst mal auf mich aufmerksam machen, also habe ich mit ein paar Freunden im Hilton-Hotel ein Zimmer gemietet. Während die Türen der anderen Aussteller offen standen, hielten wir unsere geschlossen. Meine Freunde trugen ihre besten Anzüge, und alle 15 Minuten ging einer in den Flur hinaus und sagte laut: „Glückwunsch, Herr Cucinelli. Ihre Kaschmirpullover sind wunderschön!“ Das hat funktioniert. Nach drei Tagen hatten wir 11 800 Bestellungen.

Welche Philosophie steht in Ihrem Unternehmen im Vordergrund?

Ich bin auf dem Land groß geworden. Als ich 16 war, musste mein Vater einen Job in der Stadt annehmen und wurde dort sehr schlecht behandelt. Ich sah jeden Abend, wie er darunter litt und habe mir damals gesagt: Egal welche Arbeit ich später einmal machen werde, ich möchte niemandem Schaden zufügen.

Es heißt, Ihre Mitarbeiter verdienen 20 Prozent über dem Durchschnitt, jeder darf sich kreativ einbringen und mittags wird zusammen gegessen. Die heile Welt im kleinen Dorf Solomeo, wo Ihr Unternehmen sitzt, ist das auch ein Markenimage?

Es hilft vielleicht dem Image, es hilft aber vor allem auch der Kreativität. Wenn man gut behandelt wird, dann arbeitet man auch viel besser. Jeder Mensch hat eine Würde, und die muss man respektieren.

Ihr Unternehmen macht trotz der wirtschaftlich schlechten Lage im Land jährlich Millionenumsätze. Haben italienische Luxusmodemarken von der Bereitschaft, wieder mehr Geld für Qualität auszugeben, profitiert?

Sicher. Aber ich glaube, dass ganz Europa im Moment sehr große Chancen hat. Die „neue“ Welt – und damit meine ich Indien, Russland, Südamerika – schaut gerade mit Bewunderung zu uns herüber, denn was wollen die Leute heute? Ein deutsches Auto, eine Schweizer Uhr, französischen Champagner. Man muss ein hochwertiges Produkt haben und gute Mitarbeiter, die es herstellen. Dann funktioniert es.

Ihre Kollektionen sind stets in zarten Creme-, Braun-, und Grautönen gehalten. Wieso verzichten Sie konsequent auf Schwarz?

Schwarz ist so einfach. Man kann es zwar zu allem kombinieren, aber man zeigt damit auch, dass man sich keine große Mühe gegeben hat. Für Männer bevorzuge ich sowieso immer Blau, ich bin schließlich Italiener. Schwarze Anzüge – das gibt es in unserer Kultur gar nicht. Nur ein Smoking darf schwarz sein.

Im April 2012 haben Sie Ihr Unternehmen an die Börse gebracht.

Ja, ich glaube, dass wir dadurch mehr Sichtbarkeit auf dem Markt erlangen und internationaler werden. Die Investoren haben außerdem einen anderen Blick auf die Marke, das führt zu einem gesunden Austausch und macht das Unternehmen kräftiger.

Warum haben Sie trotz Ihrer frühen Geschäfte mit Deutschland erst jetzt einen Laden in Berlin eröffnet?

Luxus muss exklusiv bleiben, deswegen machen wir generell nur wenig neue Läden auf. Ich glaube aber, dass Berlin sich in spätestens zehn Jahren zur Hauptstadt Europas entwickelt hat. Es ist das Zentrum der Kunst, der Philosophie, der Literatur. Wir haben zwei Jahre nach einer Ladenfläche hier gesucht. Als mir dann dieses Objekt gezeigt wurde, wusste ich sofort: Das ist es.

Haben Sie sich bewusst für den gerade wiederentdeckten Westen entschieden?

Nein. Berlin hat zwei komplett verschiedene, aber schöne Seiten. Ständig denke ich: Was für eine beeindruckende Stadt! Aber ich bin ja auch in das Land verliebt und wäre am liebsten Halbdeutscher. Die Arbeit, die Ordnung, die Pünktlichkeit – das hat mich immer sehr inspiriert. Und jedes Mal wenn ich hier bin, muss ich den Deutschen danken: Sie waren die Ersten, die meine Pullis gekauft haben.

Das Gespräch führte Lisa Strunz.

Brunello Cucinelli, geboren 1953, beginnt 1978 mit der Herstellung von farbigen Kaschmirpullovern. Produziert wird ausschließlich in Italien, verkauft in eigenen Läden weltweit.

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