Interview : "Nächstes Mal muss ich es krachen lassen“

Lala Berlin zeigt nicht auf der Fashion Week und löst damit großes Aufsehen aus. Designerin Leyla Piedayesh erklärt ihre Gründe und warum es ihr damit ziemlich gut geht.

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Blick nach oben. Leyla Piedayesh will in Ruhe an der Kollektion arbeiten. Und zeigt deshalb nicht in Berlin. Foto: Michael Mann
Blick nach oben. Leyla Piedayesh will in Ruhe an der Kollektion arbeiten. Und zeigt deshalb nicht in Berlin. Foto: Michael Mann

Frau Piedayesh, in dieser Saison wird es keine Lala-Berlin-Schau auf der Fashion Week geben. Warum nicht?

Der frühe Zeitpunkt der Berliner Fashion Week ist ja immer schwierig gewesen. Mit der Größe meiner Firma und meiner Verantwortung für die Kollektion setzt mich das immens unter Druck. Deshalb habe ich diesmal beschlossen: Ich mache das nicht. Den Druck brauche ich nicht, ich muss eher Druck rausnehmen, um meine Struktur sauber hinzubekommen. Beim Wachstum einer Firma kommst du immer in eine Wellenbewegung. Das heißt, du musst einen Schritt zurücktreten, um zu gucken: Wie läuft alles, sind deine Mitarbeiter glücklich? Sind sie nicht – du bist ja eine Furie geworden.

Geht es Ihnen gut mit der Entscheidung, keine Kollektion zu zeigen?

Ich mache jeden Tag zehn Kreuze. Wir wären niemals zur Fashion Week fertig gewesen. Ich habe mir die Freiheit genommen, viele Teile auszuwechseln, und dann hatte ich noch offene Budgets, die ich in die Kollektion gesteckt habe. Jetzt bin ich ganz relaxed, und ich merke, dass auch eine Katastrophe keine Katastrophe ist.

Ist die Berliner Modewoche für Frauenmode zu früh in der Saison?

Wahnsinn. Wenn Berlin zeigt, sind alle im Urlaub, die Italiener, die Franzosen – die ganze Branche macht Ferien. Deswegen ist es schwer, rechtzeitig an Stoffe zu kommen und die Sachen produzieren zu lassen. Ende September fängt die Saison erst richtig an, und der Höhepunkt ist Anfang Oktober Paris. Alle anderen haben anderthalb Monate mehr Zeit.

In Berlin weiß niemand richtig zu schätzen, dass man als Erster in der Saison zeigt. Zählt nur das eigene Niveau?

Du bist die Erste, die Sachen zeigt, und wären wir in Paris, hätten wir Angst, dass die Kollektionen kopiert würden. Aber das interessiert hier ja keinen und international sowieso nicht.

Ihr Verzicht löste in Berlin leichte Panik aus. Was bedeutet das für die Modewoche?

Das finde ich super, da kann ich entspannt Party machen. Aber das ist nicht der Anfang vom Ende. Es ist der Beginn einer neuen Ära – beim nächsten Mal muss ich es krachen lassen.

Eine Fashion Week wird vor allem an wirtschaftlichen Maßstäben gemessen. Die Designer sollen ihre Sachen nicht nur jede Saison präsentieren, sondern dann auch verkaufen.

So funktioniert es. Aber du musst dich nicht der Maschinerie unterwerfen, wenn es gerade nicht passt. Jetzt wo ich hier so entspannt sitze, könnte ich mir auch vorstellen, mal eine Saison ganz auszusetzen, aber das ist sehr schwierig. Es sei denn, du machst einen exorbitanten Umsatz in der einen Saison. Aber dann wird es wieder schwierig: du hast Kunden, die budgetieren mit dir und wollen dich wieder verkaufen.

Die Absage einer Schau würde in Paris nicht so einfach verziehen.

Die sind natürlich strenger. Die großen Couturehäuser dürfen sich das nicht erlauben, weil dort alles noch mal eine andere Wucht hat. Auch für Berlin und Deutschland ist es wahrscheinlich inzwischen wichtig, eine Modenschau zu machen. Aber da geht es nicht um die Mode. Du liest ja selten etwas über die Kleidung. Das Gros ist immer noch sehr allgemein gehalten: Wer war bei der Party, wer sitzt in der ersten Reihe. In Paris und Mailand geht es extrem um die Mode, hier ist es ein gesellschaftliches Event.

Gibt es in Berlin zu viele verschiedene Veranstaltungen, um sich hier wirklich auf die Mode zu konzentrieren?

Ich habe mir mal die Schauen der New Yorker und der Londoner Fashion Week im Internet angeschaut. Das ist in Relation dem sehr ähnlich, was du in Berlin siehst. Wo du denkst: Warum muss das jetzt in eine Schau, was sind das für Farben und in welchem Kaufhaus wird das wohl verkauft? Nur von außen bekommt man das nicht mit. Da geht es um Designer wie Alexander Wang, Phillip Lim und Calvin Klein.

Das Ganze wird also inhaltlich stärker nach außen gepusht?

Das passiert bei uns nur über die junge Generation und der Rest verpufft. Aber in New York hast du 100 Shows und zehn sind richtig gut. Und von den 100 sind noch 40 so gut, dass du hingehen willst. Hier hast du nur 40 Shows und da sind dann zehn gut und 30 kannst du weglassen. Und drei sind fantastisch.

Fehlt da eine gesunde Selbsteinschätzung?

Ich glaube, es ist wichtig, dass du als Designer und Label eine gewisse Identität hast. Das heißt nicht, dass du deine Kollektion immer in Weiß halten musst. Aber es ist ganz wichtig, dass das, was du in Form einer Kollektion nach außen trägst, immer eine Identität bewahrt. Die geistige Haltung fehlt vielen. Die sind zwar total talentiert, haben einen super Geschmack, stehen aber nicht zu sich selbst und zu dem, was sie machen. Mein Look hat wahnsinnig viel mit mir zu tun, weil ich ihn selbst trage.

Bei den beiden vergangenen Schauen hatte man das Gefühl, die Marke Lala Berlin hat noch einen Schritt nach vorne gemacht.

Je länger du dabei bist, desto besser wird es. Ich studiere Mode ja nach wie vor. Und da kommst du immer mehr zu dem, was du bist und was du nach außen tragen willst. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass du mit der ersten Kollektion da stehst und alles begriffen hast – gerade mit meiner Vergangenheit.

Sie bringen als Betriebswirtin die idealen Voraussetzungen mit, ein Unternehmen zu führen. Bekommen Sie immer genau das, was Sie haben möchten?

Eine Mitarbeiterin von mir hat gesagt: „Ich finde deine Konsequenz so gut.“ Ich hätte von mir nie gedacht, dass ich im Design so konsequent bin. Ich lasse auch Meinungen zu, aber ich bin eine impulsive Person. Und manchmal kommt ein Stoff rein, der sollte orange sein und er ist kürbisgrün. Da sehe ich nur die Dollars, die mich das kostet.

Und Sie wissen, dass Sie kein Kürbisgrün wollen?

Neee, dann stelle ich alles um, da bin ich echt zickig.

Ihre Ausnahmestellung in Berlin beruht auch darauf, dass Sie inzwischen ein richtiges Unternehmen mit mehr als 30 Mitarbeitern haben.

Jetzt komme ich an eine Größe, wo ich merke: Du kannst es gerade noch führen. Der kreative Bereich und die Kollektion werden immer größer. Du musst dir viel mehr Gedanken machen über Farben, Modelle, Looks und Stoffe.

Sehen Sie sich als Vorbild?

Nein, das kann ich auch nicht, das habe ich an Fernsehbeiträgen gemerkt. Die polarisieren sehr stark und ich werde sehr oft missverstanden. Eigentlich ist mir das egal, ich will nur nicht dafür an den Pranger gestellt werden. Und niemand soll zu mir sagen: „Du darfst so nicht reden.“

Bedeutet Ihr Verzicht auf die Schau also keine Abwendung von der Berliner Mode?

Nein, und es ist spannend, weil so viel passiert. Bevor es die Modenschauen der Mercedes-Benz Fashion Week gab, hatten junge Designer in Deutschland überhaupt keine Plattform. Klar hätten die auf den Modemessen Bread & Butter oder Premium ausstellen können. Aber die Stadt zehrt ja auch von den Schauen.

Eine Entwicklung ist nur möglich, indem man sich zeigt, vergleicht und konkurriert?

Für den deutschen Markt ist es sowieso wichtig. Und der gehört in den Ratings immer zu den Top Ten für den Modehandel. Also, wenn dieser Markt so groß ist, hat das, was wir machen, auch eine Daseinsberechtigung.

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