Kindermessen in Berlin : Spielverderber!

Urbane Kleidung ist auf den Kindermessen in Berlin kaum zu sehen, es überwiegt Romantik. Das wirkt wie Erwachsenenträume, bei denen moderne Kinder nicht mehr mitmachen.

Ingolf Patz
Na, super! Das spanische Kindermodenlabel Yporqué macht Superhelden-Outfits
Na, super! Das spanische Kindermodenlabel Yporqué macht Superhelden-OutfitsFoto: promo

Prinz George und Charlotte haben ganze Arbeit geleistet. Kurze Hose über blaublütigen Knien rund ums Jahr und Rüschenkleidchen, die sorgfältig mit der Garderobe von Mummy Kate koordiniert sind, brechen wieder viele Herzen. Ein großer Teil der gehobenen Kindermode ist geprägt durch Fantasien von einer großbürgerlichen Zeit mit Kindern als der romantischen Krönung der vorangegangenen Hochzeitsmärchen.

Die andere große Inspiration für Kindermode ist die Ferienzeit: Ferien auf dem Land (anno 1900), Ferien an der See (zeitlos), Ferien in Goa (welches Jahr haben wir?). Nichts zu tun und unendlich viel Zeit für die Sprösslinge. Ganz ohne Stress, denn die Kleinen streifen ja schon wieder allein mit ihren Gefährten durch Margeritenwiesen und Weizenfelder ...

Doch was ist mit den ganzen Kindern, die nicht in die Uckermark fahren, was sollen die Emils tragen, die sich durch den Feinstaub um die Häuserecken herumdrücken? Urbane Kindermode, die nicht bloß niedlich, sondern stylisch und witzig ist – und das nicht auf Kosten der Kinder –, war die Ausnahme auf den zwei Kindermodemessen während dieser Fashion Week, Playtime und Cookies Show.

Das israelische Label Nununu (deutsch: „Nein, nein, nein!“) ist der Rockstar der Kindermode: grafisch, egdy, minimalistisch und unisex, dabei superbequem durch innovative Schnitte und vorgewaschene Stoffe. „Wir wollen eine andere Kinderkleidung machen. Eine, auf die Erwachsene neidisch sind, die sie gerne für sich selbst hätten“, sagen die Designerinnen Iris Adler and Tali Milchberg. „Wir wurden bekannt als das Label aus Tel Aviv mit der schwarzen Kindermode. Wir finden, dass Schwarz das Individuum glänzen lässt, und wollen die Kinder nicht mit Regenbogenfarben und Einhörnern überstimulieren.“ Inzwischen ergänzen jede Saison zwei starke Farben die coolen Stücke in Schwarz und Grau.

Für Sportsfreunde gibt es lässige Mode von Nununu
Für Sportsfreunde gibt es lässige Mode von NununuFoto: promo

Doch wer stets eine Antithese designen will, begibt sich auf eine Gratwanderung: Der Babybody mit Totenköpfen schockiert inzwischen vielleicht niemanden mehr, Prints von erwachsenen Handabdrücken auf Mädchentops sind aber ein zweifelhaftes Statement und gehen ganz einfach zu weit.

Was Nununu von vielen anderen Marken positiv abhebt, ist eine sorgfältig gestaltete kleinere Kollektion mit Mode für Jugendliche zwischen Kinder- und Erwachsenenmode, die von der Bekleidungsindustrie oft nicht individuell bedient werden. Nununu macht zwar auch erste Schritte in der Erwachsenenmode, die bei den Luxuslabels so angesagten Mummy-And-Me-

Looks sind jedoch nicht ihr Ding.

Das Label Zombie Dash aus Warschau wiederum kehrt die Dynamik dieses Partnerlooks spielerisch um. Hier sind die Teile für Erwachsene inspiriert vom Spaß, den nur Kinderklamotten möglich machen, nicht umgekehrt. Gefräßige Wesen wie Haie, Windelmonster und Außerirdische haben sich nicht nur auf den kräftigen Prints der Kinderklamotten des polnischen Labels breitgemacht. Toll sind die Taschen und Kapuzen, die sich geöffnet in Mäuler verwandeln. Wer sich einmal einer randvollen Windel genähert hat, wird die Ironie der großen Po-Taschen lieben, die auch bei dicker Hose optimale Bewegungsfreiheit garantieren. Ob bei diesen Taschenspielertricks irgendetwas sicher verstaut wird, darf allerdings bezweifelt werden. Auf, zu, auf, zu: Das ist der Rhythmus des Verbummelns.

In Schach gehalten wird die Monstermode von Yporqué (auf Deutsch: „Und warum?“) aus Barcelona. Die farbenfrohe Mischung aus 70er-Jahre-Sportbekleidung und Superheldenkostümen (eher TV-Version als großes Kino) garantiert seinen Trägerinnen und Trägern maximales Selbstbewusstsein und Bewegungsfreiheit. Ein origineller Mix, der dennoch ganz im Trend liegt. Denn die sportiven Streifen, wichtiges Stilelement der Entwürfe von Yporqué, kommen aus dem aktuellen Athleisure-Thema. Extraspaß versprechen integrierte Gadgets wie Töne oder fluoreszierende Drucke.

Wie deutsche Eltern mit UV-Phobie wohl zu den kleinen, sternförmigen Aussparungen in Yporqués Bademode stehen, die ein niedliches Sonnentattoo auf den blassen Körperteilen hinterlassen? Jedenfalls immer schön eincremen!

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