Kreuzberg : Massenshopping für einen Öko-Kiosk

Hunderte haben sich am Samstag zum Einkaufen verabredet. Ein Laden in der Wiener Straße wird mit dem Geld umweltgerecht saniert.

 Lea Hampel
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Hereinspaziert. Im Spätkauf von Cengiz Kimyeci in der Wiener Straße dürfte es am Nachmittag eng werden. Foto: Mike Wolff

So ein bisschen öko ist Cengiz Kimyeci schon. Aber eben nur ein bisschen, denn noch stehen Sojamilch und Biobier in den Regalen seines Spätis, also Spätverkaufs, in der Wiener Straße 40 neben Korn und Gummibärchen. Bionade und Ökoklopapier kann man in dem Kreuzberger Laden bis in die Nacht aber schon kaufen. Und in den meisten Lampen an den bunt bemalten Wänden stecken Energiesparglühbirnen. „Das ist aber nicht genug“, sagt Philipp Glöckler. Der 25-Jährige beschäftigt sich mit Nachhaltigkeit. Und damit Kimyecis Laden „Multikulti“ so richtig schön öko wird, hat er für den heutigen Sonnabend im Laden etwas ganz Spezielles geplant: einen „Carrotmob“.

Carrotmob, das bedeutet: Es verabreden sich so viele Menschen wie möglich, um zu einer bestimmten Uhrzeit in einem bestimmten Laden einzukaufen. Der Ladenbesitzer hat in dieser Zeit einen besonders hohen Umsatz. Einen Anteil davon, den er vorher mit den Carrotmobbern vertraglich vereinbart hat, investiert er in eine energieeffizientere Umgestaltung seines Ladens. Carrotmob heißt das Ganze, weil die Aussicht auf mehr Umsatz, ein besseres Image und einen energieeffizienteren Laden „die Karotte ist, die wir dem Unternehmer vorhalten, damit er nachhaltig wirtschaftet“, sagt Philipp Glöckler. Er selbst ist Inhaber eines Öko-Mode-Labels.

Im Frühjahr vorigen Jahres hörte Glöckler vom ersten Carrotmob in San Francisco, und die Idee gefiel ihm sofort. In den vergangenen zwei Monaten entwarf er zusammen mit Freunden ein Logo, engagierte einen Energieberater und schrieb Ankündigungen im Internet. Dass der erste deutsche Carrotmob in einem Spätkauf und nicht im Biomarkt stattfindet, war ihm besonders wichtig. „Die Leute, die in Bioläden gehen, kaufen schon bewusst ein. Ich will den normalen Konsum ändern und die Leute zum Nachdenken bringen“, erklärt er. Einen geeigneten Laden zu finden, war gar nicht so einfach. Zwar wollten viele Spätkaufbesitzer mitmachen, als Glöckler und sein Team drei Tage durch Kreuzberg zogen und nachfragten. Die meisten waren aber nicht bereit, den Carrotmobbern auch ein Mitspracherecht für den umweltfreundlichen Umbau ihres Ladens einzuräumen.

Ganz anders war da Cengiz Kimyeci vom „Multikulti“. Er war von Anfang an begeistert von der Idee. „Das ist eine Investition in meinen eigenen Laden“, sagt er, „als Geschäftsmann konnte ich nicht nein sagen.“ Und weil von ihm auch das beste Angebot kam, entschieden sich die Carrotmobber für den „Multikulti“. 35 Prozent des beim Carrotmob erwirtschafteten Umsatzes wird Cengiz für neue Fenster und eine bessere Isolierung verwenden. Damit die nötigen 2000 Euro dafür zusammenkommen, müssten am heutigen Sonnabend zwischen 16 und 19 Uhr also 600 bis 700 Leute einkaufen.

Das klingt optimistisch und könnte für Kimyeci vor allem eines sein: anstrengend. Sein Laden ist nicht einmal 40 Quadratmeter groß, es wird eng. Doch er sagt: „Das kriegen wir hin.“ Die Polizei ist längst informiert, Straßenmusiker werden wahrscheinlich auch vor dem Laden spielen. Geht es nach Glöckler, sollten die Regale am Ende leer sein, damit im Laden auf Ökostrom umgestellt werden kann. „Dann könnte ich zum ersten Mal nach einem Jahr wieder sonntags ausschlafen“, sagt Kimyeci. Spätestens am Montag muss er aber wieder früh aufstehen. Dann soll der Umbau auch schon beginnen.

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