Lesestoffe: Aufdrucke sind allgegegenwärtig : Sprüche gehören dazu, auf T-Shirts, Tüten, Wänden

Hier ein lustiger Text, da eine besinnliche Weisheit - überall ist irgendetwas zum Lesen. Der moderne Mensch hat sein Hab und Gut als Werbefläche in eigener Sache entdeckt und bedruckt es mit Botschaften. Muss das eigentlich sein?

von
Na dann mach mal! Konkret und abstrakt zugleich. Das ist das Geheimnis des lustigen Aufdrucks. Und noch lustiger wird’s, wenn damit mehrere Leute rumlaufen.
Na dann mach mal! Konkret und abstrakt zugleich. Das ist das Geheimnis des lustigen Aufdrucks. Und noch lustiger wird’s, wenn...Foto: picture alliance / dpa

Der Papst könnte es sich bei seiner Osterbotschaft leicht machen. Er könnte sich auf den Balkon des Petersdoms in Vatikanstadt vor die üblicherweise zu Zehntausenden dort versammelten Menschen stellen, die Arme zum Segen heben – und nichts sagen. Stattdessen würde, was er mitzuteilen wünscht, auf seinem Gewand stehen. „Urbi et orbi“ zum Selberlesen.

Voll im Trend läge er damit auf jeden Fall. Botschaftssendungsfreude ist allgegenwärtig. Auf T-Shirts, Pullovern, Mützen, auf Jutebeuteln, Seesäcken, Handtaschen, Smartphoneschutzhüllen, Tassen, Tellern, Badvorlegern und Zimmerwänden.

Die Botschaft macht kenntlich in der unverbindlichen Welt

Es sei eine „Tattooisierung der Personen selbst und ihrer Umgebung“, die da um sich gegriffen habe, sagt Axel Venn, in Berlin lebender emeritierter Professor für Gestaltung an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim. Und das sei durchaus als eine Reaktion auf die strukturellen Veränderungen der sozialen Gesellschaft zu verstehen, in der die vielen einzelnen Menschen sich mit ihrer Smartphone-Internettechnik ihre vielen einzelnen Individualwelten schaffen. Ein T-Shirt-Aufdruck mache in der dadurch entstandenen Unverbindlichkeit kenntlich und schaffe rare realweltliche Anknüpfungspunkte nach dem Motto: „Guck, der ist wie ich“.

Die Qualität der präsentierten selbstvermarktenden Botschaften ist dabei laut Venn von nachrangiger Bedeutung. Ihr Charme liege in ihrer Unkonkretheit. Und so bieten längst ungezählte T-Shirt-Printshops Aufdruckfloskeln mit großer Allgemeingültigkeit an. „Oma sagt, ich darf das“, „Spitzenbraut“, „Ich schmeiß alles hin und werd Prinzessin“ und Sonstiges, was für alles und nichts passen kann – also die Träger der Botschaft jenseits aller Plakativität auf nichts festnagelt. Die durch den Spruch überwundene Unverbindlichkeit wird durch dessen Vagheit direkt wieder hergestellt. Motto: Könnte ein Gag sein.

2008 war das Jahr des "Is mir egal, ich lass das jetzt so"

Venn erinnert sich an ein T-Shirt, auf dem nur das Wort „Genau“ stand. „Das fand ich großartig“, sagt er. Weil es dem Betrachter alle Denkarbeit überlässt und zugleich dem Träger eine leicht ironische Lässigkeit andichtet, die nichts übertrieben wichtig und ernst nimmt (zumindest wird eine dahingehende Absicht transportiert, was ja auch etwas heißt). In Berlin haben Lässigkeitsbotschaften 2008 einen Boom erlebt, als die abgabetermingeplagte Designstudentin Jana Reich „Is mir egal, ich lass das jetzt so“ linksbündig auf T-Shirts druckte. Die lakonische Schicksalsergebenheit kam gut an, und bald gab es Variationen („Is mir egal, ich trink das jetzt noch“) und Entgegnungen: „Kannst du so machen, dann ist es halt kacke“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben