Miroike : Von den Socken

Miroike macht handgefertigte Avantgardeschuhe. Ihr wichtigstes Modell: Der "Sock-Boot".

Jemima Gnacke

Im hintersten Teil von Kreuzberg, neben dem Görlitzer Park, verbirgt sich eine Schuhmanufaktur mit Seltenheitscharakter. Eine erstaunlich warme, wohnliche Fabriketage im Hinterhof, wo nicht nur gearbeitet wird, sondern auch gelebt.

Ulrike Seidel und Ramiro Calderón Alvarado, ein gemütliches Duo, philosophieren über die Damenschuhe, die sie offiziell seit vier Jahren unter ihrem Label Miroike herausbringen. Wer von beiden was sagt, ist eigentlich egal – es herrscht Einigkeit.

Die Schuhe von Miroike sind schwer einzuordnende, individuell gefertigte Kunstwerke. Gerade die unperfekten Einzelheiten machen sie interessant. Bei der Abschlusskollektion der beiden Designer 2002 wurde die Idee zu den späteren Schuhkollektionen durch Zufall geboren: „Als Stylingidee zogen wir Strümpfe über Schuhe. Das gefiel unserer Professorin, Vivienne Westwood, so gut, dass sie uns ermutigte, den heutigen ,Sock-Boot‘ weiterzuentwickeln.“

Das ist ein Lederstiefel mit tiefergelegter Absatzmulde, die an venezianische Brücken erinnert, und mit einem Strumpfbündchen am Schaftrand. Wiederkehrendes Element sind die Faltenwürfe am Fußspann.

Der „Sock-Boot“ ist das Miroike-Modell, das am besten funktioniert; Jahr für Jahr wird es weiterentwickelt. Die ersten fünf Schuhtypen stellten Seidel und Calderón Alvarado bei der Modemesse Premium 2004 vor und etablierten sie 2005 fest. Vom Prototyp bis zum fertigen Modell hatte es zwei bis drei Jahre gedauert.

Alles entsteht in Eigenherstellung; in Europa gehören Miroike zur Avantgarde des Schuhdesigns: „Wir brauchen mindestens 140 Arbeitsschritte für jeden Schuh. Bei einem solchen Aufwand kommen nur nachhaltige Materialien wie pflanzlich gegerbtes Leder aus Italien infrage.“

Bis alle Arbeitsschritte entwickelt waren, improvisierten sie mit Holz. „Wir sind beide ohne Konsum aufgewachsen und mussten vieles selber machen, da kommt man schnell auf praktische Lösungen.“

Kennengelernt haben sich Ulrike und Ramiro vor zehn Jahren im Studium an der UDK und relativ bald festgestellt, dass sie gut zusammen arbeiten können. Miro ist für die Produktion zuständig, Ike für die Organisation. Beim Design kreuzen sich die Wege (daher auch der Name Miroike).

Inzwischen ist ihre Kollektion eigenständig und wird in internationalen Departmentstores ebenso wie in kleinen Boutiquen verkauft. Ein Teil geht aber auch an Privatkunden, denen die künstlerische Atmosphäre im Atelier gefällt. Um diesen potenziellen Kunden zu begegnen, zeigt das Duo seine Kollektionen zweimal jährlich in Paris und auf der Premium in Berlin. Gerade erweitert sich der Radius nach Japan.

Seidel und Calderón Alvarado besitzen kein spezielles Marketingkonzept, sie sind einfach nach ihren eigenen Interessen gegangen und dabei auf eine Lücke gestoßen: „Wir sind Avantgarde, legen aber Wert auf handwerkliche Tradition.“

Die Liebhaberstücke mit bemalten Sohlen aus grubengegerbtem Leder werden auf Wunsch auch angefertigt. Von der Bestellung zum fertigen Produkt dauert es bis zu sieben Wochen. Die Auswahl reicht von Sandalen über Ballerinas bis zu Overkneestiefeln, die Preise fangen, je nach verwendeter Materialmenge, bei 500 Euro an.

Formen oder Farben sind absolut variabel und richten sich nicht zwingend nach bestehenden Trends, sondern nach dem Variantenreichtum der Socke; sie ist und bleibt Hauptinspirationsquelle. Ob Rautendesign, schottisch, englisch, ob Gamaschen oder Zopfmuster, selbst in die Strickkollektion der Kleiderlinie von Miroike geht der Leitfaden über.

In der anfänglichen Zusammenarbeit mit Schuhmachermeistern aus der Orthopädie wurden die Designer schon mal belächelt. Die Handwerker hätten gerne Falten geglättet und perfekte Proportionen hergestellt, aber ganau das hätte die Handschrift von Miroike zerstört.

Es geht ihnen darum, durch ausgefallene Kombinationen und Verarbeitungstechniken das Material in den Vordergrund zu rücken. Ihr Hauptaugenmerk legen die beiden auf Qualität, Stückzahlen sind den autodidaktischen Idealisten nicht das Wichtigste, obwohl 2009 ihr bisher erfolgreichstes Jahr ist.

„Abgesehen von unliebsamer Bürokratie ist das Jonglieren zwischen Leistenregal, Modelltisch und Nähmaschinen unser Traumjob.“ Ohne ihre Freude und das Herzblut, mit dem sie am Werk sind, wäre das undenkbar. Sie ergänzen sich gut. Ihr Traum wäre, dass alles so weiterläuft wie bisher. Gerne im Hinterhof, in Kreuzberg. Wer braucht schon Massenproduktion! Jemima Gnacke

Alles über Miroike im Internet unter www.miroike.com

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