Mode aus Paris für Berlin : Trends im Transit

Als Paris noch Mittelpunkt der Modewelt war, bemühten sich die Berliner Couturiers, ihrer Kundschaft einen getreuen Abglanz des französischen Chics zu bieten.

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Baskenmütze getragen von Model Gloria. 1967 machte der Berliner Fotograf Hubs Flöter dieses Bild.Foto: Kunstbibliothek

In den sechziger Jahren verstand sich West-Berlin zwar als Schaufenster des Westens, war aber nur durch enge Transitwege mit der bewunderten Kultur der Metropolen Paris, London, Rom, New York verbunden.

Was für die gesamte Gesellschaft galt, prägte auch die Mode. Zwar hatte sich in West-Berlin in den ersten Nachkriegsjahren wieder eine eigene Couturekultur mit prominenten Modeschöpfern wie Uli Richter oder Heinz Oestergaard entwickelt – an einen selbstständigen Berliner Stil war aber noch nicht zu denken. Damals war die Modewelt einfacher strukturiert, der unumstrittene Mittelpunkt war Paris. Höchstes Ziel der stilbewussten und zahlungskräftigen Bürgergattinnen in der Mauerstadt war, trotz aller Hemmnisse möglichst so auszusehen wie ihre Vorbilder in der französischen Hauptstadt.

Vermittelt wurde dieses Ideal wie heute durch die Medien. Neben den einschlägigen Magazinen hielt auch der Tagesspiegel die Berlinerin mit einer wöchentlichen Modeseite über die neuesten Trends auf dem Laufenden. Die Autorinnen ließen ihren Leserinnen eine umfassende Stilberatung angedeihen, die gern auch mit Benimmregeln versetzt war und ein unterhaltsames Sittenbild der Epoche liefert.

Als Ideal galten in den sechziger Jahren die Pariser Couturehäuser. Im Tagesspiegel fanden sich ausführliche Berichte über die aktuellen Einfälle von Coco Chanel, Christian Dior oder André Courrèges. Mit geradezu erzieherischem Impetus wurden die Kollektionen bis ins kleinste Detail beschrieben, um der Berliner Dame einen eindeutigen Leitfaden an die Hand zu geben. Dass dabei die bürgerlich gebildete Kundin angesprochen werden sollte, machen die eingestreuten Anspielungen auf den klassischen Bildungskanon überdeutlich. In den jährlichen Bademodeberichten tummeln sich Aphroditen und Nixen, und der Meeresgott Poseidon darf sich an den leicht bekleideten Damen erfreuen.

Doch trotz aller spielerisch-leichten Modebegeisterung ließen sich die Schattenseiten der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart nicht ausblenden. Ganz unvermittelt beschreibt die Moderedakteurin Cordula Moritz in einem Artikel über aktuelle Mantelmode ihren ersten, aus Militärbeständen zusammengenähten Mantel, oder beklagt, dass in einer eingeschlossenen Stadt keine sportive Mode entstehen könne: „Es gehört die ländliche Umgebung dazu, die Verbundenheit mit der Natur, die Weite des Horizontes, die Länge der Straßen, die von keinen Sperren und Grenzen verbarrikadiert sind.“

Begleitet wurden die Artikel zumeist von Illustrationen des legendären Modezeichners Gerd Hartung, aber auch der Modefotografie boten die Seiten des Tagesspiegels ein Forum. Die kleinen Schwarz-Weiß-Reproduktionen vermittelten zwar nur einen begrenzten Eindruck der zunehmend farbenfrohen Entwürfe, konnten aber doch den allgemeinen Wandel des Zeitgeschmacks dokumentieren. Die radikale Modernisierung des Frauenbildes in jenen Jahren lässt sich an der Gesamtinszenierung – Frisuren, Make-up, Typus der Models und Wahl der Szenerie – ablesen. Ganz so weit wie das Berliner Modehaus „Norbert’s Boutique“, das seine Modefotos wie Filmstills inszenierte oder die Models zu einem revolutionären Gruppenbild mit Fahne antreten ließ, ging man beim bürgerlichen Tagesspiegel dann aber doch nicht.

Die West-Berliner Bürgerin dürfte sich auch in einer Zeit, von der eher die progressiven Strömungen im kulturellen Gedächtnis geblieben sind, hauptsächlich Gedanken über die Details ihres klassischen Kostüms und dessen korrekten Pelzbesatz oder die gerade in Paris favorisierten Rockmodelle gemacht haben.

Aber natürlich konnte sich trotz des Wirtschaftswunders kaum eine Berlinerin ein echtes Chanel-Kostüm leisten. Dafür gab es die einheimischen Modehäuser. Die taten alles, um den Damen zumindest einen möglichst getreuen Abglanz des Pariser Chics zu bieten.

Ganz einfach war das nicht. Heute ist kaum noch nachvollziehbar, welcher Methoden sich die Modeschöpfer seinerzeit bedienen mussten, um mit den neuesten Trends mithalten zu können. Informanten, wie die Zeichnerin Trude Rein, wurden zu den Pariser Schauen geschickt, die das Gesehene nach der Veranstaltung auf detaillierten Skizzenblättern festhielten und den heimischen Kreateuren entscheidende Anregungen für die nächste Kollektion lieferten.

Das archaische Prinzip des Musterblattes haben schon die Künstler des Mittelalters und der Renaissance angewendet. Dass es gerade in einer Zeit, die so viel Wert auf die konsequente Modernisierung aller Lebensbereiche setzte, noch einmal eine so große Rolle spielte, erscheint aus heutiger Sicht fast paradox. So kam ein Stück Paris in die Mauerstadt – allerdings mit einer Saison Verspätung.

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