Mode: Ausstellung zu Kimonos : Kunst zum Anziehen

Das Bröhan-Museum zeigt moderne Kimonos aus Japan.

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Kimonos im Bröhan-Museum von Mutter und Tochter Shimura.
Kimonos im Bröhan-Museum von Mutter und Tochter Shimura.Foto: promo

Kleidung und Kunst – wie oft wurde schon gestritten über Schnittmengen, Abgrenzungen, Definitonen? Die Sonderausstellung „Kimono“ im Charlottenburger Bröhan-Musem wirft die Frage erneut auf: Die Gewänder aus dem Atelier von Japans wohl bekanntester Weberin Fukumi Shimura und ihrer Tochter Yoko vereinen Historie und Moderne, Regelwerk und individuelle Ausdruckskraft. Die unveränderliche T-Grundform des Kimono beleben die beiden Frauen mit abstrakten Mustern. Inspiriert werden sie dabei vor allem durch die Natur. Verkitschte Reiher-Motive wird man auf ihren Stoffen aber nicht finden. Und mit den flattrigen Fetzen, die große Bekleidungsketten heute als Kimonos verkaufen, haben die imposanten Stücke aus Japan ohnehin nichts gemeinsam.
„Alter Schnee“, „See unter dem Mond“ und „Wind in der Ebene“ – die Shimuras betiteln ihre Kimonos wie bildende Künstler ihre Gemälde und Zeichnungen. Die Themen setzen sie in abstrakten, fast impressionistischen Bildern um. Um alten Schnee darzustellen, wurden etwa graue, braune und blaue Garne verwebt. Die Nuancen eines Spätwintertages treten überraschend deutlich hervor.

Mutter und Tochter fertigen die Kimonos zum Anschauen und Tragen

Die Shimura-Frauen sind aber nicht allein Künstlerinnen, sondern fraglos auch Handwerkerinnen: Die Seide kommt aus der eigenen Raupenzucht und wird von Hand eingefärbt. Dabei orientieren sie sich an den überlieferten Fertigungsweisen: Indigo gerät demnach am besten bei Vollmond. „Sie glauben auch, dass die Haltung des Künstlers das Farbergebnis beeinflusst“, sagt Grosskopf. Die verwendeten Hölzer, Wurzeln und Kräuter stammen fast ausschließlich aus der näheren Umgebung rund um Kyoto. Mit Sappanholz erzielen die 90-jährige Fukumi Shimura und ihre Tochter blasse und sogar grelle Rosa- und Rottöne, für graue Nuancen verwenden sie Stechpalme.
Breit auseinandergefaltet werden die Kimonos, allesamt aus den vergangenen drei Jahrzehnten, im Bröhan-Museum auf eigens gefertigten Aufhängungen wie textile Skulpturen präsentiert. Und dennoch: Es sind Kleidungsstücke, die zum Tragen, nicht nur zum Anschauen da sind. Sie sind zwar nicht fertig vernäht, das Futter fehlt noch, doch so, wie sie jetzt in Berlin hängen, würden sie von der japanischen Kundschaft im Atelier „Ars Shimura“ betrachtet und ausgewählt werden. Denn Kimonos gehören auch rund 1000 Jahre nach ihrer Entstehung zur japanischen Garderobe – wenn auch nur noch bei besonderen Anlässen.

Zu den Kimonos werden Werke des Jugendstils gestellt

Mit der Öffnung Japans durch den Abschluss des Vertrages von Kanagawa im Jahr 1854 verbreitete sich die westliche Kultur im bis dato weitgehend isolierten Inselstaat und nistete sich im Alltag, also auch im Kleiderschrank, ein. Die Einflüsse, die wiederum aus Fernost nach Europa schwappten, faszinierten hiesige Künstler und Kunsthandwerker und sorgten um die Jahrhundertwende für ein regelrechtes Japan-Fieber. Diese Verbindung nutzt das Bröhan-Museum, um aus den eigenen Beständen und Leihgaben zu schöpfen. Das kleine Haus im Schatten des Museums Berggruen ist Berlins erste Adresse in Sachen Jugendstil. Und besonders die Künstler des Jugendstils konnten sich dem Sog Japans kaum entziehen – wenngleich sie sich bis auf Gustav Klimt nie näher mit dem Kimono beschäftigten.

In kleinen Annex-Räumen – leider deutlich separiert von den Kimonos der Shimuras – werden japanistische Objekte, Bilder und Grafiken gezeigt, etwa von Emil Orlik, der nach einer ausgedehnten Reise im Jahr 1900 mehrere Farbradierungen und Lithografien unter dem Titel „Aus Japan“ anfertigte. Die Straßenszenen, die Darstellungen vom traditonellen Fest der Knaben, von Frauen in Kimonos, von Tempeln und Landschaften waren beliebte, weil neue und exotische Motive.
Vor allem aber inspirierte Japan das Kunsthandwerk, wie die Schau deutlich zeigt: Bei Tee-Service und Vasen wurden die schlichten Formen und abstrakten Laufglasuren der japanischen Porzellankunst häufig aufgegriffen – ein Trend, der das 20. Jahrhundert nachhaltig beeinflusste. Wie nahtlos sich Moderne und japanische Tradition heute noch verbinden lassen, zeigen nebenan die Kimonos der Shikumas – seien sie nun kunstvolle Kleidung oder kleidsame Kunst.

„Kimono“ (bis zum 6.9.), Bröhan-Museum, Schloßstraße 1a, Charlottenburg.

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