Mode: Mira von der Osten : Wo die bunten Steine wachsen

Da soll noch einer sagen, wirklich überraschende Ideen seien in der Mode selten geworden. Die Berliner Designerin Mira von der Osten züchtet Kristalle auf Röcken und Kleidern und will damit den Gegenbeweis antreten.

Ann-Kathrin Riedl
Das schöne Labor. Die Designerin Mira von Osten züchtet im Atelier Kristalle auf ihren Stoffen. Das sieht dann aus wie Raureif.
Das schöne Labor. Die Designerin Mira von Osten züchtet im Atelier Kristalle auf ihren Stoffen. Das sieht dann aus wie Raureif.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Umringt von Galerien, befindet sich in der Berliner Auguststraße ein Modeatelier, in dem ebenfalls Kunstwerke entstehen – und zwar Naturkunstwerke. Auf einem Tisch stehen Reagenzgläser neben Unterlagen mit kompliziert aussehenden Anweisungen. Daneben hängen auf einer Stange die Resultate der Experimente: Röcke und Oberteile aus langhaarigem Alpaka, die wirken, als habe sich Raureif auf ihnen festgesetzt. Erst bei näherem Hinsehen fällt auf, dass es sich um kleine, filigrane Kristalle handelt, die auf dem Stoff gewachsen sind.

Tagelange Bäder in Lauge sind dazu nötig. Je nach Konzentration, Temperatur und Dauer des Bades entstehen unterschiedliche Muster und Kristallgrößen. Designerin Mira von der Osten entwickelte das Verfahren für die aktuelle Winterkollektion ihres Labels Cruba. Ausgangspunkt für die Idee war der Besuch bei einem leidenschaftlichen Steinsammler in Potsdam.

Ursprünglich hatte die Designerin geplant, dessen Sammlung zu Recherchezwecken abzufotografieren, doch auf den Bildern wirkten die Kristalle und Mineralien flach und verloren ihren Reiz. Mira von Osten begriff, dass sie den verästelten Gebilden durch Drucke niemals gerecht werden konnte. „Ich war ratlos. Aber dann kam der Gedanke: Welche Bedingungen braucht es in der Natur, damit Kristalle wachsen können? Kann ich sie nachstellen?“, sagt sie. Die größte Hilfe bei den folgenden Versuchen seien „unendlich viele YouTube-Tutorials“ gewesen. Trotzdem bleibt das Ergebnis immer unberechenbar. Auch lassen sich nie exakt dieselben Bedingungen herstellen, wodurch jedes mit Kristallen überzogene Stück ein Unikat bleibt.

Drucke gibt es doch zu sehen, ebenfalls mit spezieller Note. Abstrakte Edelsteingebilde sind nicht direkt auf Kleider und Tops gedruckt, sondern in Form vieler kleiner Noppen, wie man sie von der Unterseite warmer Wintersocken kennt.

Die Freude am Experimentieren hatte von Ostens Team regelrecht infiziert. Für die folgende Sommerkollektion schlüpften sie in Kittel und Flip Flops und tauchten die Kollektionsteile in Bäder aus Indigo. Ein Gespräch mit dem südafrikanischen Tiefseetaucher Nuno Gomes habe die Inspiration dazu geliefert, erzählt die Designerin. Tatsächlich erinnert die Färbung durch die helleren Stellen, die bei dem Verfahren unvermeidbar sind, an tiefblaues Wasser, durch das Lichtstrahlen schimmern.

Die Mode von Cruba zeichnet die Bereitschaft aus, Dinge anders anzugehen als gewöhnlich. Schon die Auflösung des Labelnamens lässt es erahnen: „Creating a Resolution Using a Berlin Argument“. Was versteht Mira von Osten unter einem typisch Berliner Argument? „Sich auf die Stadt einzulassen – und zwar auf alles. Genauso wie es hier großen Weltschmerz gibt, gibt es auch viel Leichtigkeit.“

Genau die sei es auch gewesen, die der Designerin bei jedem Besuch in Berlin ein Kribbeln im Bauch verschafft habe und wegen der sie 2008 hier ihr eigenes Label gründete. Die Tochter eines Diplomaten wuchs in New York auf und hatte jahrelang für Modehäuser wie Tommy Hilfiger und Maison Margiela gearbeitet.

"Mundpropaganda spielte eine wichtige Rolle"

Dennoch gestalteten sich die Anfangsjahre des Labels schwierig, was auch an speziellen Anforderungen Mira von der Ostens gelegen haben mag: Sie lässt ausschließlich im Umkreis von 250 Kilometern rund um Berlin produzieren. „Die passenden Leute zu finden, war ein langwieriger Prozess. Mundpropaganda spielte eine wichtige Rolle.“

Doch die Suche lohnte sich, denn das Umland der Hauptstadt bietet ein großes, bislang noch wenig genutztes Potenzial. Als nach der Wende viele Firmen ihre Produktion ins Ausland verlegten, gab es hier Einzelpersonen, die Betriebe in kleinerer Form weiterführten. Auch schlossen sich einstmals angestellte Näherinnen zusammen und eröffneten eigene Ateliers. Diese würden nun mit umso mehr Leidenschaft und handwerklichem Können arbeiten. „Gerade an der Grenze zu Polen gibt es einzigartige Betriebe.“

Schöner Stoff.
Schöner Stoff.Foto: promo

Wenn Mira von der Osten davon spricht, kauft man ihr ab, dass sie es ernst meint. „Es gibt so viele schlechte Nachrichten über Mode, dass ich das Gefühl hatte, wir müssen davon wegkommen und die Branche wieder positiver belegen“, sagt sie. Sie selbst hat das Gefühl, nur dann die Kontrolle zu haben, wenn sie ihre Produzenten persönlich kennt.

Das ist auch deshalb ein Vorteil, weil die Entwürfe der Designerin viele Rücksprachen nötig machen. Am liebsten arbeitet sie direkt an der Puppe. Das Ergebnis sind ausgefallene Drapierungen und asymmetrische Linien. Den Kragen eines Mantels aus knallgelbem Kaschmir könnte man für einen Schal halten, so locker fließt er über die Schultern. Und einige Kleider erinnern mit überlappenden Faltenwürfen an Origami.

Wo immer es geht, versucht Mira von der Osten auf Nähte zu verzichten. „Wir haben uns an vieles gewöhnt, was gar nicht so sein müsste.“ Sie würde sich auch gerne vom System der Sommer- und Winterkollektion verabschieden und in Zukunft dazu übergehen, „Stories“ zu entwerfen, eine kleinere Anzahl von Stücken, die eine Geschichte erzählen.

In den Kalender einer Modewoche würde Cruba sich dann nur noch schwer einfügen lassen. Doch darin sieht Mira von Osten keinen Nachteil. Bislang zeigte sie ihre Entwürfe in New York und in Paris im Rahmen des Berliner Showrooms. Während der Fashion Week in Berlin lädt sie die Einkäufer und Journalisten in ihr Atelier ein. Trotzdem spielt sie von Saison zu Saison mit dem Gedanken, vielleicht doch auf dem Berliner Laufsteg zu zeigen. Die Entscheidung für das Kaufhaus Jahndorf als neuen Veranstaltungsort begrüßt sie. In der Vergangenheit habe es zu viel Hin und Her gegeben. Sie findet es gut, das Provisorium der Zelte aufzugeben und sich auf das typisch Berlinerische zu besinnen. „Für eine Modewoche braucht es kein Wahrzeichen im Hintergrund. In New York findet die Fashion Week auch nicht vor der Freiheitsstatue statt, in Paris nicht vor dem Eiffelturm.“

- Cruba, Auguststraße 28 in Mitte. Mehr Infos unter www.cruba.de,

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