Mode und Nachhaltigkeit : Von wegen Kartoffelsack - Bio kann auch sexy sein

Mit ein bisschen Öko schmücken sich heute viele Modefirmen gern. Für ein kleines Label wie Philomena Zanetti ist es ungleich schwerer, nachhaltige Mode anzubieten. Designerin Julia Leifert muss auf das Vertrauen ihrer Kunden setzen, dass sie es richtig macht.

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Besser kleinkariert. Wer wie Julia Leifert nachhaltige Mode verkaufen will, muss alles ganz genau nehmen. Für ihr Label Philomena Zanetti, so hieß ihre Urgroßmutter, verwendet sie nur ökologisch einwandfreie Materialien.
Besser kleinkariert. Wer wie Julia Leifert nachhaltige Mode verkaufen will, muss alles ganz genau nehmen. Für ihr Label Philomena...Foto: promo

Jacken aus recycelten Wasserflaschen, Blusen, die von Frauen in indischen Dörfern bestickt wurden, und natürlich jede Menge Biobaumwolle – kaum eine große Modefirma kommt noch ohne Nachhaltigkeit aus. Immer mehr Firmen haben Öko im Programm, das ist prima fürs Image, stiftet aber bei Kunden oft Verwirrung, wie ernst es den Firmen wirklich ist. Es gibt so viele verschiedene Siegel und Kennzeichnungen, die viel Geld kosten und manchmal recht schwammig sind. Da hat es ein kleines nachhaltiges Unternehmen wie Philomena Zanetti doppelt schwer. Zertifizierungen sind für die Designerin Julia Leifert unerschwinglich, sodass sie ganz auf das Vertrauen ihrer Kunden setzen muss.

Julia Leifert hat für jedes verwendete Material lange recherchiert. Wobei bei ihr noch ein Schwierigkeitsgrad dazu kommt: Sie will auch möglichst vegane Bekleidung anbieten. Nachhaltig und vegan schließen sich oft gegenseitig aus. Julia Leifert kommt sich oft vor wie auf einer Baustelle: „Wenn man hier flickt, reißt es da auf.“ Denn Plastik ist vegan aber nicht nachhaltig, umgekehrt ist es mit Leder, ebenso wie mit Schurwolle. „Aber es gibt im Winter nichts schöneres als ein Mantel aus dicker Wolle“, findet Leifert.

Julia Leifert verwendet Wolle aus Österreich, die in Deutschland gefärbt wird

Bei diesem Material reicht ihr wiederum Vertrauen nicht. Auch wenn die Schafe lebend davonkommen, wenn sie geschoren werden, gerade in Australien, wo die meiste Wolle herkommt, werden sie beim Scheren oft verletzt. Deshalb verwendet sie Wolle aus Österreich, die in Deutschland gefärbt wird.

Und da kommt sie schon zum nächsten wichtigen Punkt: dem Preis. „Es ist klar, dass schon das Material für so einen Mantel viel mehr Geld kostet, als wenn man einen Wollstoff verarbeitet, von dem man nicht weiß, woher die Rohstoffe kommen.“ Das macht ihre Kleidung nicht gerade günstig. Eine Bluse kostet um die 300, eine Hose um die 400 Euro. Eine häufige Reaktion auf ihre Arbeit ist: „Toll, was du machst, aber das ist mir zu teuer.“ Sie findet das verständlich: „Wer gewöhnt ist, für Kleidung nicht mehr auszugeben als für ein Abendessen, der hat das Gefühl für die Wertigkeit verloren.“

Wenn man dann noch darauf achtet, dass die Produktionsstätte unter bestimmten sozialen Voraussetzungen arbeitet, ist man beim nächsten Knackpunkt: der Produktion. Julia Leifert wird oft gefragt, warum nicht „Made in Germany“ auf ihren Etiketten steht. „Als wäre das an sich schon ein Kennzeichen für Nachhaltigkeit“, sagt sie. Sie lässt viele ihrer Teile im polnischen Stettin in einer Manufaktur nähen: „Da weiß ich, dass dort alle sozialen Arbeitsstandards wie Pausen, gerechte Bezahlung und gute Arbeitsumgebung eingehalten werden.“

Sie lebt seit einigen Jahren vegan - und überträgt ihre Lebensweise auf die Kleidung

Ihr Interesse für nachhaltige Mode entstand geradezu klassisch übers Essen. „Ich esse und koche gern und will wissen, was ich für Lebensmittel verwende.“ Und weil ihr Tiere am Herzen liegen, lebt sie seit einigen Jahren vegan. Ihre nachhaltige Lebensweise wollte sie auch auf ihre Kleidung übertragen und war erstaunt, wie schwer das war. „Es gab nichts, was mir entsprach.“ Das stachelte sie an. Und da sie nach ihrem ersten Staatsexamen in Jura nicht als Justiziarin bei einer Modefirma anheuern wollte, hängte sie noch ein Studium in Designmanagement dran. Erst als sie für ein Praktikum nach New York ging, kam sie auf die Idee: „Das mit dem coolen veganen Label kann ich doch selbst machen.“

Ihre erste Kollektion 2014 bestand aus vier Teilen, ihre zweite aus sechs, auf der Fashion Week im Juni zeigte sie schon 24 Outfits.

Foto: promo

Wichtig ist ihr, dass die Kleidung so verarbeitet ist, dass sie lange hält und nicht nur für eine Saison taugt: „Alles soll miteinander kombiniert werden können.“ Aber auch wenn sie immer vom Tragbaren ausgeht, hat sie nicht auf ein paar Extrateile für ihre Schau auf der Berliner Fashion Week Ende Juni verzichtet. Und die sind der Knaller: ein Mantel aus dunkelbraun eingefärbtem Kork, mit dreiviertellangen Ärmeln und aufgesetzten Taschen. Der sieht ein wenig wie ein steifer Ledermantel aus, trägt sich aber erstaunlich leicht und bequem. Wirklich steif ist der große Rock mit Latz aus einem Papierstoff, den man sogar in die Waschmaschine stecken kann.

Julia Leifert sucht damit nach Alternativen zu herkömmlichen Materialien. Auch wenn sie erst kurz dabei ist, merkt sie schon nach zwei Jahren, dass es einfacher wird, auch als kleines Label Materialien zu finden, die eben nicht nach Ersatzstoffen aussehen. Ganz so wie es auch in der Lebensmittelbranche ist, wo Käse ohne Milch auskommt und trotzdem gut schmeckt.

Von wegen Kartoffelsack: Bio kann auch sexy sein

Auch wenn sich heute in jedem Biosupermarkt der Beweis antreten lässt, dass Bio sexy sein kann, gibt es noch einen weiteren Knackpunkt mit dem Julia Leifert zu kämpfen hat: das Aussehen. „Das Vorurteil hält sich hartnäckig: Öko ist grau und sieht nach Kartoffelsack aus.“ Das stellt Julia Leifert immer wieder fest, wenn Leute ihre Entwürfe zum ersten Mal sehen: „Man sieht ja gar nicht, dass es Öko ist!“ Deshalb zeigt sie auch nicht während der Fashion Week auf einer der Fachmessen für nachhaltige Mode sondern auf der Premium, auf der hochwertige Damenmode im Mittelpunkt steht.

Ihre Kollektion für den nächsten Sommer passt da gut hin: feine Trägertops aus Seidenjersey, roséfarbene weite Hosen zu Seidenblusen, die mit einem Muster bedruckt sind, das an marokkanische Kacheln erinnert. Aus ungefärbtem Baumwollvoile hat sie leichte Blusen gemacht, die gar nicht nach Verzicht aussehen, sondern nach dem Prototyp einer schlichten Bluse.

Auch weil ihre Möglichkeiten mit jeder Saison besser werden, kommen immer mehr Materialien und Modelle dazu. Ein bisschen ist also die Entwicklung ihres Labels wie die in der Modebranche – Öko wird immer mehr und schöner.

Mehr zum Thema Mode in unserem Blog, Infos zum Text: www.philomenazanetti.com

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