Mode: Vivienne Westwood : The Lady is a Tank

Vivienne Westwood ist die einzige Designerin, die sich politisch äußert. Warum sich die Modebranche so zurückhält.

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Mit schweren Ketten. In einem geliehenen Panzer fuhr die Designerin Vivienne Westwood im September beim britischen Premierminster vor, um zu protestieren.
Mit schweren Ketten. In einem geliehenen Panzer fuhr die Designerin Vivienne Westwood im September beim britischen Premierminster...Foto: AFP/Neal

Der Terror trifft mit Paris auch die Welthauptstadt der Mode. Das ist eine Branche, die sich trotz milliardenschwerer Umsätze und globaler Vernetzung von gewichtigen Themen gern fernhält. Auch jetzt wieder. Für diese Woche hat ein französisches Modeunternehmen, das den islamistischen Angriff lieber nicht thematisieren wollte, einen Pressetermin in Paris vorsorglich gleich ganz abgesagt.

Ein ausgeprägtes Faible für politische Mode kann in der Branche bis auf Weiteres vor allem Vivienne Westwood für sich reklamieren. Die inzwischen 74 Jahre alte Britin hat früh gemerkt, dass Kleidung oder auch Nicht-Kleidung sich gut zum Provozieren eignet. In den 70er Jahren verkaufte sie zusammen mit ihrem Ehemann, dem Sex-Pistols-Manager Malcolm McLaren, ihre sexualisierten Entwürfe in eigenen Läden, zur Queen ging sie ohne Slip und hob vor Fotografen den Rock. Heute benutzt sie ihre Mode überhaupt nur noch, um politische Ansichten kundzutun.

So machte sie vor zwei Monaten in ihrer Schau bei der London Fashion Week den Laufsteg zu einer Demonstration gegen Sparpolitik, gegen TTIP und für Klimaschutz. Zwei Wochen zuvor war sie in einem weißen Panzer zum Landhaus von Premierminister David Cameron gefahren, um gegen Fracking zu protestieren. Die Bilder von Westwood, hoch oben auf einem Panzer thronend und der Eisernen Lady Margaret Thatcher nicht unähnlich, wurden millionenfach geklickt.

In der Regel beschränkt sich politische Provokation, wenn sie in der Mode überhaupt vorkommt, auf den geschützten Raum des Laufstegs, einer Galerie – oder von Museen, wo die systemkritische Auseinandersetzung schon fast eine Voraussetzung ist, um überhaupt ausgestellt zu werden.

Ein Beispiel für den politischen Laufsteg war etwa der schottische Designer Alexander McQueen. Seine Modenschauen waren oft so verstörend, dass die Kritiker danach hilflos von der Schönheit der Entwürfe schwärmten. Aber auch für ihn galt: Er konnte zwar in Schauen wie „Highland Rape“ mit zerfetzten Kleidern in Tartanmustern die Vergewaltigung seiner schottischen Vorfahren durch englische Besatzer nachempfinden – verkaufen lassen musste sich seine Mode hinterher aber trotzdem. In der Boutique durfte von der Provokation nur ein Hauch übrig bleiben, spätestens am Kunden sollten die Sachen alltagstauglich sein.

Für McQueen, der sich 2010 das Leben nahm, gilt, dass erst jetzt retrospektiv das für Mode eigentlich viel zu Aufrüttelnde seiner Entwürfe zutage tritt.

Draußen in der realen Welt ist der Träger mit seiner Kleidung auf sich gestellt und allein

Kleidung als Kunst in der Schau, und Kleidung als Alltagsgegenstand, diesen Spagat verlangt provozierende Mode ihren Kunden ab. Denn draußen in der realen Welt ist der Träger mit seiner Kleidung auf sich gestellt und allein. Und tagein, tagaus eine politische Sache vertreten, ist nicht Jedermanns Sache.

Es gibt seit einigen Jahren Diskussionen, ob man die Entwürfe mit verfremdeten Palästinensertüchern des Berliner Labels Lalaberlin tragen kann oder nicht. Und ob das Wissen um deren Herkunft nicht wenigstens Voraussetzung fürs Tragen sein sollte. Oder ist das alles egal?

Die Designerin Leyla Piedayesh benutzt das Muster, weil sie es cool findet – ästhetisch, wohlgemerkt. Politisch gemeint war es nie. Seit vielen Jahren taucht es jede Saison leicht verändert auf.

Eine größere Debatte gibt es um die populären Turnschuhe von New Balance, die wegen des Großbuchstabens N gern von der rechten Szene getragen werden. Die Diskussionen hören nicht auf: Kann man die tragen, wenn bestimmte Leute ihnen eine bestimmte Bedeutung zuschreiben? Oder sollte ich sie sogar tragen, damit diese Bedeutung verwässert wird? Die Firma hat damit schließlich nichts zu tun.

Selbst große Modefirmen können beim Spiel mit den Bedeutungen danebenliegen – und das kann in Zeiten sofortiger Datenübertragung sehr schnell um die Welt gehen. Im Herbst 2014 zeigte H&M einen khakifarbenen Hosenanzug, der an die Kampfmontur kurdischer Soldatinnen erinnerte. Nach einem gewaltigen Shitstorm entschuldigte sich das Unternehmen: „Es tut uns sehr leid, wenn sich jemand durch das Kleidungsstück angegriffen fühlt.“ Da hatten sich die Schweden verschätzt. Zwar sind immer, wenn in der Öffentlichkeit Militär präsent ist, auch Elemente davon in der Mode zu sehen. Aber hier war die Assoziation doch ein wenig zu direkt. Anders läuft es bei den DocMartens. Die martialischen Schuhe sind salonfähig – in diesem Herbst im versöhnlichen Bordeauxrot.

Über Alexander McQueen ist in der „arte“-Mediathek noch bis 25. 12. eine hervorragende Filmdokumentation zu sehen

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