Mode: Wolfgang Joop und sein Buch : Jetzt spricht der Guru!

Wolfgang Joop stellt in Berlin sein Buch „Dresscode“ vor. Die Botschaft: Anything goes!

Manuel Almeida Vergara
Stellt jeden Turm in den Schatten. Joop ist selbst seine größte Marke.
Stellt jeden Turm in den Schatten. Joop ist selbst seine größte Marke.Foto: dpa

Wolfgang Joop ist mit dem Berliner Stil nicht einverstanden. „Heute sehen hier alle aus, als seien sie zwangsgekleidet von der Humana“, sagt er. Zwölf Beispiele für guten Geschmack – allesamt Nicht-Berliner – hat der Designer in seinem Buch „Dresscode – Stil-Ikonen zwischen Kult und Chaos“ zusammengetragen. Die ehemalige Chefin der französischen „Vogue“, Carine Roitfeld, und Schauspielerinnen wie Diane Keaton und Tilda Swinton verbinde die Fähigkeit, auch mal anzuecken. „Das sind Frauen, die es schaffen, auch kleine Fehler zu machen“, sagt er. Um perfekte Frisuren und die richtigen Maße gehe es nicht in seinem Buch.

Ganz lösen kann sich Joop vom gängigen Schönheitsideal aber nicht, schließlich fahndet er seit 2014 als Juror an der Seite von Heidi Klum nach „Germany’s Next Topmodel“. Hier sind Modelmaße natürlich schon gefragt, ungekämmte Mädchen, die gern anecken, dagegen weniger. Überhaupt steht sein Arrangement mit Pro Sieben in Kontrast zu den Zielen, die Joop im neuen Jahrtausend verfolgen wollte. Nach dem endgültigen Ausstieg aus der nach ihm benannten Modemarke gründete er 2003 das Label Wunderkind, mit dem er sich ganz auf den Entwurf künstlerisch wertvoller Mode konzentrieren wollte. Dass er sich auf das deutsche Mainstreamfernsehen und modische Trivialliteratur einlässt, bricht mit dem Bild des distinguierten Couturiers. Aber eines muss man Wolfgang Joop lassen: Er ist unterhaltsam.

"Meide alles, was auf -esk endet"

Ein Stilratgeber soll sein Buch auf keinen Fall sein, betont er bei der Buchpräsentation im Berliner Soho House. Den einen oder anderen Tipp kann er sich aber trotzdem nicht verkneifen. „Meide alles was auf -esk endet: grotesk, clownesk, burlesk“, schreibt er. Trauen soll frau sich trotzdem was. „In der Mode gibt es die Begriffe schön und hässlich doch im Grunde gar nicht mehr. Wer heute fashion sein will, der muss auch ugly können“, sagt der Guru. Diese Botschaft sende zum Beispiel der französische Designer Hedi Slimane, der seit 2012 die Kollektionen von Saint Laurent verantwortet. „Ausgerechnet in diesem Heiligtum der Mode setzt Slimane einen Kontrapunkt. Daran hat sich die Mode noch immer nicht gewöhnt, dass man auf einmal bad girl sein soll. Ausgerechnet heute, wo wir alle so brav vegan sind.“

Die über 90-jährige Iris Apfel ist die „Anti-Aging-Lady“, Kate Middleton die „No-Drama-Queen“ – Joop hat’s mit den Anglizismen. „Die deutsche Sprache mag für Dichter und Philosophen in Ordnung sein“, findet der 70-Jährige, „aber ihr fehlt dieser schnelle, pampige, unverfrorene Ton.“ Für ihn ist es die Unverforenheit, deretwegen wir Mode immer wieder toll finden. Weil sie sich gerade nicht um all das kümmert, was wir eigentlich gelernt haben.

Lernen kann man in „Dresscode“ schon etwas, wenn man sich darauf einlässt. Zum Beispiel, dass Joop nicht so viel von Regeln hält: „Wie gut, dass in der Mode seit Jahren ein und dieselbe Devise gilt: Anything goes. Es gibt keine echten Moderegeln mehr. No brown after six? Ich bitte euch“, heißt es schon im Vorwort. Wie man ganz ohne modisches Reglement zu einem guten Stil kommt? „Don’t panic! Am besten, man macht es wie diese ganzen sogenannten Stil-Ikonen. Sie wissen ganz genau, wie man sich mit dem Zeitgeschmack verabredet und einen Stil zurechtpuzzelt, der unverwechselbar, alltagstauglich, very now und very me ist“, schreibt Joop.

Video
Alles ist Mode: Wolfgang Joop
Alles ist Mode: Wolfgang Joop

Die Männer hätten "massiv aufgeholt", findet Joop

Seine zwölf „sogenannten Stil-Ikonen“ hat er nicht nur en detail anhand von Vita und Kleidungsweise beschrieben, sondern auch in aufwendigen Zeichnungen illustriert. Ob er so was auch mal mit gut gekleideten Männern vorhat? „Das wäre ein verlockendes Spiel, denn eigentlich haben Männer in letzter Zeit massiv aufgeholt“, sagt er.

Die Herren seien weniger dickfellig als früher und öffneten sich der Mode immer mehr. Allerdings mit mäßigem Erfolg: „Die Männer von heute sehen alle aus wie die Schwulen von vorgestern. Auch die, die für eine Lebensversicherung oder eine Käseecke werben. Dabei haben die alle nicht mitbekommen, dass die aktuellen Schwulen schon wieder ganz anders aussehen. Die tragen Karoblusen und haben ein kleines Kind an der Hand.“ Bleibt nur noch die Frage, wie der gebürtige Potsdamer seinen eigenen Stil beschreiben würde. „Ich habe ja diesen Ossi-Charme-Stil“, sagt er. „Ich trage gern die Dinge, auf die die Leute sehnsüchtig gewartet haben. Die Jeans oder die Nylonjacke aus dem Exquisitladen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar