Modewoche : Hin und weg in Paris

Nicht nur für die Franzosen, auch für die Designer aus Berlin ist Paris ein Pflichttermin. Wir haben uns umgesehen.

Franziska Klün
Altertümlicn neu. Mode von Augustin Teboul ist kostbar.
Altertümlicn neu. Mode von Augustin Teboul ist kostbar.Foto: Stefan Milev

Das Geld fließt auf 1,17 Quadratkilometern. Das ist die Größe des Marais, dem Bereich im dritten Pariser Arrondissement, wo während der Modewoche die Order-Bücher wohl am häufigsten aufgeschlagen werden. Denn hier haben sie alle ihre Showrooms: Jean-Paul Gaultier und Haider Ackermann, Diane von Fürstenberg und Damir Dohma, Victoria Beckham, Dries von Noten, Issey Miyake. Und dazwischen: die Berliner.

In extra dafür angemieteten Galerien, auf Modemessen, in Boutiquen oder in den Räumen ihrer Vertriebsagenturen präsentieren auch die deutschen Marken in Paris Saison für Saison ihre Kollektionen. So waren vergangene Woche die puristischen Entwürfe Hien Les auf der Capsule zu finden, einer aus New York stammenden Messe, die mittlerweile auch Ableger in Berlin, Las Vegas und Paris hat.

Nur ein paar Meter von Hien Le entfernt hingen die avantgardistischen Kleider Penelope Spheres, die Strickpullover von Maiami und die Kollektion mit schrillen Mustern von Starstyling. Etwas weiter nördlich im Marais gelegen, präsentierten die Label Issever Bahri, Vladimir Karaleev und Tiedeken im Showroom des britischen Vertriebs Easternblock ihre Mode, während Antonia Goy eigene Räume gemietet hatte.

An der Dichte, in der Berliner Design im dritten Arrondissement vertreten ist, ist zu erkennen: Die Modewoche in Paris ist ein Pflichttermin. Auch wenn all das richtig ist, was man über den Erfolg der Berliner Fashion Week liest und hört, dass es ständig von allem mehr gibt, mehr Besucher, mehr Labels, mehr Messen, mehr Berichterstattung, in Paris wird nach wie vor das Geschäft gemacht.

Das ist wohl vor allem dem frühen Termin geschuldet. Wenn die Deutschen Mitte Januar im Zelt am Brandenburger Tor ihre Kreationen für die kommende Herbst-Winter-Saison präsentieren, pflegen die Einkäufer noch sorgsam ihre Budgets, sämtliche Fashion Weeks liegen noch vor ihnen: Mailand, New York, London, Paris. Da lassen einige die Reise nach Berlin lieber ganz bleiben.

Arne Eberle ist fest davon überzeugt, dass sich das bald ändert. Eberle, der selbst einige Zeit ein Label betrieb und heute mit seiner Agentur Marken wie Boessert/Schorn, Maiami und Isabell de Hillerin vertritt, sagt: „Besonders die beiden vergangenen Fashion Weeks haben gezeigt, dass sich immer mehr Einkäufer nach Berlin aufmachen und die Marken stärker wahrgenommen werden.“ Daher sei für junge Labels die Präsenz in Berlin enorm wichtig. In Paris hingegen, wo die Konkurrenz viel größer ist, wolle man nichts mehr entdecken, schon mit den Pflichtterminen sei jeder bedient.

Saskia Diez ist da anderer Meinung. Sie sagt: „In Berlin gibt es viel Presse, aber keine Kaufkraft“. Seit fünf Jahren kreiert die gelernte Goldschmiedin raffinierten Schmuck, bei denen sie klassische Elemente aufgreift und diese neu interpretiert. Zum Beispiel versieht sie eine feine, doppelt geschlungene Goldkette mit zwei Perlen, die als Verschluss und Anhänger zugleich dienen. Sie fertigt Armschmuck, der an das Design klassischer Uhrenarmbänder erinnert oder Silberketten, die durch eine spezielle, beim Segeln übliche Technik verknotet sind.

Saskia Diez sitzt mit ihrem Label in München, sie lässt in süddeutschen Produktionsstätten fertigen und ist in 24 Ländern weltweit erhältlich. Des öfteren hat Diez ihre Kollektionen in Berlin zur Fashion Week präsentiert, ihr Fazit: „In Berlin ist geschäftlich nichts los.“

In Paris jedoch ist sie jetzt am Ziel angekommen. In einer Galerie in der Rue Portefoin hängt ihr Schmuck an den Wänden und ist großzügig auf Regalen und Sideboards verteilt. Zum zweiten Mal ist sie an diesem Ort und sie möchte wieder- kommen. „Alleine fühle ich mich einfach am wohlsten“, sagt die 34-Jährige. Zuvor hat sie es auf Messen wie der Capsule und der Rendez-Vous versucht. Doch nichts passte zu ihr, es war zu eng, zu viel Trubel, sie hatte keinen Platz, um ihren Schmuck so zu präsentieren, dass er auch wirken kann. Und Schmuck der nicht wirkt, den kauft niemand.

Man muss gut aufpassen, um Ettina Berríos Negrón zu finden. Es ist nur ein kleines Schild, das an der Rue Vieille Temple darauf aufmerksam macht, was sich hinter der alten schweren Holztür verbirgt. In einem verwunschenen Innenhof, hinter großen Fensterscheiben steht die Designerin. Zusammen mit dem Hamburger Label Hui-Hui, der Schmuckdesignerin Stephanie Schneider aus Berlin und drei weiteren Marken hat Berríos Negrón die leer stehenden Räume gemietet, um hier die dritte Kollektion ihres Labels Thone Negrón zu präsentieren.

„The Purple People“ hat sie diese getauft. Kurze kragenlose Jacken, bestickt mit mintgrünen Fäden, hängen hier, mit schwarzer Spitze besetzte Abendkleider und Blusen. Ihr liebstes Stück ist ein bodenlanges Kleid in gebrochenem Weiß, dass ab der Taille mit bordeauxroten Querstreifen versehen ist und einem alten Südstaaten-Film entsprungen sein könnte. Es erinnert auch an die Kleider, die man als kleines Mädchen unbedingt besitzen wollte, aber nicht durfte oder an das alte, bürgerliche West-Berlin, wo Ettina Berríos Négron aufgewachsen ist und in dessen großzügigen Altbauten sie ihre Lookbooks fotografieren lässt.

Es ist erst die dritte Kollektion der Designerin, in Berlin aber kennt man die 32-Jährige gut. Ihr Geschäft Konk in Mitte gründete sie 2003, sie verkaufte dort Marken wie c.neeon und Kaviar Gauche als diese noch ganz am Anfang ihrer Karriere standen. So avancierte Konk schnell zur wichtigsten Plattform für Berliner Mode.

Im Showroom in Paris ist die Stimmung ausgelassen bis euphorisch, Ettina Berríos Négron ist anzusehen, dass der Tag ein erfolgreicher war. Doch alles, was sie dazu sagen will ist: „Es läuft ganz gut.“ Mit der Selbstvermarktung hat sie es nicht so, das gibt sie gerne zu. Weder will sie groß damit werben, wenn Prominente ihre Kleider tragen, noch möchte sie all ihre Bekannten anhand von Einladungen auf ihren Showroom in Paris aufmerksam machen, wie es sonst üblich ist. So muss man eben gut aufpassen, um Ettina Berríos Négron zu finden.

Es ist ein einziges Kleid des Berliner Designerduos Augustin Teboul, das in dem schwarzen Raum zu sehen ist. Drapiert auf einem von der Decke hängenden Ast, spiegelt es sich auf dem dorthin führenden, mit schwarzen Glasplatten ausgelegten Weg. Links und rechts hängen an Nylonfäden befestigte Glaskugeln, die wie schwere Regentropfen anmuten. Ein Lilienstrauß erfüllt den Raum mit seinem Duft. Fast jeder der Kunden im L’Ecraireur bleibt vor dieser Inszenierung stehen und schaut kurz in den dunklen Raum hinein.

Der L’Ecraireur ist einer der wichtigsten Concept-Stores in Paris. Hier eine solche Inszenierung präsentieren zu dürfen, kommt besonders dieser Tage, wenn sich die gesamte Modewelt in Paris versammelt, einem Ritterschlag gleich. Auch sind Augustin Teboul nicht nur hier vertreten, einige Straßen weiter hängt die Kollektion im Showroom ihres französischen Vertriebs Analuzia Fashionoffice. Außerdem sind sie die Lieblinge der deutschen Vogue, insbesondere deren Chefredakteurin Christiane Arp. Im vergangenen Sommer haben sie den wichtigsten Modewettbewerb Berlins gewonnen.

Man kann sagen: Für Augustin Teboul läuft es gut. Man kann auch sagen: Der Mut, die filigranen mit transparenten Materialien kombinierten Häkeleien, von denen nur wenige die Körperteile bedecken, für die sie gemacht waren, als Kollektion zu bezeichnen, war eine gute Investition. Die Presse hat dieses Selbstbewusstsein vergangenes Jahr bewundernd zur Kenntnis genommen, so dass man bereits nach zwei Kollektionen genau wusste, wofür Augustin Teboul stehen, für schwarz und weiches Leder, traditionelles Handwerk und moderne Eleganz. Jetzt dürfen sie alltagstauglicher werden. Und genau das ist ihnen mit ihrer dritten Kollektion gelungen. So kommen ihre Lederjacken in Biker-Optik und auch die Leggins ganz ohne Häkeleien aus.

Die Designerinnen von Augustin Teboul haben die Berliner Modewoche genutzt, um den Hype um ihre kostbaren Handarbeiten zu entfachen. In Paris soll daraus nun die Basis für den wirtschaftlichen Erfolg werden.

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