Pelze : Tote Tiere sind kein Tabu

Gleich zwei Berliner Modeschulen haben kürzlich Workshops zum Thema Pelz veranstaltet.

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331959_1_Alba-Prat.jpg Foto: Anita Bresser
Modell von Alba Prat. Die Udk-Studentin verarbeitete echten und künstlichen Pelz.Foto: Anita Bresser

Vielleicht liegt die Ambivalenz des Pelzes darin begründet, dass man ihn sofort anfassen und streicheln möchte wie ein niedliches Tier – nur, dass es sich dabei um ein mausetotes handelt. Alba Prat seufzt beim Anblick ihres feinen Kostüms aus hellblau gefärbtem Nerz: „Ich muss es wieder zurückgeben.“ Viel Arbeit hat die Modestudentin der Universität der Künste (UdK) in die Jacke mit den geflochtenen Schultern und den kleinen Rock aus geschorenem Pelz gesteckt – das Material wurde ihr nur leihweise zur Verfügung gestellt. Anders wäre es der Studentin nicht möglich gewesen, das Projekt zu finanzieren.

Pelze sind Luxus – schon das Ausgangsmaterial ist normalerweise viel zu teuer, um nur mal so damit zu experimentieren. Alba Prat hätte es sich nicht träumen lassen, wie aufwendig es ist, das Material zu verarbeiten: „Das fertige Kleidungsstück hatte nichts mit meinen ersten Entwürfen zu tun. Man muss mit dem Material arbeiten, sehen, wie sich das Fell legt.“

Eigentlich kommt der Mensch ganz gut ohne Pelze aus – niemand muss erfrieren, wenn er keinen Nerz im Kleiderschrank hat. So dachte auch Alba Prat. Aber jetzt freut sie über das Ergebnis ihrer Arbeit, das so ganz anders aussieht als alles, was sie bisher gemacht hat. Sie möchte weiter mit Pelz arbeiten.

Für die Studenten wäre es am einfachsten gewesen, sich gar nicht mit dem Thema beschäftigen zu müssen. Das dachte auch die verantwortliche Professorin Grit Seymour während ihrer Studienzeit. Bis sie bei ihrem ersten Job bei Max Mara in Italien plötzlich damit konfrontiert wurde: „Während meines Studiums hat mich niemand darauf vorbereitet, mich mit dem Für und Wider auseinanderzusetzen.“ Als sie dann in einem gut gefüllten Lager eines Pelzhänders stand, fühlte sie sich überrumpelt. „Deshalb wollte ich, dass meine Studenten sich damit beschäftigen.“

Sie gibt zu, dass die Auseinandersetzung schwierig war: „Es gibt kein richtig oder falsch.“ Auf keinen Fall sollten die Studenten zu Pelz überredet werden – aber sie sollten einen individuellen Standpunkt finden.

Genau das wäre vor einigen Jahren erst gar nicht möglich gewesen. Klaus Metz, Leiter der privaten Modeschule Esmod, erinnert sich, wie eine seiner ehemaligen Studentinnen schon bei der Erwähnung von Pelz in Tränen ausbrach. Doch auch bei Esmod nahmen kürzlich fast 30 Studenten an einem Pelz-Workshop teil, nur eine Studentin arbeitet mit Kunstpelz. Viele nahmen die alten Pelze ihrer Großmütter auseinander, strickten daraus Pullover, bemalten sie mit Tattoos oder besetzten Säume damit.

„Es entspricht dem Zeitgeist, sich mit Nachhaltigkeit zu beschäftigen. Pelz ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Grit Seymour. Als ihre Studentin Johanna Bose überlegte, ob es in Ordnung sei, mit Pelzen zu arbeiten, begann sie, über andere Ressourcen nachzudenken. Sie fand heraus, dass die Insektizide, die beim Baumwollanbau eingesetzt werden, Menschen krank machen. Und dass im Jahr viele Millionen Tonnen Plastik für Kunstfasern produziert werden.

Natürlich ist es überspitzt, als Alternative zu einem Mantel aus 16 geschorenen Fuchsfellen einen Mantel aus 22 800 Kabelbindern zu entwerfen, von dem die grauen Plastikbänder wie die Stacheln eines Igels abstehen, oder eine Jacke aus 81 T-Shirts zu formen. Aber Johanna Bose will damit sagen, dass „wir kritisch und ohne Vorurteile, sozial verantwortungsvoll und nachhaltig mit unseren Ressourcen umgehen sollten.“

Pelz als Ausgangsmaterial kann nur so lange funktionieren, wie es nicht für die Massenverarbeitung verwendet wird. Jeder rechtschaffene Kürschner würde bestätigen, dass er nur aus hochwertigen Fellen von gesund gezüchteten Tieren Kleidungsstücke fertigen kann.

Dass bei beiden Studentenprojekten die Pelze überraschend modern und sehr kunstvoll verarbeitet waren, lag nicht zuletzt an der Beteiligung des Berliner Kürschnerateliers Fechner. Dort konnten die Studenten sehen, dass Kürschner schon lange nicht mehr nur schwere Nerzmäntel für die Damen vom Kurfürstendamm fertigen.

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