Schuhe im Museum : Stolpergefahr

Pferdehufe, Elefantendung und gepresster Tee - da wird ein Schuh draus. Das Leipziger Grassi-Museum zeigt halsbrecherisches Schuhdesign.

Simone Reber
Für Raubtierkapitalisten. Der Entwurf „Apex Predator“ stammt von Mariana Fantich und Dominic Young. Die Lederklassiker sind ausgestattet mit einer rutschfesten Sohle aus Menschenzähnen.Alle Bilder anzeigen
Foto: promo
10.05.2013 14:21Für Raubtierkapitalisten. Der Entwurf „Apex Predator“ stammt von Mariana Fantich und Dominic Young. Die Lederklassiker sind...

Die Pumps sind mit Stecknadeln gepolstert. Die polnische Designerin Erwina Ziomkowska hat ihre Schuhe mit zwei Kilo spitzem Stahl gefüttert. Was aussieht wie weicher Flor, dürfte beim Hineinschlüpfen Höllenpein bereiten. Die erotische Sprache des Schuhs pendelt zwischen Lust und Qual, Macht und Unterdrückung. Der Schuh erhöht und verunsichert, er schützt und stützt den Fuß.
In der Ausstellung „Starker Auftritt!“ präsentiert das Leipziger Grassi-Museum für Angewandte Kunst rund 220 Paar Schuhe, entworfen von Künstlerinnen und Architekten, Designerinnen und Schuhmachern. Die wenigsten Exponate eignen sich für die Straße. Schuhe aus Papier oder rosa Kaugummi locken den Blick und verweigern den Dienst. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit der niederländischen Grafikdesignerin Liza Snook, die ein virtuelles Schuhmuseum führt. Rund 5000 Entwürfe sind auf ihrem Portal säuberlich sortiert und katalogisiert.
Als Erste erhoben die Surrealisten den Fußfetisch zum Museumsobjekt. Meret Oppenheim fesselte 1936 zwei weiße Pumps und servierte sie auf einem Silbertablett. Die Absätze dekorierte sie mit Papierrosetten wie die Schenkel eines Brathähnchens. „Mein Kindermädchen“ heißt die Skulptur. Sie provoziert durch ihre Mischung aus Hingabe, Unterwerfung und Verzehr.
Bis heute verkörpern Schuhe diese Ambivalenz. In der Leipziger Ausstellung klebt an zwei überdimensionierten, eleganten Herrenschuhen eine rutschfeste Sohle aus Menschenzähnen. Der Entwurf „Apex Predator“ stammt von Mariana Fantich und Dominic Young. Die Lederklassiker entlarven ihre Träger als Raubtierkapitalisten.
Die Phantasie der Designer aber gilt vor allem dem Frauenschuh. Durch winzige Verschiebungen der Statik lässt sich die Körpersprache verändern. Zentimeter entscheiden über absatzknallende Vamps oder stelzenstöckelnde Weibchen. Kein Wunder, dass sich besonders Architekten für High-Heels interessieren. Der britische Brückenbauer Julian Hakes hat für seinen „Mojito“ errechnet, dass bei einem neun Zentimeter hohen Absatz das Körpergewicht nur auf Ferse und Ballen ruht und dazwischen keine Unterstützung benötigt. Mit Schwung und federnder Leichtigkeit spannt sein Schuh als freischwebende Spirale die Brücke über diesen Abgrund.
Weil der Fuß in westlichen Kulturen selten nackt zu sehen ist, bewegt er sich im Grenzbereich zwischen Intimität und Öffentlichkeit. Mit der Fußbekleidung knüpfen die Designer an die archaische Vergangenheit an. Traditionell wurde der Schuh aus Tierhaut gefertigt, nun manifestiert sich in ihm die animalische Seite des Menschen. Das Museum zeigt Pferdehufe mit einem Colt als Absatz (Foto rechts), Plateausohlen aus Elefantendung, Puschen aus samtigen Maulwurfleibern.
Beton, Metall, gepresster Tee – am besten riechen die Brotpantoffeln, die die Zwillinge Egidijus und Remigijus Praspaliauskas aus Vilnius eigens für die Ausstellung gebacken haben. Zwei Laibe Brot, zur Hälfte ausgehöhlt, versprechen Geborgenheit in bitteren Zeiten.
Kaum eins der Modelle ist älter als zehn Jahre, die Katastrophenstimmung der Krisenjahre spiegelt sich auch im Schuh. Selbstmordschuhe verfügen über ein eingebautes Stromkabel. Die High-Tide- Heels, Flossen auf Absätzen, helfen, wenn das Wasser bis zum Halse steht.
In Zukunft aber geht der Trend zurück zum Barfußlaufen. Die Fünf-Zehen-Schuhe des Südtirolers Robert Fliri sind längst in Serie gegangen und der Renner in Outdoorläden, allerdings mit begrenzter erotischer Ausstrahlung. Jetzt schon kommen Schuhe aus dem 3D-Drucker. Das kühnste Modell stammt von der belgischen Haute-Couture-Designerin Iris van Herpen, die geschnittene Carbonfaser in hohem Schwung auffächert (Foto links).
Die Ausstellung des Leipziger Grassi-Museums verbindet Innovation und Verführung, Kunst und Handwerk. Der Schuh wird zur Skulptur und mit ihm der Mensch. Nur Laufen geht gar nicht.

Bis zum 29.9. im Grassi Museum für Angewandte Kunst, Leipzig

www.virtualshoemuseum.com

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