Schweden : Die beste aller möglichen Hosen

Design in Schweden bedeutet: Schöne Form und gute Funktion sind nicht zu trennen.

Grit Thönnissen
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Geringelte Kinderkleidung von Porlan O. Pyret, Schaf für den Spielplatz von Annika Oskarsson.Fotos: promo

In Schweden machen sie sich um die gute Form keine großen Sorgen. Das kennt man aus der Mode: Da wird gern an den Grundformen Hose, Jacke, T-Shirt entlang schlichte, gut funktionierende Kleidung entworfen.

Dass die Kollektionen von Acne, Filippa K und Hope am Ende doch immer wieder modern aussehen, liegt oft an Details wie Taschen oder Kragen. Mit denen beschäftigen sich die Schweden gern ausführlich, da unterscheiden sie sich von den Dänen. Die mögen die große Geste: hier einer Rüsche, dort eine Stickerei. Die Finnen toben sich bei großen, grafischen Drucken aus.

Auch harter Wettbewerb bedeutet unter Schweden anscheinend nicht, dass man versucht, sich möglichst stark voneinander zu unterscheiden. Im Gegenteil, in der Stockholmer Innenstadt konzentrieren sich die schwedischen Designer in diesem Sommer darauf, um die am besten gemachte Chinohose zu konkurrieren. Sie kostet überall fast gleich viel: zwischen 100 und 160 Euro, sie ist gerade und eng geschnitten oder hat Bundfalten und einen etwas tieferen Schritt. Der Kunde kann sich also unter fünf verschiedenen Designern die Hose mit dem besten Schnitt heraussuchen.

Was in Schweden für die Mode im Besonderen gilt, trifft für das Design im Allgemeinen zu. Schweden wachsen im Bewusstsein auf, dass ihre Umgebung wohlgestaltet ist. Durch die soziale Absicherung ist ein breiter Mittelstand entstanden: viele gut angezogene Menschen, wenige Paradiesvögel, wenige Geschmacksverirrungen. Genau das kann man sich in der Ausstellung „Junges Gemüse“ in Berlin anschauen. Kleidung ist ein Bestandteil, doch es geht um Produkte für Kinder ganz allgemein: Gummistiefel, Skihelme, Schaukelhasen und Strampler.

Alles Gegenstände, die sich für den Gebrauch empfehlen und nicht zum Repräsentieren gedacht sind. Jan Loftén, Chef der Produktdesigner an der Designhochschule Beckmanns, glaubt: Gutes Design gehört zur DNA der Schweden. Seine Studenten denken gar nicht darüber nach, was das Erbe des klassischen skandinavischen Designs für sie persönlich bedeutet.

Für seine Absolventen steht fest: Gutes Design geht immer mit Funktion zusammen. Man muss sich in Schweden nicht zwischen einer gut aussehenden und einer bequemen Hose entscheiden. Dass jemandem das Aussehen eines Produktes egal sein könnte, wenn nur der Komfort gewährleistet ist, finden die jungen Schweden erstaunlich.

Geht es um Produkte für Kinder, wird die Sache komplexer: Zu Funktion und Form kommt ein hoher Anspruch an Sicherheit, und neben den Kindern gibt es mindestens eine weitere Variable – die Eltern. Die treffen die Kaufentscheidung und müssen dabei zwischen ihren eigenen Bedürfnissen, ihrem Geschmack und dem ihrer Kinder abwägen.

Auf die Frage nach dem schön gestalteten Schulranzen zum Beispiel haben die Schweden schon vor langer Zeit eine einfache Antwort gefunden: den Kinderrucksack Kånen Mini von Fjallräven. Er ist nicht nur quadratisch und bunt, in einem Innenfach steckt auch ein Sitzkissen. So können es sich schwedische Kinder im Wald bequem machen.

Überhaupt gibt es aus Schweden viele gute und praktische Produkte für Kinder. Vielleicht liegt es daran, dass sich hier auch Väter selbstverständlicher um ihre Kinder kümmern, und zwar in allen Lebensbereichen – also auch um die Produkte, die ein Kind braucht. Die Gleichberechtigung fängt schon mit der Kinderkleidung an: Sie ist oft unisex. Bestes Beispiel sind die geringelten T-Shirts und Latzhosen vom Kindermodenhersteller „Polarn O. Pyret“.

Die Kleidung soll gleichermaßen für Jungen und Mädchen funktionieren. Für zweitere gibt es auch Röcke und Kleider, nur sind die nicht rosafarben und mit Rüschen besetzt – in Schweden gibt es auch schöne Mädchenkleider in Blau. Dafür müssen die Jungs nicht in olivgrünen, mit Bulldozern bedruckten Pullis herumlaufen.

Dass in Schweden Männer die Kinder miterziehen, kommentiert die Erziehungswissenschaftlerin Ylva Ellneby ironisch: „Es sind beide Elternteile gleich viel nicht da.“ Sie hat Bücher über Kinder und Stress geschrieben und berät heute den Möbelkonzern Ikea bei der Entwicklung von Spielzeug und Kindermöbeln. Zusammen mit Designern entwickelte sie Dinge, mit denen Kinder sich bewegen können: „Design ist hilfreich, weil man damit die Entwicklung fördern kann.“

Entdecken und Berühren hält Ellneby für unverzichtbar und spricht von „Café-Latte-Eltern“: „Die denken, wenn sie mit ihren Kindern im Café sitzen, passiert etwas Soziales, woran alle Spaß haben. Aber die Kinder verlieren buchstäblich den Kontakt zum Boden. Sie erforschen nicht mehr mit all ihren Sinnen.“ Das Allerwichtigste für Kinder ist und bleibt das Spielen.

In einem Vorort von Stockholm hat Annika Oskarsson ihr Atelier in einem grün und blau gestrichenen Keller, der erstaunlich hell und luftig ist. Überall stehen Miniaturen von Spielgeräten herum, aus Metall und Schaumstoff gebogen und geklebt. Die Designerin entwirft Plätze, auf denen Kinder spielen und Erwachsene sich wohlfühlen sollen. Sie will, dass der Ort auch ohne Menschen schön ist, deshalb sehen ihre Entwürfe eher wie Skulpturen aus. Gern überzieht sie ganze Höhlenlandschaften mit Gummiasphalt, einem leicht elastischen Material, auf dem sich unfallfrei toben lässt.

Auch die Spielplätze von Annika Oskarsson haben nichts mehr mit den umzäunten Orten gemein, wo eine Rutsche, eine Schaukel und ein Sandkasten abgestellt wurden. Ihre Entwürfe sollen die Fantasie wecken. Und hier kommen wieder die Erwachsenen ins Spiel. Eltern haben bei Spielplätzen völlig andere Vorlieben als ihr Töchter und Söhne. Sie wollen überschaubare Orte, über die sie die Augen schweifen lassen können. Nichts Unordentliches oder etwas, das zur Unordnung einlädt. „Genau das lieben aber Kinder, sie wollen sich verstecken und erleben, was passiert, wenn man Dinge berührt und verändert“, sagt Annika Oskarsson.

Aus dem großen Tuch, in dem Afrikanerinnen ihre Babys tragen, entwickelten Schweden vor über 20 Jahren die Tragevorrichtung „Baby Björn“. Die Veränderungen, die über die Jahre vorgenommen wurden, sind fast nicht zu sehen. Um so stolzer sind die Designer von Ergonomidesign, was sie alles an der Funktion verändert haben. Die Designagentur entwickelt oder verbessert Produkte für Firmen in der ganzen Welt.

Es macht Spaß, sich einen Baby-Björn umzuschnallen, Knöpfe zu drücken, die Halterungen klicken zu lassen und die Gurte zu schließen. Das freut die Industriedesignerin Elisabeth Ramel-Wåhrberg, weil es ihr nicht primär um das Aussehen geht. Sondern darum, durch die Form eine neue Funktion und damit einen Grund zu finden, warum man etwas kaufen soll.

Schwedische Produkte für Kinder sind noch bis zum 5. Juli in der Ausstellung „Junges Gemüse“, Internationales Designzentrum in der Reinhardtstraße 52 in Mitte zu sehen.

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