Vegane Boxhandschuhe : Auch Veganer wollen sich hauen

Das Label Vehement aus Kreuzberg stellt Boxhandschuhe für Veganer her und war überrascht, wie gut diese in der Szene ankommen.

Fredericke Winkler
Boxhandschuhe, für die kein Tier leiden musste. Foto: promo
Boxhandschuhe, für die kein Tier leiden musste.Foto: promo

„Respect Existence or expect resistance!“ Das ist eine klare Drohung auf dem schwarzen T-Shirt in weißer Schrift der Marke Vehement. Respektiere Leben oder mach dich auf Widerstand gefasst. Dann bekommst du nämlich unsere Produkte zu spüren: vegane Boxhandschuhe. Der Weg zu Vehement führt tief in den Kreuzberger Kiez, wo ein paar Schritte weiter die Polizei gegen den florierenden Drogenhandel im Görlitzer Park ankämpft, während sie von sich auf Picknickdecken räkelnden Modedesignstudentinnen beobachtet werden. Zwischen Dönerbude und Hipster-Asiaten in einem tristen Hinterhof teilt sich das Start-up mit mehreren Freischaffenden und Social Entrepreneurs eine Fabriketage. Im „Social Impact Lab“ ist die Stimmung jung, modern, spontan und sehr friedlich.

Viele Freunde hielten das mit den veganen Boxhandschuhen für eine "Schwachsinnsidee"

Auch Jan Lenarz, Gründer von Vehement, macht mit seinem Vollbart und dem freundlichen Blick einen eher gemütlichen Eindruck. Doch der Schein trügt. Lenarz ist leidenschaftlicher Thaiboxer und hat schon vor zehn Jahren in dem berüchtigten autonomen Zentrum „Rote Flora“ in Hamburg trainiert. „Boxen hilft, das angeborene Aggressionspotenzial zu kanalisieren. Man verliert seine Angst, vor allem vor sich selbst. Ich habe durch den Sport viel gelernt, was ich als Unternehmer anwenden kann.“ So müsse man etwa aus der Deckung kommen, um seinen Gegner im Auge zu behalten. „Boxen verlangt geistige Disziplin und gibt Selbstbewußtsein“, so Lenarz’ Geschäftspartnerin Maria Gross. Sie ist Non-Profit-Managerin und Leiterin des Social Impact Labs in Berlin, wo sie Vehement kennengelernt hat und so zum Boxen kam. Gemeinsam möchten sie ethische Alternativen für den Sportartikelmarkt entwickeln und ein Unternehmen aufbauen, welches auf Transparenz, Selbstbestimmung und Vertrauen unter ihren Geschäftspartnern und Kunden setzt. Boxend die Welt retten, und das gemeinschaftlich? „Viele unserer Freunde hielten das für eine Schwachsinnsidee“, sagt Gross. Sie glaubten nicht daran, dass sich Kampfsportler für Veganismus interessieren könnten.

Gerade unter Profisportlern findet man viele Veganer - wie Boxprofi Mike Tyson

Dabei ist Lenarz seine eigene Zielgruppe, denn die Geschäftsidee kam dem Grafikdesigner, als er selbst vergeblich nach veganen Boxhandschuhen suchte. Spontan ließ er hundert Exemplare produzieren und von Vegan Society zertifizieren. Er erinnert sich noch gut, als er sie abends in seinem selbst gebauten Webshop online stellte. Und wie sie am nächsten Tag restlos ausverkauft waren, nachdem der größte Onlinehändler für Boxutensilien „Boxhaus“ die spärlichen Reste aufkaufte, die die Verbraucher bis dahin übrig ließen. In Foren überschlug sich daraufhin das Lob über den „Wolfheart X1“ in puncto Qualität und Stil. Der komplette Verzicht auf tierische Komponenten, vom Leder über die Färbemittel bis hin zu den Nähten, wurde dort begeistert aufgenommen. Mac Danzig, ein amerikanischer Profiboxer, war so überzeugt vom gesellschaftspolitischen Statement der Marke, dass er Vehement seitdem immer wieder kostenlos promotet. „Gerade unter Profisportlern findet man viele überzeugte Veganer“, so Lenarz. Etwa der Leichtathletik-Olympiasieger Carl Lewis, die Tennisspielerin Martina Navratilova und der Boxprofi Mike Tyson. Und wenn man es sich recht überlegt, passt die Radikalität des veganen Lebensstils gut zur geistigen und körperlichen Disziplin wie auch zum Fairness-Leitbild vieler Sportarten.

Lenartz hofft auf neue Kunstlederarten - die ohne Erdöl auskommen

Von der Reaktion des Marktes motiviert arbeitet das Start-up jetzt an den nächsten Schritten. Die Produktpalette soll breiter und tiefer werden, bald folgen weitere Artikel wie Bandagen. Auf ihrem Hauptmarkt USA bauen sie nun ein Vertriebsnetz aus. Und auch an der Nachhaltigkeit arbeiten die Unternehmer. „Mein Ziel ist, Vehement nach Fairtrade zertifizieren zu lassen. Aus tiefer Überzeugung und weil so ein Angebot im Sportartikelbereich dringend notwendig ist“, so Lenarz. Zum anderen gilt Kunstleder zwar als ökologisch vertretbarer als konventionelles Leder, aber es basiert trotzdem auf Erdöl. „Wir beobachten hoffnungsvoll die Entwicklung ganz neuer Kunstlederarten“, so Lenarz. Für ihre Pläne benötigen die beiden jedoch eine Anschubfinanzierung, die sie sich von einer Kickstarterkampagne im Oktober erhoffen. Den Erfolg wünscht man ihnen. Nicht nur wegen ihrer ökofairen Ausrichtung, sondern auch weil sie mit ihrem Erfolg ganz nebenbei das Image des veganen Lifestyles reformieren. Oder, um im Sprachstil von Vehement zu bleiben: „Destroy your enemies, not your planet!“ Für diesen Spruch müssen Fans übrigens nicht zwingend in den Ring steigen. Den kann man bei Vehement auch als T-Shirt-Druck kaufen. Mehr Infos: www.vehement-mma.com

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