Wolfgang Joop : Heile, schöne Welt

Zum ersten Mal zeigt Wolfgang Joop seine Arbeiten in einer Kunstausstellung.

Grit Thönnissen
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Joops Garten: Totenschädel, auf Blumen gebettet.Foto: Bernd Borchardt

„Bedenkenlosigkeit“ ist das Lieblingswort von Wolfgang Joop. Es stimmt schon, seine Kleider für seine Marke Wunderkind wirken im Ergebnis mühelos, als hätte er den Stoff fallen lassen und so, wie er am schönsten liegen bleibt, entsteht dann ein Kleid. Ein bisschen paradox ist es trotzdem, dass er all sein Handeln unter diese Prämisse stellt, denn nichts, was er macht, ist nur so dahingeworfen – auch nicht seine erste Ausstellung in einer richtigen Kunsthalle.

Der Modedesigner Wolfgang Joop präsentiert sich also als Künstler. Ganz neu ist das nicht, Mode und Kunst, seit sich Künstler aus der Mode mit ihren glatten Oberflächen bedienen wie Sylvie Fleury und Olaf Nicolai. Umgekehrt riecht es sofort nach Anmaßung, wenn sich der fürs Produkt Verantwortliche der Muse hingibt und nicht für seinen Markt produziert.

Das ist die Bedenkenlosigkeit, die Wolfgang Joop meint. Er inszeniert seine Ausstellung in der Kunsthalle Rostock mit dem gleichen liebevollen Aufwand, wie er es für eine viertelstündige Laufstegpräsentation in Paris getan hätte. Die Räume sind zum ersten Mal seit langer Zeit nicht einfach vollgestellt. Das Joopteam hat nicht nur frisch gestrichen und Stellwände entfernt, sondern auch die verschiedenen Ebenen, die mit offenen Holztreppen verbunden sind, so unterschiedlich ausgestattet, dass sich der Besucher wie in einem Theaterstück mit verschiedenen Kulissen vorkommt.

Überall steht Kleidung auf einfachen Schneiderpuppen. Im ersten Raum die groben Entwürfe aus Nessel mit offenen Kanten und Bleistiftmarkierungen wie eine antike Skulpturensammlung. Dagegen wirken Joops marmorne Engel mit Flügelstümpfen und klassisch schönen Gesichtszügen wie Staffage, wie reine Dekoration.

Dann folgen die ersten fertigen Kleider von Wunderkind – alle in Schwarz wie eine Ansammlung aufgescheuchter Krähen. Es macht Spaß, sich die Entwürfe aus der Nähe anzusehen, ohne darüber nachzudenken, ob sie für den eigenen Körper und Geldbeutel taugen.

Die neuesten Arbeiten von Joop sind die Stickereien, mit denen er sich nur einen Hauch von seiner Arbeit als Modedesigner entfernt. Große, durchscheinende Stoffbilder: Totenköpfe neben Vögeln, Blumen und Skeletten.

Die Stickereien sind das Herzstück der Ausstellung. Auf die Idee zu den Arbeiten kam Joop, weil das Kloster Chorin ihn fragte, ob er von ihnen Stickereien produzieren lassen wollte. Daraufhin sah er sich das Choriner Jesustuch an und ließ sich inspirieren. Sticken ließ er allerdings in Indien.

Die Rostocker Kunsthalle ist ein guter – wenn auch aus Geldmangel passiver – Partner. „Die Kunsthalle war jahrelang im Dornröschenschlaf, jetzt wecken wir sie auf", sagt der neue Betreiber Uwe Neumann. Drei Jahre dauerte es, bis sich die Stadt Rostock dazu durchrang, die stiefmütterlich behandelte Kunsthalle in private Hände zu geben. Neumann bekam den Zuschlag unter anderem, weil er sich um die dringend notwendige Sanierung des 1969 errichteten Gebäudes kümmern will.

Dass die Ideen von außen kommen und nicht von den Kuratoren des Hauses, gehört zum Konzept des ehemaligen Zahnarztes Neumann. In Zukunft will er die Kunsthalle für verschiedene Disziplinen öffnen. „Aber spröde Kunst soll es auch geben.“ Und wenn es durchaus diskussionswürdig ist, ob eine große Institution wie die Neue Nationalgalerie in Berlin alle Kleider von Giorgio Armani ausstellen muss, ist es clever, wenn sich die Kunsthalle Rostock einen großen Namen ins Haus holt. Auch, um endlich den Zuschauerschnitt von 50 Besuchern pro Monat zu heben.

Beim ersten Rundgang durch seine Ausstellung wird Wolfgang Joop gefragt, ob ihm die Landschaft, die grünen Hügel Mecklenburgs, die langen Strände Vorpommerns ans Herz gehen. „Ja natürlich, die Ostsee ist meine destination of desire.“ Dann setzt er zu einem der Joop-Monologe an, bei denen man sich fragt, ob er sie vor dem Spiegel eingeübt hat oder frei assoziiert. Das ist gleichzeitig das Glück und auch das Problem von Joop: begabt zu sein in fast allen Künsten.

Aber Mode ist das, was er wirklich kann, wo alles mündet. Wolfgang Joop schafft es, die Oberflächlichkeit so kunstvoll zu gestalten, dass man auch hier in der Rostocker Kunsthalle eine Sehnsucht nach einer heilen und schönen Welt verspürt.

Die Ausstellung „Eternal Love“ ist noch bis zum 28. Juni in der Rostocker Kunsthalle zu sehen.

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