Zukunft der Modemagazine : Traumstoff

Modemagazine verkaufen ihren Leserinnen die perfekte Modelwelt. Aber wollen die das noch? Blogs sind oft realistischer – und erfolgreich.

von
Sich einmal fühlen wie ein Model. Die Zeitschrift „Instyle“ fotografiert Leserinnen für ein fiktives Titelbild.
Sich einmal fühlen wie ein Model. Die Zeitschrift „Instyle“ fotografiert Leserinnen für ein fiktives Titelbild.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Kopf vornüber, mit Schwung zurück, jetzt fallen die braunen Locken weich über die Schultern, die Lippen glänzen so kirschrot wie ein Cadillac, dazu ein rotes Sommerkleid, perfekt. Sinead Bahr strahlt dem Blitzlicht entgegen. Es ist ihr erstes Shooting für das Cover eines Magazins – und wohl auch das letzte. Die Ausgabe mit ihr wird nie am Kiosk liegen, denn das Shooting heute ist nur ein Spaß.

Anlässlich der Berliner Modewoche hat die „Instyle“ Leserinnen eingeladen, sich für einen fiktiven Titel ablichten zu lassen und sich dabei wie ein Star zu fühlen. Denn normalerweise gilt: Nur sogenannte Celebrities, also Schauspielerinnen, Sängerinnen, Models kommen aufs Cover der Modezeitschrift. Was sie tragen, soll die Leserinnen modisch inspirieren. Und wer sich die teuren Designerteile nicht leisten kann, dem werden ähnlich aussehende Stücke von der Stange als Alternative vorgestellt. Kaufst du diese Klamotte, kannst auch du wie ein Star aussehen, suggeriert dieses Konzept.

Es ist das Prinzip Hoffnung, das in der „Instyle“ und all den anderen Modezeitschriften verkauft wird. Eine Traumwelt. Der Grund, warum Magazine noch immer eine der wichtigsten Inspirationsquellen sind, wenn es um Mode geht – trotz der zahlreichen Blogs, die die neuesten Trends vom Laufsteg auf Twitter posten, die lässigen Streetstyle zeigen und bei denen die Leserinnen munter mitdiskutieren können, was gerade angesagt ist und was nicht.

„Magazine nehmen ihre Leserinnen mit in eine andere Gefühlswelt, sie haben eine ganz andere Wertigkeit als Blogs, schon alleine dadurch, dass sie nicht zwischendurch am Computer oder beim Telefonieren angeklickt werden können, sondern gekauft werden und nach Hause mitgenommen werden müssen, wo sie dann in aller Ruhe gelesen werden“, sagt Nadine Barth, die sich als Herausgeberin des im Distanz-Verlag erschienenen Buches „German Fashion Design“ auch damit beschäftigt hat, wie sich die Modeberichterstattung im Laufe der Zeit veränderte.

Allein in den vergangenen 20 Jahren habe es enorme Veränderungen gegeben. Sei es in den achtziger Jahren noch darum gegangen, die Mode an Models so abzufotografieren, dass jede Stoffnaht sichtbar war, konzentrierten sich Magazine wie „ID“ und „Face“ in den neunziger Jahren darauf, Lebenswelten abzubilden. Die Inszenierung rückte in den Vorder-, der Stoff in den Hintergrund. „Heute wollen Leserinnen beides, in Fantasiewelten entführt werden und gleichzeitig die Mode sehen“, sagt Barth.

Eine Vorgabe, die von den Modemagazinen unterschiedlich umgesetzt wird. Die „Vogue“ setzt auf namhafte Designer und Topmodels, Blätter wie „Joy“ und „Glamour“ vermitteln eher Leichtigkeit und Spaß an der Mode, die „Brigitte“ hingegen versucht es mit einem ganz eigenen Konzept. Seit 2010 verzichtet die Zeitschrift auf professionelle Models und zeigt Mode an „normalen“ Menschen.

Ein Versuch, dem Auflagenschwund etwas entgegen zu setzen, mit dem viele Modezeitschriften zu kämpfen haben. So schrumpfte die verkaufte Auflage der „Brigitte“ innerhalb eines Jahres um zehn Prozent, im ersten Quartal diesen Jahres lag sie bei rund 600 000 Exemplaren. Die „Instyle“ hält sich immerhin stabil bei monatlich rund 475 000 verkauften Stück.

Die „Vogue“ hingegen steigerte sich um etwa drei Prozent, auf monatlich rund 142 000 verkaufte Exemplare – wohl auch, weil die Leserinnen hier das sehen, was sie in den schnell konsumierbaren Blogs nicht bekommen: opulent inszenierte, hochwertig fotografierte Modestrecken. Einer der Gründe, warum Blogs Magazine so schnell nicht als Wegweiser in Sachen Mode ersetzen werden, sagt auch Katja Schweitzberger, die mit „Les Mads“ einen der populärsten deutschsprachigen Modeblogs betreibt: „Gute Editorials entführen die Betrachterin in eine andere modische Welt, sie haben nichts mit Alltagstauglichkeit oder Stilempfehlungen zu tun, sondern überspitzen Trends auch gerne mal. Sie zeigen Luxus, den sich vielleicht kaum ein Leser leisten kann, der aber die Extreme der Mode verkörpert, zum Träumen einlädt.“

Dennoch seien Blogs eine wichtige zusätzliche Inspirationsquelle. „Durch das Internet kann sich jeder zur ,Stilikone' machen oder von Streetstyle-Fotografen dazu gemacht werden. Die Leser haben eine größere Auswahl an potenziellen Stylingvorbildern und ziehen vielleicht auch mal die gleichaltrige oder ihnen sonstwie ähnlichere Bloggerin dem weit entfernten Star vor", sagt Schweitzberger.

Nadine Barth verweist dazu auf den Vorteil der Unabhängigkeit: „Blogs können es sich leisten, Designer und Marken vorzustellen, ohne gleichzeitig auf die Anzeigenkunden schielen zu müssen. Teilweise können sie Trends setzen, ohne dass diese von einem Designer geboren wurden und tragen damit auch zur Demokratisierung der Mode bei.“

Patricia Riekel, Leiterin der Burda Style Group und „Bunte“-Chefredakteurin, ist überzeugt, dass das Interesse an Modeberichterstattung noch nie so groß wie heute war. „Mode wird immer wichtiger, für normale Leserinnen wie für Promis, denn mit sozialen Netzwerken wie Facebook oder Instagram gibt es immer mehr Möglichkeiten, sich selbst zu inszenieren und zu präsentieren. Und Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, sind noch nie so viel gezeigt und bewertet worden wie heute“, sagt Riekel. Auch Politiker wüssten um die Macht der Mode. „Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihren unverwechselbaren Stil mit bunten Blazern und schwarzen Hosen zum Teil ihres Images gemacht. Sie ist nie zu schick, aber auch nie nachlässig gekleidet, sondern unauffällig zuverlässig. Die Mode tritt hinter der großen Aufgabe zurück, die sie zu bewältigen hat, soll dieser Stil suggerieren“, sagt Riekel.

Allerdings: Das wachsende Interesse an Mode heiße nicht zwangsläufig, dass die Menschen besser gekleidet sind. „Glamour bedeutet hierzulande Understatement“, bedauert Nadine Barth. Deshalb sei es auch nicht verwunderlich, dass es unter den deutschen Promis in den vergangenen Jahren keine wirkliche Mode-Ikone gegeben habe. Das Cover der „Instyle“ bleibt damit vor allem für die internationalen Stars reserviert – und während der Fashion-Week ausnahmsweise auch für Leserinnen wie Sinead Bahr.

1 Kommentar

Neuester Kommentar