Modelprojekt in Bremen : Einbrecher gewöhnen sich an künstliche DNA

Vor fünf Jahren hat Bremen in einem Modellprojekt den Einbruchschutz mit künstlicher DNA begonnen. Zunächst wirkte die Tinktur abschreckend. Doch die Diebe scheinen sich sich immer weniger vor der Entdeckung zu fürchten.

Eckard Stengel
Auf ein "Wundermittel" hatte der Bremer Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) gehofft, als er vor fünf Jahren den Modellversuch mit der künstlichen DNA begonnen hat. Das ist es wohl nicht. Aber ganz sinnlos scheint dieser Einbruchschutz auch nicht zu sein.
Auf ein "Wundermittel" hatte der Bremer Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) gehofft, als er vor fünf Jahren den Modellversuch mit der...Foto: picture-alliance/dpa

Einbrecher scheinen sich an neue Abschreckungsmethoden zu gewöhnen und lassen sich dann nicht mehr so stark davon beeindrucken wie bei ihrer Einführung. Dieser Schluss lässt sich aus einer jetzt bekannt gewordenen Statistik zum Modellprojekt „Diebstahlschutz durch Künstliche DNA“ ziehen, das vor knapp fünf Jahren in Bremen begonnen hat. Demnach wirkt die Tinktur, die zur Markierung von Wertgegenständen in Gebäuden eingesetzt wird, auf Kriminelle offenbar längst nicht mehr so abschreckend wie zu Anfang.
Seit Herbst 2009 beteiligen sich in der Hansestadt fast alle Schulen und Kindertagesstätten sowie inzwischen 7100 Privathaushalte an dem Versuch: Sie haben ihre Wertgegenstände mit KDNA markiert. Sollten Computer, Laptops oder Schmuckstücke gestohlen werden und etwa auf einem Flohmarkt wieder auftauchen, lassen sie sich dem rechtmäßigen Eigentümer zuordnen, weil jede Portion der Flüssigkeit so einzigartig zusammengesetzt ist wie das menschliche Erbgut DNA. Dadurch soll für Einbrecher und Hehler das Entdeckungsrisiko steigen. Vor allem aber sollen sie abgeschreckt werden: durch entsprechende Warnschilder an den KDNA-gesicherten Gebäuden oder sogar ganzen Straßenzügen.

In gekennzeichnete Wohnungen ist zunächst weniger eingebrochen worden

Für einen Teil der Haushalte liegen jetzt Vergleichszahlen vor. Demnach wurde in Bremen-Nord zwischen Mitte 2011 und Mitte 2012 in 3,2 Prozent der mehr als 23 000 Wohnungen eingebrochen. Bei den KDNA-gesicherten Wohnungen waren es nur 0,33 Prozent, nämlich gerade mal neun von 2735. Die allgemeine Einbruchquote lag also fast zehnmal höher als in mit Warnschildern gekennzeichneten KDNA-Wohnungen. Die Abschreckung scheint demnach zunächst gewirkt zu haben. Im Folgejahr waren die allgemeinen Einbruchszahlen aber nur noch 2,3 mal so hoch wie in den Projekthaushalten. Und zwischen Mitte 2013 und Mai 2014 sank der Faktor auf 1,3.
Polizeisprecherin Kirsten Dambek sagte dem Tagesspiegel allerdings, dass die Zahlen nur beschränkt aussagefähig seien. Denn die Erhebungsmethoden hätten sich zwischendurch geändert. Außerdem sei insgesamt die Zahl der Einbrüche in Bremen-Nord stark zurückgegangen. Trotz dieser Relativierung: Es scheint einen Abstumpfungseffekt bei den Einbrechern gegeben zu haben.
Haben sie womöglich den Eindruck gewonnen, dass die personalschwache Polizei viel zu selten Flohmärkte und Gebrauchtwarenläden kontrolliert und so viel zu selten markierte Beute findet? Die Sprecherin antwortet auf solche Fragen ausweichend. „Es finden regelmäßig Kontrollen statt“ – auch wenn man sie „mit einer verbesserten Personalsituation sicherlich verstärken könnte“. Und: „Wir sehen das nicht so, dass die Präventionswirkung nutzlos ist.“ Genaue Zahlen über sichergestelltes Diebesgut mit KDNA-Markierung will die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen nicht nennen. Insgesamt sei nur „ein ganz geringer Anteil von markiertem Diebesgut im Umlauf“. Und „nur in einer geringen einstelligen Zahl“ seien Gegenstände ihren Eigentümern zugeordnet worden.

Eine KDNA-Dusche gegen Räuber

Noch zurückhaltender äußert sich die Polizei zum Erfolg ihrer „Lockautos“: „Mehrere Fahrzeuge“ wurden mit KDNA-Sprühanlagen präpariert und auf diebstahlanfälligen Parkplätzen abgestellt. „Wir haben hierbei ‚Auslösungen’ gehabt, die uns auch zu Tätern geführt haben“, schreibt die Polizeisprecherin.
Ähnliche KDNA-Duschen haben auch acht Tankstellen, Banken und Casinos installiert. Bei Überfällen kann das Personal die Sprühanlage auslösen. Noch Wochen danach lässt sich die Tinktur mit UV-Taschenlampen am Körper oder der Kleidung der Täter nachweisen. „Überfälle gab es an diesen Objekten nicht mehr“, bilanziert die Polizei.
Nicht ganz so erfolgreich lief es bei den überwiegend KDNA-gesicherten Bremer Schulen, Universitätsgebäuden und Kitas: Hier sank die Zahl der schweren Diebstähle zwischen 2008 und 2013 von 192 auf 89 Taten. Im ersten Versuchsjahr hatten die Ermittler noch Verdrängungseffekte festgestellt: Die Einbruchskriminalität verlagerte sich in Gebiete ohne KDNA-Markierungen, vor allem ins Bremer Umland. Davon ist jetzt nicht mehr die Rede.
Insgesamt bewertet die Bremer Polizei den Einsatz der Markierungstinktur als „einen sinnvollen und wichtigen Baustein“ innerhalb eines Präventionskonzepts, aber nicht als „Wundermittel“, auf das Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) bei der Einführung vor knapp fünf Jahren gehofft hatte.

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