Welt : Moderne Mythen: Dem Irrtum auf der Spur

Alex Krämer

Magengeschwüre kommen von zu viel Stress. Kaffee erhöht das Risiko für Herzinfarkte. Und auf hoher See darf der Kapitän eines Schiffes Trauungen vornehmen. Stimmt doch, oder? Alles Blödsinn, sagt Walter Krämer. Das sind Irrtümer, Mythen, die sich immer noch halten, aber mit der Wahrheit nichts zu tun haben. Solche Legenden hat er in seinem "Lexikon der populären Irrtümer" gesammelt.

Sein Interesse für Fehleinschätzungen war zunächst rein beruflich. Krämer, studierter Statistiker, sollte Ende der siebziger Jahre herausfinden, wie sich das Rauchen auf die Kosten im Gesundheitswesen auswirkt. Ergebnis: Raucher sparen Kosten, weil sie früher sterben. Das hatte er nicht erwartet. Der Wissenschaftler wurde aufmerksam. Er legte einen Ordner an, und immer wenn ihm wieder ein aufgeklärter Irrtum begegnete, heftete er eine Notiz dazu ab. Fast zwanzig Jahre später, Krämer war inzwischen Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik in Dortmund, machte er aus seinen Ordnern ein Buch. Es wurde ein Erfolg: Eine Million Auflage in Deutschland und Übersetzungen in elf Sprachen. Die lettische Ausgabe ist gerade fertig geworden.

Zusätzlich verbreitet er seine Erkenntnisse über Irrtümer auf Vorträgen, zum Beispiel am Dienstag in der Urania in Berlin. Es macht ihm dabei sichtlich Spaß, vertraute Gewissheiten umzustoßen. Im Schnelldurchlauf wirbelt er das Geschichtsbuchwissen durcheinander: Luther hat nie Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen, die Bastille wurde nicht erstürmt, sondern vielmehr friedlich an die Revolutionäre übergeben, und Charles Lindbergh hat nicht als erster, sondern als 67. Mensch den Atlantik überflogen. Er hat seinen Flug nur besser organisiert: Die ersten Atlantiküberquerer landeten am Ende ihrer Reise in Plymouth, und sie hatten niemandem vorher Bescheid gesagt. Lindbergh dagegen kündigte seinen Flug groß an, und er landete in Paris. Professionelle Öffentlichkeitsarbeit zahlt sich aus.

Gesundheitsprobleme interessieren Krämer immer noch: Erkältungen bekommt man nicht von der Kälte, und stärkehaltige Lebensmittel wie Kartoffeln sind schlechter für die Zähne als Bonbons, sagt er. Die Stärke bleibt nämlich länger im Mund, wird nach und nach zu Zucker abgebaut und schädigt die Zähne deshalb auch über längere Zeit.

Es kommt auch immer darauf an, wie man die Information verpackt. Das Flugzeug sei das sicherste Verkehrsmittel, heißt es oft: Drei Tote kommen auf zehn Milliarden Passagierkilometer, bei der Bahn sind es neun. Falsche Definition, sagt Krämer: "Mich interessiert doch viel mehr, mit welcher Wahrscheinlichkeit ich in der nächsten Stunde sterbe, wenn ich in einem Verkehrsmittel sitze." Dann sieht die Statistik anders aus: Neun Tote auf zehn Millionen Passagierstunden bei der Bahn, 24 beim Flugzeug. "Das heißt, im Flugzeug sind Sie mit fast dreimal so hoher Wahrscheinlichkeit in einer Stunde tot." Die Fehler entdeckt Krämer in der Regel nicht selbst. Die meisten Hinweise für das Buch kamen aus Zeitungen und Zeitschriften. Unter dem Lexikon-Eintrag steht dann immer ein Verweis auf das Fachbuch oder den Zeitschriftenartikel, der den Irrtum aufgeklärt hat. Bei so vielen Irrtümern sucht Krämer natürlich auch nach Erklärungen. Ihn verwundert dabei nicht, dass Irrtümer vorkommen - das sei schließlich normal: "Das Seltsame ist doch, dass sie sich so lange halten." Oft sei dabei der Nutzen bestimmter Interessengruppen im Spiel, zum Beispiel beim wohl berühmtesten Irrtum, dem über den Eisengehalt von Spinat. "Da wollte die Lebensmittelindustrie den Mythos vom eisenreichen Spinat aufrechterhalten" - obwohl der nur durch einen Tippfehler entstanden war. Und an die angebliche Erstürmung der Bastille am 14. Juli 1789 erinnert sogar der französische Nationalfeiertag. Grundsätzlich hält Krämer es aber für völlig normal, an vermeintlichen Gewissheiten festzuhalten. "Wir imprägnieren uns gegen Fakten, die unser Weltbild verändern", sagt er und zitiert Einstein: "Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom."

Gerade ist ein weiterer moderner Mythos gefallen: Die Potenzpille Viagra führt laut britischen Ärzten nicht, wie bisher angenommen, zu Herzproblemen.

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