Welt : Moderne Sklaverei: Nicht mehr als das Leben

Claudia Lepping

Anthony will seinen richtigen Namen nicht in einer Zeitung lesen und bittet nachdrücklich um ein Synonym. Anthony. Ja, sagt der 34-jährige Chinese mit heiserer Stimme, das ist gut. Es ist die Todesangst, die ihn umtreibt, die Angst davor, dass sein "Besitzer", wie er den Mann nennt, erfährt, dass er über ihn spricht. Seit vier Jahren "gehört" Anthony einem Restaurantinhaber in London, für ihn arbeitet er in der Küche. Und wenn ihm sein Leben lieb ist, das sagt ihm sein Besitzer, dann arbeitet er in dieser Küche bis zu seinem Lebensende - als Sklave.

Anthonys Bruder starb im Juni im Fährhafen von Dover, auf der Ladefläche eines in den Niederlanden zugelassenen Lastwagens, der ihn illegal nach Großbritannien bringen sollte. Weil die Schleuser sich aus dem Staub machten und der Fahrer des Lkw sich weder um die Menschen hinter der isolierten Sichtschutzwand noch um das defekte Kühlaggregat kümmert, erstickten 50 Männer und Frauen. Umgerechnet 25 000 US-Dollar hatte Anthonys Familie für die Reise des jüngsten Sohnes an eine Schlepperbande bezahlt. Von der chinesischen Provinz Fujian aus dauerte der Weg nach Europa drei Monate. Nein, von Sklaverei sei bei seinem Bruder nie die Rede gewesen, sagt Anthony. Die Rechnung sei vor Antritt der Reise bezahlt worden. Er habe sich um seinen Bruder kümmern wollen.

Bei Anthony selbst war es vier Jahre zuvor anders. Weil seine Familie das Geld für die Schlepper nicht aufbringen konnte, hatte Anthony zugestimmt, dass ihn seine Schlepper diesem Mann, seinem Besitzer, übergeben. Bei ihm sollte er mit seiner Arbeitskraft für die Flucht bezahlen. Vor allem im Streit nennt der Restaurantinhaber Anthony und zwei weitere Küchenkräfte "seine Sklaven". Für Anthony eine Drohung. Die wirkt, die lähmt. Nach dreistündigem Gespräch bittet Anthony, keine weiteren Details in der Zeitung zu nennen, auch nicht verfremdet: "Ich habe Angst, dass jemand die Spur nachvollzieht und meine Familie in Gefahr gerät.

1930 unterzeichete der damalige Völkerbund ein Dokument über Sklaverei: Sie sollte damit abgeschafft werden, genauso wie die und Zwangsarbeit. Heute, im Jahr 2001 und inmitten der Globalisierung wird geschätzt, dass rund 27 Millionen Menschen als Sklaven leben. Die Dunkelziffer liegt nach Auskunft von Menschenrechtsorganisationen sogar bei etwa 100 Millionen Menschen. Die meisten arbeiten in der Landwirtschaft, in Ziegeleien, Steinbrüchen oder Bergwerken. Sie müssen eine "Schuld" begleichen, andernfalls werden sie oder ihre Familien bedroht. So halten sich Bauern und Unternehmer ihre Knechte zusammen.

Es sind die Armen, die in Schuldknechtschaft und Sklaverei abrutschen. In Brasilien, Indien, Pakistan, Nepal, Westafrika und in der Dominikanischen Republik haben die Opfer der Ausbeutung keine Lobby mehr. In Europa bemühen sich Hilfsorganisationen darum, die Menschen zumindest zu erfassen und ihnen somit einen winzigen Schritt aus der Anonymität zu helfen. Die "Europäische Aktion zu Überwindung von Sklaverei und Zwangsarbeit" - ein Zusammenschluss von Gewerkschaften, Menschenrechts- und Entwicklungshilfeorganisationen - geht von folgenden Zahlen aus: In Südasien leben 15 Millionen Menschen entrechtet und als Eigentum ihrer Arbeitgeber. Auf indischen Teeplantagen arbeiten 1,2 Millionen Menschen unter ähnlich entwürdigenden Umständen. Und die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Menschenrechte, die Grüne Claudia Roth, lenkt die Aufmerksamkeit auf Westeuropa: 500 000 Frauen würden hier als Opfer des Menschenhandels zu Prostitution gezwungen. Allein in Paris arbeiteten 3000 Frauen, zumeist Ausländer, als "private Haussklaven" - so, wie Ratna, deren Schicksal der Tagesspiegel gestern beschrieb.

Um die schlimmsten Folgen und Ursachen der modernen Sklaverei zu lindern, schlagen Roth und die Vertreter des Aktionsbündnisses vor, den Opfern von Menschenhandel ein befristetes Bleiberecht auszusprechen. Die Industriestaaten trügen Verantwortung, obgleich und weil jene Länder untätig blieben, in denen Sklaverei verbreitet ist. Die Bundesregierung hat das am 15. November von der UN-Vollversammlung angenommene "Protokoll zur Verhinderung, Unterbindung und zur Strafverfolgung des Menschenhandels" noch nicht ratifiziert.

Anthony hat angerufen. Er bittet um Entschuldigung für seine "Feigheit vor den Medien". Verlegen schiebt er nach: "Noch habe ich etwas zu verlieren. Mein Leben."

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