Welt : Monster der Urzeit

Forscher entdeckten das Skelett eines gigantischen Meeressauriers – sensationeller Fund auf Spitzbergen

Dagny Lüdemann

Oslo - „Von diesem Moment habe ich immer geträumt“, sagt Jörn Harald Hurum. Am 5. August dieses Jahres machte der norwegische Paläontologe von der Universität Oslo den Fund seines Lebens. Auf der Insel Spitzbergen stieß sein neunköpfiges Forscherteam auf Überreste des Skeletts eines gigantischen Pliosaurus.

Diese Fleisch fressende Urechsenart gehörte zu den im Meer lebenden Plesiosauriern, die vier paddelartige Flossen hatten und mehr als zehn Meter lang werden konnten. Sie jagten nach kleineren Ichthyosauriern. Auch Skelette von sechs Exemplaren dieser delfinähnlichen Beutetiere fanden die Forscher auf dem 150 Millionen Jahre alten Saurierfriedhof auf Spitzbergen, rund tausend Kilometer südlich des Nordpols. Beide – die Räuber und die Gejagten – starben gleichzeitig mit den an Land lebenden Dinosauriern vor etwa 65 Millionen Jahren aus.

Wissenschaftler bezeichnen die Entdeckung der Osloer Paläontologen bereits jetzt als bedeutendsten Fund von Urreptilien seit Jahrzehnten. Neben dem „Meeresmonster“, wie Hurum und seine Kollegen das riesige Echsenskelett mit dem kurzen Hals nennen, gruben sie Überreste von 21 langhalsigen Plesiosauriern aus. Diese waren sehr wendige Jäger und ernährten sich von Schildkröten und Tintenfischen. „Da wir Fossilien von Jungtieren und ausgewachsenen Plesiosauriern der gleichen Art entdeckt haben, wird es jetzt möglich sein, die Entwicklung dieser Tiere nachzuvollziehen,“ sagte Hurum dem Tagesspiegel.

Seitdem die Entdeckung des Riesenskeletts bekannt geworden ist, klingelt das Telefon im Naturhistorischen Museum der Universität Oslo pausenlos. Journalisten und Fachleute aus der ganzen Welt wollen wissen, wie groß die Urechse war, wie das Skelett aussieht, was genau erhalten ist. „Der Meeresräuber hatte Zähne so groß wie Bananen und Wirbelknochen vom Durchmesser eines Tortentellers“, berichtete Hurum. „Wahrscheinlich ist das Skelett komplett erhalten.“ Das ist die eigentliche Sensation, denn noch nie konnten Paläontologen den Knochenbau eines Pliosaurus vollständig rekonstruieren. „Wenn der Saurier zusammengebaut ist, werden wir vielleicht sagen können, ob Pliosaurus und Liopleurodon zur gleichen Gattung gehörten“, erklärte der Wissenschaftler.

Diese Frage der Zugehörigkeit stellen sich Paläontologen seit Jahren. In England hatte man Saurierknochen gefunden und sie der Gattung Liopleurodon zugeordnet. Und auf Spitzbergen waren schon Jahre vor Hurums Fund Skelettreste von Pliosauriern ausgegraben worden. „Aber bisher waren die Fossilien einfach zu unvollständig, um klären zu können, ob wir es in diesem Fall mit einer oder zwei Gattungen zu tun haben“, sagte der Paläontologe aus Oslo.

Kommendes Jahr wollen die Forscher an den Fundort zurückkehren und das gesamte Skelett bergen. „Wir müssen warten, bis der Schnee geschmolzen ist“, sagte Hurum. Dann sollen die Puzzleteile vorsichtig ausgegraben und an der Universität Oslo zusammengesetzt werden.

Bis die Öffentlichkeit das Skelett des urzeitlichen Seeräubers im Naturhistorischen Museum der norwegischen Hauptstadt bestaunen kann, werden aber mindestens drei, wenn nicht fünf Jahre vergehen. „Die Knochenteile sind überwiegend nicht größer als eine Streichholzschachtel“, sagte Hurum. Er ist dennoch zuversichtlich, dass am Ende kein Puzzleteil fehlen wird. „Wir werden das Monster zusammenkleben.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar