Montana : Wie der deutsche Austauschschüler Diren D. in die Falle geriet

Der Hausbesitzer in Montana, der den Hamburger Schüler Diren D. erschossen hat, brannte darauf zu töten. Nächtelang wartete er darauf, dass ein Jugendlicher in seine Falle tappt.

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Ein Transparent zum Gedenken an Diren D. hängt am Zaun des Fußballvereins SC Teutonia 1910 in Hamburg. In dem Verein spielte der 17-jährige deutsche Austauschschüler.
Ein Transparent zum Gedenken an Diren D. hängt am Zaun des Fußballvereins SC Teutonia 1910 in Hamburg. In dem Verein spielte der...Foto: dpa

Kurz nach Mitternacht sprang in dem sanftgrünen flachen Holzhaus im Deer Canyon Court der Einbruchssensor für die betonierte Einfahrt an. Janelle Pflager und Markus Kaarma saßen da noch zusammen im Wohnzimmer des Hauses und sahen fern. Wenige Augenblicke später hörten sie beide den Sensor aus ihrer Garage. Auf dem Bildschirm der Überwachungskamera war eine Gestalt zu sehen. Kaarma nahm sein Gewehr, beide gingen zur Vordertür. Im Dunkeln trat der kräftige 30-Jährige vor das Haus und stellte sich zwischen seinen dunkelroten Pickup-Truck in der Einfahrt und das leicht geöffnete Garagentor.

Diren D. war in vergangenen August nach Montana gekommen

„Hey, hey“, habe ihr Mann gerufen, zitieren inzwischen die Gerichtsunterlagen Pflager. So etwas wie „hey“ oder „wait“ habe sie noch aus der Garage gehört. Dann schoss ihr Mann zweimal ins Dunkle. Als sie die Frontbeleuchtung anmachte, feuerte Kaarma noch zwei Schüsse ab. Das Ganze dauerte wohl weniger als zehn Sekunden. Dann lag Diren D. tödlich getroffen mit einer Schusswunde am Kopf und einer am linken Arm in der Garage, sein Handy lag neben ihm auf dem Boden.

Erst im vergangenen August war der 17-jährige Hamburger als Austauschschüler nach Missoula im US-Bundesstaat Montana gekommen. Er besuchte dort die Sig Sky High School und spielte im Fußballteam der Schule. Im Sommer sollte er zurück nach Deutschland. Als die Polizei am Sonntag am Tatort, einem gepflegten frei stehenden Einfamilienhaus in einer Vorortsiedlung im Norden Missoulas, ankam, fand sie den schwer verwundeten Jugendlichen. Ein Krankenwagen brachte ihn noch zum St. Patrick’s Hospital in Missoula. Dort starb er eine halbe Stunde später. Der Schütze sitzt im Gefängnis, die Ermittler gehen von vorsätzlichem Mord aus. Darauf stehen in Montana zehn bis 100 Jahre Gefängnis.

Bei einem Friseurbesuch ließ der Mann seinen Gefühlen freien Lauf

Am vergangenen Mittwoch, vier Tage zuvor, hatte sich Markus Kaarma einen Friseurbesuch in Great Clips in Missoula geleistet. Auf die Frage der Friseurin, wie es ihm gehe, sagt laut Gerichtsakten jetzt eine Zeugin, habe Kaarma nur gesagt: Ich warte nur darauf, „to shoot some fucking kid“. Schon drei Nächte habe er mit dem bereitliegenden Gewehr Wache gehalten, „um eines der verdammten Kinder zu erschießen“. Der Mann sei sehr vulgär und sehr aggressiv gewesen, sagte die Zeugin gegenüber den Ermittlern aus.

Kaarmas Aussage dazu, wie die Nacht abgelaufen ist, weicht nur wenig von der seiner Frau ab. Nachdem der Alarm losgegangen sei, sei er rausgegangen, habe sich zwischen Pickup und Garageneinfahrt gestellt. Wie Metall auf Metall hätte ein Geräusch in der Garage geklungen. Er habe Angst gehabt, der Eindringling könne mit einem Werkzeug oder einem Messer herauskommen. Allerdings sagt Kaarma, er habe mit niemandem kommuniziert. Und obwohl er demnach auch nichts sah, habe er viermal in die Garage geschossen. Um das darin geparkte Auto nicht zu treffen, habe er extra hoch geschossen.

Nach Darstellung der Ermittler muss Kaarma sein Gewehr beim Schießen einmal quer durch die Garage geschwenkt haben. Die Einschusslöcher sehen aber nach drei niedrigen und einem hohen Schuss aus. Wer dann die Polizei gerufen hat, blieb am Dienstagnachmittag noch unklar. Die Polizei könne Einbrecher ohnehin nicht auf frischer Tat ertappen, gab der Schütze noch zu Protokoll. Deshalb haben Kaarma und Pflager weiteren Eindringlingen wohl eine Falle gestellt. Pflager deponierte nach eigener Aussage eine Tasche mit persönlichen Objekten in der Garage, damit Einbrecher sie mitnehmen sollten. Zuvor hatte sie aber eine Liste der Dinge erstellt. Die Garage ließen die beiden leicht geöffnet. Als am Wochenende Diren D. möglicherweise in die Falle tappte, machte sie noch Screenshots von der Videoüberwachung mit ihrem Handy. Und Kaarma hatte sein Gewehr bereitliegen.

Es war noch ein Jugendlicher dabei

Nach den Gesetzen Montanas ist es Hausbesitzern hier – wie in vielen anderen Bundesstaaten auch – erlaubt, sich mit einer tödlichen Waffe zu wehren. Voraussetzung ist allerdings, dass es eine begründete Annahme dafür gibt, dass einem selbst oder einem anderen Anwesenden im Haus Gefahr droht. Auf diesem Recht wird sich die Verteidigung Kaarmas aufbauen. Die von der Zeugin zu Protokoll gegebene Vorsätzlichkeit hat die Polizei allerdings zunächst gegen den Täter entscheiden lassen. Die Ermittler haben deshalb Anklage erhoben.

In der tödlichen Nacht war noch ein weiterer Jugendlicher dabei. Als die Schüsse fielen, ist er aber geflohen. Später hat die Polizei den Jungen dann nicht weit entfernt aufgegriffen. Seine Aussage wird erst Aufschluss darüber geben, was Diren D. in der Garage wollte und wie es zu den tödlichen Schüssen kam. Offenbar hat der Junge ausgesagt, dass sein Kumpel in der Garage nach Getränken suchen wollte. Dessen Austauschfamilie habe ihre Getränke auch in der Garage gelagert. Die Aussage des Jungen wird möglicherweise entscheidend für die Ermittlungen sein.

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