Mord an Einwanderern : Die Mafia wird rassistisch

Afrikaner machen Italiens Camorra Konkurrenz – aber die jüngste Schießerei in der Nähe von Neapel könnte andere Motive haben.

Paul Kreiner[Rom]
Castel Volturno
Protest und Randale in der kampanischen Stadt Castel Volturno.Foto: dpa

Die Killer rasten mit Blaulicht heran. Sie trugen Westen mit der Aufschrift „Carabinieri“ der italienischen Polizei. Dann feuerten sie mit ihren Kalaschnikows. Zuerst ermordeten sie den italienischen Betreiber eines Spielsalons, eine Viertelstunde später jagten sie mehr als 130 Geschosse in eine Schneiderei von Schwarzafrikanern. Sechs Einwanderer starben auf der Stelle. Als Reaktion darauf randalierten etwa tausend Afrikaner in einem beinahe 24-stündigen Protestzug durch die Küstenstadt Castel Volturno nördlich von Neapel, warfen Autos um, schlugen Schaufenster ein, schrien „Italiener, Bastarde! Rassisten!“

Die beiden Bluttaten geschahen am Donnerstagabend, die Hintergründe sind noch nicht zur Gänze geklärt. Als sicher gilt, dass die Killer von der Mafiatruppe Camorra kamen, genauer gesagt von deren potentestem Clan, den Casalesi. Angenommen wurde zunächst, dass die Casalesi ihr Monopol im regionalen Drogenhandel gegen mafiaähnliche Strukturen von Nigerianern bekräftigen wollten. Dem widerspricht aber, dass die Killer den Hauptumschlagplatz der Nigerianer verschonten, dafür aber auf Einwanderer aus Ghana, Togo und Liberia zielten, von denen jedenfalls die meisten – so zumindest schien es am Sonntag – mit Drogen nichts zu tun hatten. Der Italiener wiederum wurde ermordet, weil er offenbar kein Schutzgeld mehr zahlen wollte.

Die schwarzafrikanische Einwanderung an der kampanischen Küste ist ein Problem der besonderen Art. In Castel Volturno, einer Stadt mit 25 000 Einwohnern, sind 2000 Afrikaner gemeldet; geschätzt wird, dass mindestens weitere 11 000 illegal dort leben.

Die Gegend ist aber auch das lange unangefochtene Reich der Casalesi, die ihre Millionen hauptsächlich in der Bauwirtschaft und der Bauspekulation verdienen. Sie sind italienweit tätig, aber allein in Castel Volturno wurden 12 000 Schwarzbauten gezählt. Die Casalesi kontrollieren auch die Gemüse- und Tomatenäcker der Region sowie die illegale Beseitigung von Giftmüll. Die Casalesi sind für viele Schwarzafrikaner die Arbeitgeber, beziehungsweise – angesichts der bezahlten Hungerlöhne – die Ausbeuter. Ermittler sprechen ausdrücklich von Sklavenhaltung.

Innerhalb der Afrikaner wiederum gelang es kriminellen Nigerianern, eigene Strukturen im Drogenhandel und in der Prostitution aufzuziehen – im Einvernehmen mit der Camorra und natürlich gegen Gewinnbeteiligung. Dagegen wurden Afrikaner anderer Nationalitäten im sozialen Abseits gehalten und blieben offenbar Spielball sowohl für die Nigerianer als auch für die Casalesi.

Die Camorra wiederum fürchtet seit einigen Monaten um ihre Zukunft. Der Bestseller „Gomorrha“ von Roberto Saviano und der gleichnamige Kinofilm haben die Aufmerksamkeit allzu stark auf ihre Umtriebe gelenkt; im Juni wurden 16 ihrer Bosse lebenslang hinter Gitter geschickt; gerade erst am Samstag hat die spanische Polizei in Zusammenarbeit mit den italienischen Behörden einen mutmaßlichen Anführer der Camorra verhaftet. Und an Italiens Küste gibt es starke Versuche, zugunsten eines sauberen Tourismus das Joch der Casalesi abzuschütteln. Seit einigen Wochen nun feuern die Casalesi praktisch jede Nacht Gewehrsalven auf Geschäfte. „Um einzuschüchtern“, sagen die Ermittler. Nach der Ausschaltung der großen Bosse versuchten aufstrebende junge, ihre Herrschaft mit Blut zu bekräftigen. Den Berichten lokaler Medien zufolge gibt es zahlreiche Gebiete, in die sich die Polizei seit Jahren nicht mehr vorwagt. Zumindest dies soll nun anders werden. Innenminister Roberto Maroni hat in Rom angekündigt, sofort und dauerhaft 400 Polizisten und Carabinieri an den fraglichen Küstenstreifen zu verlegen.

Mancher indes hat seine eigene Erklärung für die Schüsse vom Donnerstag, die ja nicht die ersten waren, die dort gegen Schwarze abgefeuert wurden. „Sie machen es aus reinem Rassismus“, werden Afrikaner in italienischen Medien zitiert. „Sie zielen auf uns, weil sie wissen, dass das den anderen Italienern gar nicht so unrecht ist.“ Tatsächlich ist in Castel Volturno bereits zu hören: „Weg mit den Schwarzen!“ Die Einwohner sagen, dann bekämen sie Frieden – was immer „Friede“ heißt im Reich der Mafia.

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