Mordprozess : Zeugenaussage: Vater von Jessica räumte Schuld ein

Im Hamburger Mordprozess gegen die Eltern der verhungerten Jessica hat nach einer Zeugenaussage auch der angeklagte Vater Mitschuld am Tod des Kindes eingeräumt.

Hamburg (12.09.2005, 16:37 Uhr) - Vor dem Landgericht sagte am Montag eine Kripo-Beamtin, in seiner Vernehmung bei der Polizei habe der 49-Jährige erklärt: «Wir haben beide gleich Schuld». «Ich hätte mich mehr um das Kind kümmern müssen», zitierte die 30- jährige Polizistin den Angeklagten.

Der 49-Jährige hatte über seine Anwältin zu Prozessbeginn erklären lassen, er wollte in der Verhandlung nicht aussagen. Die Mutter hatte dagegen vor Gericht bereits ihre Schuld an Jessicas Tod zugegeben. Sie habe «alles falsch gemacht», sagte die Frau. Die Staatsanwaltschaft wirft beiden Angeklagten vor, die Tochter durch böswillige Verletzung der Fürsorgepflicht gemeinsam umgebracht zu haben. Zuletzt wurde das Mädchen ohne ausreichend Nahrung und Wasser in einem verdunkelten Zimmer wie in einem Gefängnis gehalten. Vor einem halben Jahr verhungerte Jessica.

Der angeklagte Vater hatte nach Angaben der Zeugin bei der Polizei ausgesagt, Jessica habe immer weniger gesprochen. In den Tagen vor ihrem Tod habe sie nicht mehr sagen können, dass sie Durst hat. Ihm sei aufgefallen, dass das Kind immer dünner geworden sei.

Jessicas Mutter sagte am Montag, sie habe das Kind bis zu dessen Tod regelmäßig gefüttert. Drei Mal am Tag habe sie der Siebenjährigen mit einer Babyflasche zu trinken gegeben. Das Kind wurde zudem mit Grießbrei und Banane gefüttert «bis es passiert ist». Der Vorsitzende Richter Gerhard Schaberg sagte, diese neue Aussage stehe auch im Widerspruch zum Gutachten eines Rechtsmediziners.

Demnach habe das Kind lange Zeit nicht genug zu essen bekommen und sei lange nicht aus der Wohnung gekommen. Bei seinem Tod sei das siebenjährige Mädchen auf dem Stand einer Dreijährigen gewesen. Der Richter erinnerte die Angeklagte an deren Aussagage bei der Polizei, wonach Jessica bereits «drei Monate vor ihrem Tod nicht mehr vorzeigbar» gewesen sei. Das Kind sei «ziemlich dünn» gewesen, meinte die Mutter. «Sie wollen sie bis zum Schluss drei Mal gefüttert haben? Dabei wollen sie auch bleiben?», fragte Schaberg. Die Angeklagte antwortete mit «Ja».

Ihr Verteidiger entgegnete der 36-Jährigen, es sei jedem im Gerichtssaal klar, dass Jessica verhungert sein muss. Es kann nicht sein, dass die Mutter das Kind gefüttert hat. «Warum lassen sie dass nicht an sich ran, dass es so nicht gewesen sein kann», betonte der Anwalt. «Doch, ich bleibe dabei», sagte seine Mandantin.

An einem späteren Verhandlungstag soll laut Verteidigung eine Zeugin verdeutlichen, dass es sich bei der Angeklagten um eine «schwer traumatisierte Persönlichkeit» handelt. Die Frau habe sich am 31. August bei der Polizei gemeldet und ausgesagt, Jessicas Mutter sei als Kind das Opfer von Missbrauch und Misshandlungen geworden. Der Onkel der Angeklagten und Lebensgefährte der Mutter habe die damals Sechsjährige dazu gezwungen, ständig unter der Bettdecke zu liegen. Habe das Kind nur den Kopf hervorgesteckt, «dann wurde sie vom Onkel an den Beinen hervorgezogen und mit dem Kopf auf den Boden geschlagen». Der Onkel wird zudem mit dem Satz zitiert: «Kinder sind wie Unkraut, die finden selbst was zu essen.» Die Angeklagte berichtete, vom Onkel «betatscht» worden zu sein, könne sich an die geschilderten Misshandlungen aber nicht erinnern.

Der Prozess wird an diesem Dienstag mit der Aussage eines Rechtsmediziners fortgesetzt. (tso)

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