Welt : Motor aus, lieben!

Europas erster Kuschel-Parkplatz hat in Italien eröffnet

Thomas Migge[Rom]

Nur 30 Kilometer von Vinci entfernt liegt die kleine Ortschaft Scandicci. Sie ist nicht nur berühmt wegen eines Metzgers, der, so wissen Italiens Feinschmecker, die besten Steaks des ganzen Landes verkauft, sondern vor allem wegen eines Schlächters mit Namen Pacciani. Er wurde vor einigen Jahren dadurch bekannt, dass er Liebespaare in Autos aufspürte und brutal ermordete. Seit dieser international für Aufsehen sorgenden Mordserie fühlen sich Italiens Schmusende in ihren PKW nicht mehr so wohl. Aus diesem Grund hat sich Giancarlo Faenzi dazu entschieden, Europas ersten Liebes-Parkplatz einzurichten, den so genannten „Autoparco dell’amore“. Faenzi ist Bürgermeister in Vinci. Bislang ist die 14 000-Seelen-Stadt hauptsächlich bekannt für ihren berühmtesten Sohn. Denn am 15. April 1452 erblickte in einer armseligen Hütte Leonardo da Vinci das Licht der Welt. Auch wenn den genialen Renaissancekünstler nach seinen frühen Jugendjahren nichts mehr in Vinci hielt, so profitiert der Ort heute von dem bedeutenden Mann. Es wurde ein Museum eingerichtet, in dem zahlreiche der von ihm entworfenen Maschinen zu sehen sind. Jetzt gibt es zusätzlich den Liebes-Parkplatz, der, so hofft jedenfalls der Bürgermeister, ebenfalls Besucher anziehen wird. Auch aus Florenz, das nur 15 Kilometer entfernt liegt.

Ein ehemaliger Sportplatz wurde in einen neuen Parkplatz umgebaut. Um den Parkplatz herum erhebt sich ein hoher Zaun, der Unbefugten den Zutritt verwehrt. Der gesamte Platz wird mit indirektem Licht beleuchtet. „Auf diese Weise“, erklärt Giancarlo Faenzi, „kann man sein Gegenüber im Auto sehen, aber nicht die anderen Leute in den benachbarten Pkw“.

Voraussichtlich wird ein kommunaler Ordnungshüter darüber wachen, wer auf den neuen Parkplatz fährt. Vor allem abends, nach Einbruch der Dunkelheit. Einzelfahrer sollen nicht auf den neuen Parkplatz fahren dürfen, weil die Stadtverwaltung davon ausgeht, dass es sich bei solchen Autofahrern um Spanner handelt. Das Rathaus schließt nicht aus, dass in Zukunft auch ein Automat für Präservative aufgestellt wird. Sicher ist, dass eine Vielzahl von Mülleimern dafür sorgen wird, dass Papiertaschentücher – an Italiens Straßenrändern eindeutiges Zeichen für ein vollzogenes Liebesspiel – nicht auf dem Asphalt landen.

Bürgermeister Giancarlo Faenzi begründet die Verwirklichung seiner Parkplatz-Idee mit einem Satz von Ministerpräsident Silvio Berlusconi: „Wohl jeder Italiener hat sein erstes Liebesspiel auf vier Rädern erlebt“. In Italien, so eine Umfrage der Tageszeitung „La Repubblica“, vollziehen rund 70 Prozent aller jungen Leute ihren ersten Geschlechtsakt in einem Auto. Das wird damit erklärt, dass zirka 75 Prozent aller Italiener zwischen 18 und 25 Jahren noch bei ihren Eltern leben und an Schmusereien im Kinderzimmer gar nicht zu denken ist. Immerhin 35 Prozent aller Italiener bis 35 Jahren verfügen ebenfalls über keine eigene Wohnung und treffen sich deshalb mit ihren besseren Hälften in ihrem Auto. Italiens Autohersteller tragen diesem Bedürfnis nach Intimität Rechnung. Selbst Kleinwagen werden mit zurückklappbaren Sitzen ausgestattet.

Nachteil des Liebesspiels im Auto sind verschmutzte Straßenränder und Grünflächen, wo benutzte Taschentücher ihre Bestimmung verraten. Besonders beliebt sind Parkflächen in Stadtparks oder bei antiken Ruinen. Obwohl strengstens verboten, ist beispielsweise die älteste Straße der Welt, die Appia Antica in Rom, abends und nachts das Ziel vieler Liebespaare. Damit niemand die Privatsphäre innerhalb des Autos durch neugierige Blicke stört, werden die Scheiben in der Regel mit Tageszeitungsseiten verhängt.

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