Welt : Münchener Polizisten verätzen das Ohr einer Kollegin

ROLF LINKENHEIL

MÜNCHEN .Die Vorwürfe häufen sich.Körperverletzung, Wildwestmanieren, sexuelle Belästigung, Mobbing, üble Machenschaften im Büro - die Münchner Polizei eine Rambo-Truppe? "Bedauerliche Einzelfälle", meint Polizeipräsident Roland Koller.

Von Frauenfeindlichkeit im Polizeidienst ist in jüngster Zeit in München viel die Rede.Ausgerechnet in der Direktion Spezialdienste, der besonders ausgewählte Beamte wie etwa die Mitglieder des Sondereinsatzkommandos SEK angehören, spielt der jüngste Fall.Eine 32jährige Telefonistin schrie plötzlich auf, als sie den Hörer ans Ohr legte.Er war mit einer ätzenden Chemikalie behandelt worden, wie sie für Geldpakete verwendet wird, die Bankangestellte bei Überfällen den Räubern aushändigen.Das Ohr der Frau brannte wie Feuer.Sie mußte sich in ärztliche Behandlung begeben.Die Anzeige der Sekretärin wegen Körperverletzung hat noch zu keinem Ermittlungsergebnis geführt.

Einen erschütternden Abschiedsbrief hinterließ die 22jährige Polizistin Silvia Braun, die sich im Februar auf einem Autobahnparkplatz mit ihrer Dienstwaffe erschossen hatte.Offenbar war sie an den ständigen sexuellen Anspielungen ihrer Kollegen verzweifelt.Einen auf ihrer Inspektion nennt sie in ihrem Abschiedsschreiben eine "Oberdrecksau".Sie fühlte sich offenbar von ihren männlichen Kollegen abgelehnt und ausgegrenzt.Neben der seelischen Not der Polizistin, die ursprünglich ihren Dienst mit Begeisterung angetreten hatte, scheinen allerdings auch private und körperliche Probleme wie ein schmerzhaftes Halswirbelschleudertrauma Einfluß auf ihren Selbstmord gehabt zu haben.

Der Behauptung "Selbstmord wegen fortgesetztem Sexismus-Mobbing" wollte Münchens Polizeipräsident Roland Koller nicht zustimmen.Ursachen, die im dienstlichen Bereich liegen, könne er aber "nicht verdrängen".

Offensichtlich widerstrebte es Silvia Braun, ihre Kollegen anzuzeigen.Deswegen mochte sie ihre konkreten Vorwürfe auch nicht der Gleichstellungsbeauftragten, die seit drei Jahren bei der Münchner Polizei Dienst tut, bis ins Einzelne mitteilen.Sie sprach auch mit anderen über ihre Probleme, wollte aber, daß nichts von ihren Aussagen verwendet wird.

"Da wird doch der Korpsgeist ad absurdum geführt.Was ist wichtiger? Verschwiegenheit oder das Leben?", meinte der Chef des Zentralen Psychologischen Dienstes der Münchner Polizeit, Hans-Jörg Trum.Allerdings räumte auch er ein, daß immer noch viele Polizeibeamte Schwierigkeiten haben, die Leistungen der Frauen im Polizeidienst anzuerkennen oder sie gar als Vorgesetzte zu akzeptieren.Auch er kennt Fälle, in denen "Kolleginnen den Dienst durchstehen und sich abends aufs Bett werfen und flennen", sagte Trum der Münchner "tz".

Einen Abend vor Silvester schossen zwei Polizisten im Büro nach Dienstschluß 34 Mal auf ein Fahndungsplakat an der Wand.Der 34jährige Hauptmeister und der 27 Jahre alte Obermeister waren betrunken.Der berüchtigte Korpsgeist führte dazu, daß Kollegen in anderen Räumen nichts gehört haben wollten.In diesem Fall war es eine Frau, die sich getraute.Eine Polizeiobermeisterin meldete den Vorfall.Daraufhin hatte sie nichts mehr zu lachen.Kollegen kippten ihr volle Aschenbecher auf den Schreibtisch; in ihrem Fach fand sie einen Zettel."Verräter" stand darauf.Der Leiter der Polizeidirektion Süd forderte die Übeltäter auf, sich freiwillig zu melden.Keiner der zwölf Beamten auf der Dienststelle bekannte sich dazu.So wurden alle versetzt.Polizeipräsident Koller entließ die Revolverhelden, betonte aber in einem Gespräch mit der "Abendzeitung", es handle sich um einen "Einzelfall von großer Dummköpfigkeit".

Den Dienst quittieren mußte auch ein Mitglied der Polizeitruppe auf dem Oktoberfest.Beim Verhör auf der Wiesenwache wandte ein Beamter, der bereits auf seinem Revier einschlägig von sich reden gemacht hatte, gegenüber Besuchern Methoden wie in Wildwestfilmen an.Es hagelte Anzeigen.

München ist trotz alledem stolz auf die Polizei: Mit 111 133 Straftaten auf 1,3 Millionen Einwohner im letzten Jahr gilt die Stadt als die sicherste Großstadt Europas.

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