Welt : Musik ist ihr Schicksal

Beyoncé will auf den Thron der Queen of Soul – und auch Deutschland erobern

Ulrich Rüdenauer

Drei junge Frauen posierten auf dem Cover der Zeitschrift „Vibe“, gekleidet und gestylt, als wären sie gerade dem Motown-Back-Katalog entstiegen. Das war vor sechs Jahren. Die Supremes waren für die Nachgeborenen wieder auferstanden und nannten sich Destiny’s Child. Beyoncé, die bei den bibelfesten Schicksalskindern immer schon im Mittelpunkt gestanden hat, gab auf dem „Vibe“-Cover selbstverständlich Diana Ross. Dass sie später in dem Film „Dreamgirls“ (2006) tatsächlich eine Figur spielte, die Diana Ross nachgestaltet wurde, ist kein Zufall, sondern scheint einem geheimen Unternehmen zu folgen: den vakanten Thron der Queen of Soul zu besteigen.

Die Karriere der heute 25-jährigen Beyoncé Knowles ist das genaue Gegenteil von Zufall, hat vielmehr mit Schicksal – Destiny – zu tun. Dieses Schicksal hört auf den Namen Matthew Knowles, der Manager von Destiny’s Child und Vater von Beyoncé. Man könnte Schicksal in diesem Falle auch als die Erfüllung eines knallharten ökonomischen Schlachtplans übersetzen. Matthew Knowles war Verkäufer von medizinischen Geräten bei Xerox, und er wusste als Top-Salesman von Anfang an, was gut ist für seine Tochter: Als andere Mädchen mit Puppen spielten, nahm Beyoncé an Talentwettbewerben teil. Zusammen mit Cousine und Freundinnen wurde schließlich eine Girlband zusammengestellt, die mit „No no no“ ihren ersten Nummer-Eins-Hit verzeichnen konnte. Beyoncé war gerade mal 15. Die Bandkonstellation wechselte des öfteren – wer Beyoncé die Rolle als Thronfolgerin streitig machen wollte, wurde aus dem Familienunternehmen rausgeworfen.

Seit dem denkwürdigen ersten Höhenflug von Destiny’s Child hagelte es Auszeichnungen und hohe Chartplatzierung. Beyoncé scheint diesen Trophäen auch als Solokünstlerin wie besessen hinterherzujagen: Während ihres Frankfurter Konzerts Anfang der Woche hatte man das Gefühl, dass sie in jenem Moment besonders glücklich war, als sie verkünden konnte, mit ihrer neuen Single in Deutschland Platz eins zu belegen.

Auch ihre Show hat etwas von einem Wettbewerb: Sie will besser tanzen, besser singen, besser aussehen als alle anderen, und in den meisten Disziplinen hat sie tatsächlich die Nase vorn. Sie ist ein „Survivor“, wie der Titel einer der großen Hits von Destiny’s Child lautet. Wo andere längst vor Erschöpfung auf der Strecke bleiben würden, fängt für sie die Arbeit erst so richtig an. 50 Millionen verkaufte Alben und etliche Grammy Awards hat sie bekommen. Ein richtiger universeller Star kann man aber erst dann werden, wenn man alle kriegt: Großmütter, Töchter und Enkel. Das geht – wie schon zu Elvis’ Zeiten – nur über Hollywood, weshalb Beyoncé ihre Kinokarriere forciert. Zuletzt erspielte sie sich mit ihrer Hauptrolle in „Dreamgirls“ eine Golden-Globe-Nominierung, ihr Ziel aber ist der Oscar.

Auf der Bühne verkauft sie die Marke Beyoncé am besten. Sie, die mit Destiny’s Child für George W. Bush eintrat, christliche Werte predigte und gleichzeitig das Recht der Frau auf Selbstbestimmung propagiert, lebt die Widersprüche in sich aus. Sie preist ihr Hinterteil an („Bootylicious“) und gibt zugleich zu erkennen, dass sie mit Fantasien handelt und man ihr besser nicht auf die Pelle rücken sollte. Wer sich selbst als Produkt anbietet, muss zugleich den Warencharakter umso stärker betonen. Sie bewahrt deshalb jene divenhafte Aura der Unnahbarkeit, die sich auch in Momenten größter Intensität bei ihren Konzerten kaum auflösen lässt. Einmal hält während des Frankfurter Konzerts ein junges Mädchen ein Schild in die Höhe, auf dem zu lesen ist, dass sie heute Geburtstag habe. Beyoncé stellt sich an den Bühnenrand und singt „Happy Birthday to you with the pink sign”. Hier tritt sie für einen Augenblick aus ihrer Rolle heraus. Ansonsten läuft die Show so perfekt ab, dass man sich einen Stromausfall wünschte.

Warum ist Beyoncé ganz oben? Ihre Musik atmet den Geist der Zeit und sie hat die Beats, die die Massen zum Tanzen bringen. Beyoncé nimmt – darin ist sie Madonna nicht ganz unähnlich – größten Einfluss auf ihre Songs, Videos und Modelinie. Schon bald wird sie sich keine Vorbilder mehr suchen müssen. Auch nicht Diana Ross.

Berliner Konzert: Sonntag, 13. Mai, 20 Uhr, Max-Schmeling-Halle

0 Kommentare

Neuester Kommentar