Welt : Musik: Werden wir heimlich verführt?

Hartmut Wewetzer

Melodien gehören zum Leben wie Licht und Luft", schrieb der Schriftsteller Elmer Rice in seiner Erzählung "Reise nach Purilia". Die Menschen wachen, schlafen und zechen zu betäubenden Klängen, zu einer "stets präsenten Harmonie": "Einmal ist sie pathetisch, dann wieder fröhlich, geheimnisvoll, martialisch, zärtlich, aber immer ruft sie angenehme Erinnerungen hervor, immer ist sie von schwellender Wärme, und immer unterlegt mit einem leichten, aber unüberhörbaren Tremolo."

So schilderte Rice das Leben auf dem fernen Planeten "Purilia" im Jahr 1929. Ziemlich ähnlich hört es sich heute auf der Erde an, sind wir doch überall und ständig von Musik umgeben. Am Frühstückstisch, im Auto, im Restaurant, der Kneipe und der Diskothek, beim Einkaufen und nicht selten sogar beim Arbeiten. Stimulierende Hintergrundmusik untermalt unser Dasein. Sie quillt aus dem Radio, dem Fernseher, dem Telefonhörer, aus Lautsprechern in Supermärkten, Fahrstühlen und Flughäfen.

Was Kritiker Berieselung und Anhänger diskret akustische Architektur nennen, ist ein Kind der Moderne, Wunsch- und Schreckbild zugleich. Denn erst das 20. Jahrhundert ermöglichte es, Musik zu konservieren und beliebig oft und beliebig laut abzuspielen. Und es ist kein Zufall, dass der Erfinder der Fahrstuhlmusik ein begabter Ingenieur und hoher Offizier war: Brigadegeneral George Owen Squier beschäftigte sich um die Jahrhundertwende vor allem mit der Entwicklung von Telegraphie-Geräten und anderen neuen Möglichkeiten der Informationsübertragung.

Squier quittierte 1922 den Militärdienst, um sich nur noch dieser Frage zu widmen: Wie kann man Menschen überall und zu jeder Zeit mit Musik, Reklame und Nachrichten versorgen? Und das nicht ohne Hintergedanken. Damals dachten Wissenschaftler intensiv darüber nach, wie sich die Produktivität der Arbeiter in den Fabriken noch steigern ließe. Warum nicht mit Musik? "Mit Musik geht alles besser", versprach ein Schlager jener Jahre.

Zusammen mit dem Unternehmen North American Company gründete General Squier in Cleveland "Wired Radio". Für einen Dollar 50 im Monat lieferte die Firma Musikprogramme über Drahtleitungen. Kurz vor seinem Tod 1934 prägte Squier dann den neuen Namen der Gesellschaft. Aus "Music" und "Kodak" wurde "Muzak", seitdem der Inbegriff der Fahrstuhlmusik. Die Idee der Firma wurde oft kopiert, sie hatte in den folgenden Jahrzehnten viele Eigentümer und eine wechselvolle Geschichte, die der amerikanische Journalist Joseph Lanza in seinem Buch "Elevator Music" nachgezeichnet hat.

Muzak ist nicht einfach irgendwelche Unterhaltungsmusik, dem Stil der Zeit angepasst. Um den Umsatz ihrer Kunden zu steigern oder Monotonie und Langsamkeit am Arbeitsplatz zu vertreiben, bedurfte es aus Sicht der Spezialisten von Muzak ausgefeilter Technik. Die Musik durfte nicht zu aufdringlich sein, nicht zu schnell oder zu bombastisch, aber auch nicht zu langsam und zu getragen. Aufdringliche Singstimmen waren zu vermeiden, Streicher und Holzbläser dominierten jahrzehntelang. Ein Tempowechsel von Stück zu Stück war empfehlenswert. "Spritzig, kühl, erfrischend wie eine Mentholzigarette" - so beschrieb der Journalist Alan Levy 1965 das ideale Muzak-Arrangement.

Das Unternehmen heuerte bis in die 70er Jahre hinein bekannte Arrangeure und Orchesterchefs an, um mit ihnen gemeinsam einen eigenen Stil unaufdringlicher Hintergrundmusik zu kreieren. Hatten die Musiker Skrupel, ihre Kunst kommerziellen Zwecken unterzuordnen? "Auch Händels Wassermusik war ja schließlich so etwas wie funktionelle Musik" - komponiert als Hintergrund für höfische Feste, rechtfertigte sich später Morton Gould, einer der bekannten Dirigenten leichter Musik.

Muzak ist aus dem öffentlichen Leben kaum noch wegzudenken. Als am 28. Juli 1945 ein amerikanischer B 25-Bomber in das 79. Stockwerk des Empire State Building krachte, brach Feuer aus, blieben Fahrstühle stecken. Im gläsernen Ausguck im 88. Stock waren 50 Menschen eingeschlossen. In dieser kribbligen Situation beruhigte Musik aus den Lautsprechern die Eingeschlossenen. "Sanfte Walzerklänge halfen den Betroffenen, nicht in Panik zu geraten", berichtete die "New York Times" am nächsten Tag.

Nicht viel anders im April 1974. Die letzten Amerikaner verließen Saigon mit Hubschraubern vom Dach ihrer Botschaft. Das einzige, was in den verwüsteten Räumen noch funktionierte, war die Musikanlage mit ihren einschmeichelnden Tönen. Und selbst auf einem Schlachthof in Illinois erwies sich Muzak als nützlich, um dem Vieh den Weg ins Jenseits zu erleichtern und - angeblich - das Fleisch schmackhafter zu machen.

Wer heute sein Restaurant mit barocken Klängen möbliert, in der gemütlichen Altbier-Kneipe Rockmusik aus den 70ern spielt oder in der Boutique Rap und Hiphop, der wird vor allem eine für den Gast angenehme Atmosphäre im Auge haben. Den Pionieren des Klangteppichs ging es aber um mehr: Sie wollten den wissenschaftlichen Wirkungsnachweis. Forscher des Stevens Institute of Technology veröffentlichten 1947 eine Studie über Büroangestellte der amerikanischen Armee. Angeblich steigerte der Klangteppich die Produktivität um 44,5 Prozent. 88,7 Prozent der Befragten gaben an: "Muzak hilft mir bei der Arbeit." In den 60er Jahren untersuchten die "Human Engineering Laboratories" der amerikanischen Armee, ob sich die Aufmerksamkeit der Soldaten bei ihrer monotonen Arbeit durch Musik verbessern ließe. Die Versuchspersonen taten Dienst in Raketenbatterien mit atomaren Sprengköpfen, getestet wurde ihre Reaktionszeit im Alarmfall. Musikhören verkürzte diese Zeit um eine Viertelsekunde.

Spätere Untersuchungen konzentrierten sich auf die Frage, ob schnelle Hintergrundmusik auch das Verhalten des Konsumenten beschleunigt, langsame ihn dagegen geruhsamer macht. Dieses Wissen kann von den Unternehmen strategisch eingesetzt werden: ein Restaurant spielt in Stoßzeiten schnelle Musik, um die Verweildauer der Gäste zu verkürzen. Außerhalb dieser Zeiten empfiehlt sich dagegen langsamere Musik, um den Gast möglichst lange festzuhalten und ihn zu weiterem Verzehr anzuregen. Nach einer anderen Studie soll Muzak-Musik sogar das Immunsystem stärken.

Allerdings kamen die beiden Psychologen Adrian North David Hargreaves von der Universität von Leicester in einer zusammenfassenden Auswertung der Forschungsarbeiten über "Musik und Konsumverhalten" zu dem Ergebnis, das viele Studienergebnisse noch der Bestätigung harren. "Die zahllosen kommerziellen Anwendungen von Musik und die erheblichen finanziellen Aufwendungen" seien nicht durch solide Forschungsergebnisse gerechtfertigt. Die Wirkung von Musik als "geheimem Verführer" werde eher überschätzt, urteilen die beiden Psychologen.

Fast so alt wie die Idee der öffentlichen Beschallung ist die Kritik am Verlust der Stille. Schon 1949 protestierten Amerikaner dagegen, in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf Bahnhöfen und in Wartehallen mit Muzak-Ware berieselt zu werden. Die Kritiker wandten sich dagegen, dass mit Musik, Werbung und Mitteilungen ihr Recht auf Privatsphäre beschädigt werde.

1969 rief die Unesco einen musikalischen Expertenrat zusammen, um für das "Recht auf Stille" zu plädieren. Der Geigenvirtuose Yehudi Menuhin rebellierte dagegen, im Flugzeug der Hintergrundmusik hilflos ausgeliefert zu werden. Selbst der Westinghouse-Konzern, der Anfang der 80er Jahre die Firma Muzak übernahm, war misstrauisch und forschte nach, ob die Neuerwerbung sich mit Gehirnwäsche beschäftige. Denn immer wieder wurde Muzak unterstellt, dem Verbraucher unterschwellige Konsum-Botschaften einzuflüstern.

Hierzulande gehört es zum guten Geschmack, über Musikberieselung die Nase zu rümpfen. Über einen "akustischen Horrortrip" durch "unerträglich sanfte, heuchlerisch heitere Softpopmusik" beschwerte sich die "Süddeutsche Zeitung", über "Gestank im Ohr" schimpfte die "Tageszeitung". Joseph Lanza, der Chronist der Hintergrundmusik, ist da ganz anderer Ansicht: "Eine Welt ohne Fahrstuhlmusik wäre viel trostloser, als ihre Kritiker es sich jemals vorstellen können." Für Lanza befriedigt die musikalische Untermalung des Alltags das Bedürfnis der Menschen nach heiler Welt. Nicht nur auf dem fernen Planeten Purilia, sondern auch hier auf Erden.

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