Welt : "Mutter Natur": Mama werden ist doch schwer

Frank Ufen

Sozialwissenschaftler beharren gerne darauf, dass alle gesellschaftlichen Phänomene gesellschaftlich verursacht sind. So hat es nicht einmal an Versuchen gefehlt, Phänomene, die zweifellos auch biologische Grundlagen haben, restlos aus bestimmten gesellschaftlichen Konstellationen herzuleiten. Man hat sich zu der Behauptung verstiegen, dass es sich bei der Kindheit nicht etwa um ein universales menschliches Entwicklungsstadium, sondern bloß um eine Erfindung der europäischen Neuzeit handele. Man hat nachweisen wollen, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern samt und sonders auf sozioökonomische Faktoren zurückgeführt werden können. Und unlängst hat die französische Philosophin Elizabeth Badinter Aufsehen erregt, als sie verkündete, Mutterliebe sei nichts weiter als eine willkürliche gesellschaftliche Konstruktion. Was hat es dann mit dem Mutterinstinkt auf sich? Gibt es ihn überhaupt? Und falls es ihn gibt, warum verhalten sich dann viele Mütter so, als hätte die Natur vergessen, sie damit auszustatten? Warum ist es in der Geschichte der menschlichen Zivilisation so häufig vorgekommen, dass Mütter ihre Kinder vernachlässigt, ausgesetzt oder getötet haben? Und wie ist es mit den Grundannahmen der Evolutionstheorie zu vereinbaren, dass sich heute mehr und mehr berufstätige Frauen ausdrücklich gegen Kinder entscheiden?

Pavianmütter haben kein leichtes Leben. Den überwiegenden Teil des Tages verbringen sie damit, zu ihren Futterplätzen zu ziehen, Akazienschoten zu sammeln und nach Knollen zu graben. Darüber hinaus sind sie damit beschäftigt, ihre Machtposition zu behaupten oder zu verbessern und ihre Beziehungsnetzwerke aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig müssen sie ihre Kinder versorgen und sie vor Raubfeinden und kannibalischen Artgenossen beschützen. Damit ist die Grenze ihrer physischen Belastbarkeit erreicht. Pavianmüttern ergeht es ähnlich wie doppelt belasteten menschlichen Müttern: Sie haben Schwierigkeiten damit, die Anforderungen der Mutterschaft mit den Anforderungen von Beruf und Karriere in Einklang zu bringen.

Mütter - sagt die amerikanische Soziobiologin und Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy - sind ganz anders, als man denkt. Ihr Verhalten entspricht ebensowenig den Klischeevorstellungen wie den chauvinistischen Ideen der traditionellen Biologie. Es ist ein Mythos, dass Mütter von der Natur dazu bestimmt sind, ein Kind nach dem anderen zur Welt zu bringen und sich für ihren Nachwuchs aufzuopfern. In Wahrheit sind tierische und menschliche Mütter genetisch dazu prädisponiert, Kosten-Nutzen-Rechnungen anzustellen. Ob sie Kinder zur Welt bringen und wieviel Zeit, Energie und Ressourcen sie in den Nachwuchs investieren, ist abhängig von ihrem Alter, ihrer körperlichen Verfassung, von ökologischen und ökonomischen Bedingungen.

Die Sexualität von Fruchtfliegen

Charles Darwin und die anderen Gründerväter der Biologie hatten ein ausgesprochen viktorianisches Frauenbild. In ihren Augen waren alle Weibchen - von der Fruchtfliege bis zum Menschen - passive und sexuell spröde Wesen, deren einzige Bestimmung es war, Mütter zu werden. Hingegen wurden die Männchen lange als geborene Kämpfer betrachtet. Schließlich waren sie von der Natur dazu verdammt, sich um die knappen Weibchen zu streiten. Daraus schloss man, dass die Weibchen kaum selektivem Druck ausgesetzt sind. Mit solchen Vorstellungen hat erst die Soziobiologie gebrochen. Nach ihren Erkenntnissen bedienen sich auch die Weibchen vielfältiger Fortpflanzungsstrategien, und dabei gehen sie nicht weniger erfinderisch, opportunistisch und machiavellistisch zu Werke als die Männchen. Und was die angebliche sexuelle Sprödigheit der Weibchen betrifft, so ist es damit gerade bei den Primaten nicht weit her. Menschenaffenweibchen lassen sich relativ häufig auf sexuelle Abenteuer ein. Die Weibchen tun das, um zu verhindern, dass ihre Kinder von diesen Artgenossen umgebracht werden. Männchen aus fremden Horden vergreifen sich nämlich nicht an Kindern, bei denen sie nicht ausschließen können, dass es sich um ihre eigenen handeln könnte.

Sarah Blaffer Hrdy ist allerdings alles andere als eine orthodoxe Soziobiologin. Nicht nur bestreitet sie, dass selbst die höchst entwickelten Lebewesen nichts weiter als die blinden Vollstrecker von genetischen Anweisungen sind. Hrdy zweifelt nicht daran, dass die Menschen im Tierreich eine Sonderstellung einnehmen, weil sie mit einem Sprachvermögen und einzigartigen kognitiven und emotionalen Fähigkeiten ausgestattet sind. Und sie erklärt, dass etwa Menschenaffenmütter nie auf den Gedanken kämen, ein Neugeborenes auf Geburtsfehler hin zu untersuchen und es nur deswegen auszusetzen oder zu töten, weil es körperlich oder geistig behindert oder zufällig mit dem falschen Geschlecht zur Welt gekommen ist. Hierfür gibt es eine einfache Erklärung: Menschenaffenweibchen werden derart selten schwanger, dass ihnen jedes Neugeborene willkommen ist. Menschen sind demgegenüber ganz ungewöhnlich fruchtbar, so fruchtbar, dass sie es sich leisten können, bei ihrem Nachwuchs wählerisch zu sein.

Aber wenn Menschen so leicht Nachkommen produzieren, dann ist die Gefahr groß, dass die Menschenbabys nicht das Maß an Zuwendung erhalten, das sie brauchen. Um das zu verhindern, hat sich die Natur etwas einfallen lassen. Im Gegensatz zu jeder anderen der 175 Primatenarten werden Menschen mit einem beträchtlichen Fettdepot geboren. Für Hrdy ist das kein Zufall. Die Evolution hat die Menschenbabys in niedliche Wonneproppen verwandelt, damit sie ihren Müttern gefallen. Und dass diese Strategie so gut funktioniert, zeigt zumindest eines: Etwas von einem angeborenen Mutterinstinkt muss nach wie vor vorhanden sein.

Sarah Blaffer Hrdy kombiniert in ebenso virtuoser wie ketzerischer Weise die neuesten Erkenntnisse der Soziobiologie mit grundlegenden Erkenntnissen des Feminismus und der Ethnologie. Eines der besten - und stilistisch brillantesten - Sachbücher der letzten Jahre.

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