Mysteriöse Phänomene : Ufos im Ruhestand

Die Hysterie vergangener Jahre ist der Rationalität gewichen - zu Recht? 60 Jahre nach der "Erstsichtung" erlahmt das Interesse an grünen Männchen.

Jürgen Oeder[AFP]
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Kommt von oben nur alles Gute? -Foto: dreamstime

KarlsruheFür den Piloten Kenneth Arnold war die Sichtung der "fliegenden Untertassen" ein aufregendes Erlebnis. Bei seinem Flug über dem US-Staat Washington sah er am 24. Juni 1947, wie sechs Objekte mit hoher Geschwindigkeit am Himmel hin und her rasten. Militärmaschinen unbekannten Typs mutmaßte er. Die erste offizielle Meldung über solche eine Sichtung hatte ungeahnte Folgen. Medien spekulierten über Invasoren aus dem All, Hollywood schürte diese Ängste mit zahlreichen Filmen, und selbst US-Geheimdienste nahmen sich des Themas an. Um die so genannten Unidentifizierten Fliegenden Objekte (Ufo) ist es 60 Jahre später nahezu still geworden.

"Die Menschen schauen nicht mehr zum Himmel, sondern suchen heute im eigenen Inneren nach dem Außergewöhnlichen", erklärt der Freiburger Soziologe Michael Schetsche das abflauende Interesse an den fliegenden Scheiben. Dass die Ufo-Hysterie in den USA Ende der 1940er Jahre so um sich greifen konnte, hat für den Abteilungsleiter des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und psychische Hygiene mit dem Zeitgeist zu tun. Mit dem Beginn des Kalten Krieges hätten US-Geheimdienste Meldungen zu Ufo-Sichtungen aus Angst vor einer Invasion der Sowjetunion mit überlegener Technik durchaus ernst genommen. Selbst seriösen Wissenschaftlern sei die Untersuchung von Ufo-Sichtungen mit Verweis auf die nationale Sicherheit verwehrt worden. Diese Geheimnistuerei habe das Interesse der Menschen umso mehr angefacht.

Filmindustrie sprang auf den Zug auf

Hollywood nutzte diese Neugier mit einer Reihe von Invasionsfilmen weidlich aus. Die Botschaften waren höchst unterschiedlich und gipfelten dem Soziologen Rolf Giesen zufolge in dem Streifen "Das Ding aus einer anderen Welt" von 1951 in einer Verknüpfung von Antikommunismus und religiöser Mythologie: Nachdem der Alien, eine Art blutsaugende Karotte, vom Militär vernichtet wurde, lautet die Botschaft des Helden: "Watch the skies". Doch ob die Bürger nach russischen Invasoren, Aliens oder einem Wunder Ausschau halten sollten, blieb offen.

Das Ufo-Phänomen durften Wissenschaftler laut Schetsche erst Ende der 1960er Jahre genauer untersuchen, nachdem US-Geheimdienste die Erscheinungen als irrelevant für die nationale Sicherheit eingestuft und etwa Wetterballons, Kugelblitze oder atmosphärische Kapriolen als Verursacher der Meldungen ausgemacht hatten. In groß angelegten Studien analysierten die Forscher Sichtungsquoten und "sozio-demographische Variablen" zu Ufo-Sichtungserfahrungen. Das Ergebnis: Auf dem flachen Land wurden mehr Ufos gesichtet als über Großstädten, und die Sichter waren völlig normale Durchschnittsbürger beiderlei Geschlechts. Allein die so genannten Kontaktler, die von Entführungen und medizinischen Untersuchungen durch Außerirdische berichteten, fielen aus dem Rahmen wegen ihrer "psychischen Desorganisation".

Mehrheit der Deutschen: Ufos gibt es nicht

In Deutschland, wo Ufos bereits 1959 zum kabarettistischen Spott-Objekt der "Münchner Lach- und Schießgesellschaft" wurde, ebbte das Interesse an grünen Männchen in fliegenden Untertassen über die Jahre deutlich ab. Laut einer Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie von 2001 gaben 57 Prozent der Bürger im Westen und 72 Prozent im Osten an: Ufos gibt es nicht und hat es nie gegeben. Ob allerdings die Außerirdischen ihre Erkundung der Erde seit dem Boom in den 1950er Jahren beendet haben, "oder ob die Flüge wegen heimischer Etatkürzungen gestrichen wurden, ist von hier aus schwer zu sagen", heißt es in der Pressemitteilung von damals.

Schetsche zufolge liegt der Ufo-Rückgang aber weniger an Sparzwängen, denen extraterrestische Kollegen von Bundesforschungsministerin Anette Schavan womöglich ausgesetzt sind. Der Kalte Krieg sei vorbei, der Weltraum sei zudem langweilig geworden und keine Projektionsfläche mehr. Außergewöhnliche Erfahrungen würden von Bürgern nun im eigenen Inneren gesucht, in Okkultem oder der Esoterik wie der Seelenwanderung. Für den nicht ganz so kritischen Ufo-Experten und Soziologen Edgar Wunder ist allerdings noch einiges ungeklärt. Zu den wichtigen Punkten zählt Wunder in einem Fachaufsatz der "Zeitschrift für Anomalistik" die Frage, warum Konfessionslose häufiger Ufos sichten als religiöse Menschen.