• Mysteriöses Flugzeugunglück: Die Täter von Ustica kommen wohl niemals vor Gericht

Welt : Mysteriöses Flugzeugunglück: Die Täter von Ustica kommen wohl niemals vor Gericht

Werner Raith

8000 Seiten umfaßt die Anklageschrift des Ermittlungsrichters Rosario Priore, mehrere hunderttausend Dokumente stehen als Beweismittel zur Verfügung. Doch die Täter in einem der mysteriösesten Kapitel der Luftfahrt werden wohl nie zur Rechenschaft gezogen werden. Vor zwanzig Jahren stürzte eine Passagiermaschine der italienischen Fluggesellschaft ITAVIA auf dem Weg von Bologna nach Palermo zwischen den Mittelmeerinseln Ponza und Ustica ab. Alle 81 Insassen kamen ums Leben.

Obwohl die ITAVIA bereits kurz nach dem Absturz mutmaßte, das Flugzeug sei von einer Rakete getroffen worden, gingen die Behörden jahrelang von einer "Materialermüdung", später dann von einer möglichen Bombenexplosion aus - und das Militär ebenso wie die des Abschusses verdächtigten Nato-Stellen bleiben bis heute dabei, dass sie nichts mit der Sache zu tun haben. Dafür dass sie angeblich unschuldig sind, mauern sie bis heute recht eindrucksvoll. Hunderte von Briefen hat soeben Ministerpräsident Giuliano Amato den Hinterbliebenen der Opfer gezeigt: Briefe an das NATO-Hauptquartier in Brüssel, die Verteidigungsministerin in Washington, Paris, London und Bonn - doch als Antwort kam fast immer ein lakonisches "Keine diesbezüglichen Erkenntnisse vorhanden" oder ein nicht näher begründetes "Können aus Gründen militärischer Geheimhaltung keine Stellung dazu beziehen". Untersichtungsrichter Rosario Priore, der 1990 sein Amt von einer Reihe entweder uninteressierter oder unfähiger Ermittler übernommen hatte und bei Null noch einmal angefangen hatte, zog am Ende die bittere Bilanz: "Dass es sich bei dem Absturz um Fremdeinwirkung gehandelt hat, steht außer Frage. "Wer der Urheber war, läßt sich aufgrund des lückenhaft gebliebenen Materials und der mangelnden Hilfe kompetenter Stellen nicht mehr feststellen."

Angeklagt hat er aber dennoch - vier Generäle und fünf weitere Offiziere des Generalstabs der italienischen Luftwaffe und der Geheimdienste: Sie hatten, so seine Erkenntnis, "jahrelang die Wahrheit über den Absturz vertuscht, die Behörden einschließlich der höchsten Stellen unserer Regierung getäuscht, irregeführt, belogen." Es sollte nicht herauskommen, dass es damals eine - von Priore mittlerweile sicher bewiesene - umfangreiche, höchst geheime Nato-Militärübung in dem Gebiet gegeben hat, in dem die DC 9 dann abstürzte. Und es sollten nicht Pläne herauskommen, just während dieser Aktion die in diesem Gebiet erwartete Maschine des libyschen Staatspräsidenten Ghaddafi zu attackieren.

Mehr als anderthalb Dutzend Menschen, die Wissen über Hintergründe des Absturzes hatten, kamen in der Folge auf merkwürdige Weise ums Leben: Hohe Generäle und kleine Radaroffiziere, Bürgermeister und Politiker. Manche durch rätselhafte Verkehrsunfälle, manche durch Selbstmord, andere durch angebliche terroristische Attentate, oder durch Flugzeugabstürze. Oder wie die Piloten der italienischen Kunstflugstaffel "Frecce tricolori, die acht Jahre nach dem DC-9-Absturz bei einer Flugshow im deutschen Ramstein aus ebenfalls völlig unerklärlichen Gründen ineinander rasten: die beiden sollten wenige Tage nach der Vorführung vor dem Untersuchungsrichter aussagen, weil der herausgefunden hatte, dass genau diese beiden Piloten damals bei Ustica als Abfangjäger zu einer delikaten Aktion in das Gebiet aufgestiegen waren, in dem die DC 9 abstürzte. Diese Piloten waren wichtige Zeugen. Und es hatte Anzeichen gegeben, dass zumindest einer der beiden nach jahrelangem Schweigen hatte auspacken wollen - es wäre die erste Bresche in der Mauer des Schweigens gewesen. Beide Piloten starben in Ramstein vor ihrem Aussagetermin.

Völlig gelungen ist den Verneblern ihre Absicht nicht; Parlamentarische Kommissionen und die Recherche von Journalisten haben all das als Lügen enttarnt, was manipuliert und gefälscht worden war - ohne gleichwohl die Wahrheit eindeutig dingfest zu machen. Hatte es doch an Bord der Maschine eine Explosion gegeben und diese einen panischen Schusswechsel zwischen NATO-Flugzeugen und Libyern ausgelöst, oder hatte ein US-Atombomber des Typs F111, der sich nachweislich unter der Passagiermaschine verborgen gehalten hatte, bei einem brüsken Manöver die Schießerei ausgelöst? Oder hatte es bei der Jagd auf eine später zerschellt aufgefundene libysche MIG 23 einen Fehlschuß gegeben?

Der zuständige Militärstaatsanwalt hat soeben die Einstellung der Strafverfahren gefordert, "weil man nach so langer Zeit die wahren Ereignisse nicht mehr rekonstruieren kann". Selbst wenn die Militärs doch noch vor ein - ziviles - Gericht kommen, kann keines der Verfahren mehr vor Ablauf der Verjährungszeit abgeschlossen werden.

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