Welt : Mysteriöses Geräusch: Woher kommt der rätselhafte Brummton?

Annette Kögel

Der Brummton geht vielen Berlinern nicht mehr aus dem Kopf - egal, wo sie sich aufhalten. "Am vergangenen Montag gegen 19 Uhr habe ich mein Segelboot verlassen. Dabei habe ich mich am Mast festgehalten. Dieser hatte Vibrationen, die ich von früheren Jahren nicht kannte. Möglicherweise ist der Mast aufgrund seiner Form ein guter Empfänger für den Brummton", beschreibt ein Berliner seine Erfahrungen. Ob im Bootsmast, im Wohnzimmer oder Schlafzimmerbett: In der ganzen Stadt brummt es, rauben Basstöne Berlinern den Schlaf und den letzten Nerv. Jetzt wollen Experten den Ursachen auf den Grund gehen. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bereitet infolge der zunehmenden Beschwerden von Betroffenen eine berlinweite Messaktion bei Testpersonen nach Baden-Württemberger Muster vor.

Fachleute vermuten nun, dass es sich bei den mysteriösen Fällen um akustische Immissionen von Industrieanlagen handelt. Davon ist zum Beispiel Bernd Lehming überzeugt. Er ist bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zuständig für Luftreinhaltung und Lärmschutz und als Akustiker bereits mit Brummton-Phänomen vertraut. Manchmal sind es Windmühlen, deren Zahnräder tieffrequente Geräusche übertragen. Straßenbahnen, deren Führungen Töne von sich geben. Gasthermen, die Wände zum Schwingen bringen und Schallwellen über den Schornstein abstrahlen. Ventildeckel in Rohren von chemischen Produktionsstätten, deren Brummen sich durchs Erdreich überträgt.

Oder auch Belüftungsanlagen in Kraftwerken. Lehming: "Da haben wir es mit einem riesigen Spektrum zu tun." In Lichterfelde gab es in den 80ern Vorfälle, bei dem Zu- und Abluftsystem des Kraftwerks untersucht wurden. So ist Bernd Lehming davon überzeugt, dass es für die rätselhaften Brumm- und Basstöne vor allem eine ernsthafte Erklärung gibt: Industrieanlagen und Produktionsstätten wie Kraftwerke, Walzwerke, Gießereien.

Dort wird teilweise auch nachts produziert. "Am Tage werden die Geräusche von vielen anderen überdeckt, in der Nacht hört man sie dann eher." Bei manchen Entnervten, schränkt der Fachmann ein, mögen auch psychologische Phänomene hinzukommen. "Prinzipiell muss man aber jede Klage ernst nehmen."

Deswegen hat sich Peter Ehren, Abteilungsleiter für Integrativen Umweltschutz in der Sentsverwaltung für Stadtentwicklung, auch gerade die Unterlagen zu den Testreihen bei Betroffenen in Baden-Württemberg bestellt. "Wir werden das fachlich aufbereiten und prüfen, wie und wo wir in Berlin messen können." Vor einigen Jahren war man in dieser Stadt schon einmal einem Verursacher auf die Schliche gekommen: Ein Pumpwerk war der nächtliche Ruhestörer.

Anders als bei hochfrequenten Tönen gibt es bei Brummen und Summen mit niedrigen Frequenzen aber bislang keine gesetzlichen Grenzwerte - und somit auch keine rechtliche Handhabe. Wer unter dem tieffrequenten Schallteppich leidet, soll sich an die dafür zuständigen Umweltämter der Bezirke wenden, empfiehlt Ehren den Betroffenen.

Wenn die bassartigen Vibrationen, die so vielen Berlinern durch Mark und Bein dringen, von industriellen Anlagen stammen sollten, "grenzen sich die Möglichkeiten der Einwirkung ohnehin ein" - bremst Ehren allzugroße Hoffnungen.

Immerhin geht es jetzt an die Ursachenforschung. Denn das Ganze "stammt keineswegs von Männchen der überirdischen Art". Bernd Lehming ist selbst schon einmal Lärmopfer gewesen - und fündig geworden. "In meinem Wohnhaus gibt es unten eine Bäckerei. Aber weder verlange ich, dass die wegen mir dicht machen - noch werde ich wegen denen ausziehen."

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