Mythos Berlin : Schaut auf diese Stadt

New York frönt dem Mythos Berlin und feiert die Kulturszene der Hauptstadt mit einem hochklassigen Festival – Höhepunkt ist ein Konzert der Berliner Philharmoniker mit ihrem Chefdirigenten Simon Rattle.

Frederik Hanssen
Max Raabe
Max Raabe eröffnet das Berlin-Festival in New York. -Foto: dpa

„Berlin – das ist, wie New York war und wie es sein sollte“, konnte man neulich in der „Village Voice“ lesen. Unter amerikanischen Künstlern genießt die deutsche Hauptstadt den Ruf, eine Insel der Seligen zu sein, ein Ort der Freiheit und der Lebensfreude, unkonventionell und intellektuell: „Die Mieten sind niedrig, überall gibt es Graffiti, und die Luft zittert von einer Kreativität, die es nur in Städten gibt, die sich in einer Umbruchsituation befinden“, fasst die „New York Times“ den neuen Mythos zusammen.

Was die amerikanische Metropole in den achtziger Jahren erlebte, eine Energieexplosion in allen Bereichen der Kultur von der Malerei bis zur Clubkultur, das, so scheint es aus der Ferne betrachtet, passiert derzeit in Berlin. Während die New Yorker unter Terrorangst, ihrem Bürgermeister und der Immobilienspekulation leiden, steppt jenseits des Atlantiks, in der früheren Mauerstadt, der Bär.

Kein Wunder, dass die Carnegie Hall auf die Idee gekommen ist, dem hottest spot in old europe ein eigenes Festival auszurichten: Noch bis zum 18. November wird unter dem Motto „Berlin in lights“ überall in der City die Kulturszene der deutschen Hauptstadt gefeiert.

Absolutes Highlight wird das Gastspiel der Berliner Philharmoniker mit ihrem Chefdirigenten Simon Rattle sein: Während man beim Städtevergleich zögert, Berlin auf Augenhöhe mit New York anzusiedeln, gibt es beim Wettkampf der Klassik-Ensembles keine Sekunde des Nachdenkens: Jünger, flexibler, zukunftsorientierter als Rattles Philharmoniker ist derzeit kein Spitzenorchester auf der Welt. Weshalb die Auftritte in der Carnegie Hall – drei Konzerte in voller Besetzungsstärke und eine Reihe mit exquisiter Kammermusik von den 12 Cellisten bis zum Scharoun Ensemble – ab kommendem Dienstag zum krönenden Abschluss der Feierlichkeiten werden dürften.

Dass zum Start neben Max Raabe ausgerechnet Ute Lemper als Berlin-Repräsentantin auftrat, geht mit Blick auf den Festival-Titel in Ordnung: Denn „Berlin im Licht“ spielt auf ein Lied von Kurt Weill und Bert Brecht an – und in puncto Musik der zwanziger Jahre ist Frau Lemper zweifellos ein Weltstar.

„Komm, mach mal Licht, damit man sehn’ kann, ob was da ist“, heißt es in dem Song – und da bemüht sich vor allem auch die American Academy vom Berliner Wannsee, mit hochrangig besetzten Podiumsdiskussionen den Spot erhellend auf diverse Themenfelder zu richten: Volker Schlöndorff und Florian Henckel von Donnersmarck sind bei der Film-Veranstaltung dabei, Klaus Biesenbach und Tacita Dean sprechen über neueste Entwicklungen in der Bildenden Kunst, Michael Naumann moderiert den Abend über Literatur mit Daniel Kehlmann und Jeffrey Eugenides, David Chipperfield und Daniel Libeskind beschäftigen sich mit der Architektur, und beim „Political Berlin“-Abend schließlich treffen Henry Kissinger, John Kornblum, Richard C. Holbrooke und Josef Joffe aufeinander.

Clubnächte, Filmreihen, Fotoausstellungen sowie ein politisch korrekter Auftritt des türkischen Nevzat-Akpinar-Ensembles komplettieren das Programm. Und natürlich lässt sich auch Berlins Regierender Kulturbürgermeister die Chance nicht entgehen, sein Antlitz im Berliner Licht strahlen zu lassen: Zum Finale des Festivals wird Klaus Wowereit vom 15. bis 17. November in New York erwartet.

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