Welt : Nach 200 Jahren Markus-Platz "befreit"

ROMAN ARENS[ROM]

Separatisten erobern Venedigs Campanile / Besetzung nach acht Stunden unblutig beendetVON ROMAN ARENS, ROMAm kommenden Montag vor zweihundert Jahren hat sich die "Repubblica Serenissima di Venezia" selbst aufgelöst und sich der Gewalt Napoleon Bonapartes überantwortet.Gestern sollte diese Republik Venedig wieder ins Leben gerufen werden - mit Waffengewalt, einer spektakulären Besetzung des Markus-Platzes und der Eroberung des schlank hochaufragenden Campaniles.Eine offenkundig seit Monaten aktive Gruppe von intelligenten und einfallsreichen Separatisten hat acht Stunden lang die italienischen Sicherheitsbehörden und politischen Spitzen in Aufregung gehalten, bevor in einer Blitz-Aktion von Spezialeinheiten der Carabinieri der Spuk beendet und acht junge Leute verhaftet werden konnten. Als einer der späten Gäste saß ein amerikanischer Journalist nach Mitternacht auf der prächtigen Piazza San Marco und wunderte sich, daß hier im Zentrum der autofreien Stadt plötzlich ein Panzerfahrzeug auftauchen konnte.Es war mit einer Fähre gekommen, deren Besatzung mit vorgehaltenen Pistolen zu dem ungewöhnlichen Transport gezwungen worden war.Das Fahrzeug, hergerichtet wie ein Radpanzer des Heeres, trug die rotgelbe Fahne mit dem venetianischen Markus-Löwen.Die gleiche Flagge hißten die Besatzer kurz darauf oben auf dem Turm. Zu dieser späten Stunde gab es auf dem weltberühmten Platz nur wenige Augenzeugen.Auch die Botschaft der Separatisten, die mit geringer Reichweite von außen in das Radioprogramm Rai Uno eingespielt wurde, hörten wohl nur wenige.Nach zweihundert Jahren sei der Markusplatz befreit worden, erklärte da ein Mann mit unverkennbar venetianischem Akzent.Heute entstehe die Republik Venedig wieder, die siegen werde, weil sie von "unverbrüchlicher Treue" getragen sei: "Viva San Marco". Seit Monaten waren Bewohner verschiedener Städte Nord-Italiens von ähnlichen Botschaften genarrt worden, als sie eigentlich die abendlichen Nachrichten sehen und hören wollten.Die aufwendige Suche nach den Ätherpiraten bliebt aber erfolglos. Da die provokanten Sendungen und die Aktion auf dem Markusplatz für einen bloßen Ulk zu aufwendig erschienen, herrschte in der Nacht auf Freitag in Italiens Führung Alarmstimmung.Am Morgen probierte Venedigs Bürgermeister Massimo Cacciari vergeblich zu vermitteln.Er rief den Besetzern zu, sie hätten doch schon alles erreicht, was zu erreichen wäre, nämlich außerordentliches Aufsehen. Die Carabinieri des "Gruppo intervento speciale" fackelten dann nicht lange, drangen über ausziehbare Leitern in den Campanile ein, warfen Tränengas und kamen gegen 8 Uhr 45 mit einigen Besetzern wieder auf den Platz zurück.Ohne daß Schüsse fielen, konnten auch drei Personen aus dem Panzerfahrzeug verhaftet werden.Bildung einer terroristischen Vereinigung, Anschlag auf die nationale Integrität, Entführung und unerlaubter Waffenbesitz - das sind einige der Straftatbestände, wegen derer sich die acht Festgenommenen möglicherweise verantworten müssen.Bis zu fünfzehn Jahren Haft droht ihnen. Vertreter der separatistischen Lega Nord reagierten säuerlich auf die Aktion in Venedig."Lächerlich.Eine Sache von Verrückten", sagte Lega-Chef Umberto Bossi.Es sei eine Provokation für seine Partei.Von Seiten der Regierung wie der Opposition wurde die Aktion dagegen sehr ernst genommen.

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