Welt : Nach 49 Jahren die leibliche Mutter gefunden

CHARLES A.LANDSMANN

Der Fall der jemenitischstämmigen Jüdin Tsila Levine schürt in Israel die Debatte um die "verschwundenen Kinder"VON CHARLES A.LANDSMANN TEL AVIV."Die Wahrscheinlichkeit, daß Frau Tsila Levine die Tochter von Frau Margalit Omeisi ist, ist: 99,99143 Prozent." 49 Jahre nachdem der jemenitischen Einwanderin ihr kleines Baby weggenommen und ohne ihr Wissen zur Adoption freigegeben worden ist, stellte das gentechnische Gutachten des DNA-Spezialisten Dr.Hassan Hatib die biologische Verbindung Mutter-Tochter wieder her.Ein menschliches Drama fand damit ein Ende, doch das eigentliche Problem harrt noch immer einer Lösung. Was in den Anfangsjahren des jüdischen Staates mit mehreren hundert Kindern von meist jemenitischen Eltern geschehen ist, wird rückblickend als Verbrechen bezeichnet, wie immer die damaligen Motive gewesen sein mögen.Den ahnungslosen Eltern, meist kurz zuvor aus dem extrem rückständigen Jemen angekommen, wurden ihre neugeborenen Kinder wegen angeblicher oder echter Krankheit oder Unterernährung weggenommen und nie mehr zurückgegeben, weil sie angeblich gestorben oder nicht mehr auffindbar waren. Die Gründerväter und die damalige Führung des Staates stammten ausnahmslos aus Europa, meist aus dem russisch-polnischen Raum, waren also Aschkenasim, und betrachteten die orientalischen Juden, die Sefarden, vielfach als unfähig, ihre meist größere Anzahl von Kindern aufzuziehen.Andererseits suchten viele kinderlose aschkenasische Ehepaare, meist Holocaust-Überlebende oder -Flüchtlinge, verzweifelt nach einem Adoptivkind.Wer auf die Idee kam, und wer von höchster Stelle Rückendeckung dafür gab, den armen Sefarden, meist Jemeniten, ihre Kinder wegzunehmen und sie ahnungslosen Aschkenasen-Paaren zu übergeben, ist bis heute, trotz Untersuchungen, ungeklärt. In den Gründerjahren Israels, zwischen 1948 bis 1954, als sich die Bevölkerung durch die Masseneinwanderung vor allem aus den arabischen Staaten vervielfachte, wurde den Hilferufen der ihrer Kinder beraubten Eltern, die in notdürftigen Auffanglagern lebten, keinerlei Beachtung geschenkt.Auch danach ließ das Schicksal der verzweifelten Eltern das Establishment kalt, wohl nicht zuletzt wegen der überheblichen Überzeugung, den Kindern etwas Gutes für das ganze Leben getan zu haben. Erst als die Kinder erwachsen und von ihren Adoptiveltern über ihr Schicksal aufgeklärt wurden oder dieses erahnten - meist wegen ihrer deutlich dunkleren Hautfarbe - liefen die ersten Untersuchungen an.Zwar wurde da und dort ein Fall dokumentiert und geklärt, doch noch immer war der Staat nicht bereit einzugestehen, daß ein inoffiziell organisierter systematischer Kinderraub stattgefunden hatte.Es wurden keine Schuldigen genannt, Akten blieben versiegelt, Unterlagen wurden für nicht existent erklärt.Die hilflosen Jemeniten irrten in den Labyrinthen der Bürokratie umher, wurden bewußt fehlgeleitet und prallten an Wänden der Administration ab. Das änderte sich erst in diesem Jahrzehnt, als der sektierische selbsternannte Rabbi Usi Meschulam eine Hundertschaft von fanatischen Anhängern, allesamt wie er jemenitischer Abstammung, um sich sammelte.Meschulam machte die Aufklärung des Schicksals der geraubten Kinder zu seinem Hauptanliegen und erklärte dem Staat Israel regelrecht den Krieg.Er und seine Leute verbarrikadierten sich auf einem Gelände nahe des Flughafens Ben Gurion und ließen es 1994 zu einem Showdown kommen: ein Toter und mehrere Verletzte forderte der Sturm der Polizei auf Meschulams Festung.Er wurde zu acht Jahren Haft verurteilt, auch seine Mitstreiter kamen ins Gefängnis. Aber es wurde auch im Januar 1995 erstmals eine staatliche Untersuchungskommission gegründet - keineswegs eine zahnlose - die sich des Problems annimmt. Die harte Strafe hindert Meschulam nicht daran, seine wachsende Anhängerschar aus dem Knast heraus zu neuen Gewalttaten aufzustacheln: Gefängnisoffiziere wurden bedroht und beschossen, Telefonzentralen in Brand gesetzt.In den letzten Wochen steigerten sie sich in einen regelrechten Gewaltrausch hinein: neunmal wurden Streifenwagen der Polizei angezündet, 20 Ampelanlagen der wichtigsten Straßenkreuzungen des Großraums Tel Aviv zerstört, und schließlich wurde das Gerichtsgebäude von Petah Tikva, wo die Prozesse gegen die Sekte laufen, mit einer Bombe verwüstet. Der Justizminister Zachi Hanegbi - mütterlicherseits jemenitischer Abstammung - und der Minister für innere Sicherheit, Avigdor Kahalani, gleicher Abstammung, reagierten entschlossen.Eine Sondereinheit wurde gebildet, die die Ampel- und Gerichts-Attentäter faßte.Es wurde sogar überlegt, Meschulams Gruppe zu einer Terror-Organisation wie "Hamas" und "Islamischer Jihad" zu erklären. Währenddessen sucht die Untersuchungskommission weiter, heftig kritisiert von vielen Betroffenen, da sie bisher keine handfesten Erfolge vorweisen kann.Doch vor drei Wochen öffneten Angehörige, wie berichtet, Kindergräber in Tel Aviv vor laufenden Fernsehkameras und fanden nur in einem Teil von ihnen tatsächlich Säuglingsknochen.Für sie war das ein Beweis dafür, daß die Todesfälle fingiert waren.Es beruhigte die Aufgebrachten nicht, daß der staatliche Chefpathologe Professor Jehuda Hiss das Fehlen der Skelette mit Erdverschiebungen erklärte, mit der Auflösung der Knochen im Laufe der Jahre und amateurhafter Suche in Abwesenheit von Fachleuten. So kam es, daß die in Kalifornien verheiratete Tsila Levine, als Zila Rosenstock aufgezogen, vor zwei Wochen im Fernsehen mit tränenerstickter Stimme nach ihren leibhaftigen Eltern suchte.16 Elternpaare meldeten sich, doch nur die Familie Omeisi war sicher: Dies ist unsere vermißte Tochter und Schwester Saida, die 1947 noch in Jemen geboren worden war und nach der Einwanderung in Israel auf mysteriöse Weise verschwand.Als sich Tsila Levine daraufhin erstmals mit den Omeisis traf, war auch ihr angesichts der frappanten Ähnlichkeit zwischen ihr und ihrer mutmaßlichen Schwester Jehudit klar: "Dies ist meine echte Schwester." Die DNA-Probe brachte den letzten Beweis.

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