Nach Amstettten : Österreich – Land des Bösen?

Natascha Kampusch kauft das Haus ihres Entführers, ein Mann erschlägt seine Familie mit der Axt – ein gebeuteltes Land hadert mit sich selbst.

Sonja Hasewend
Kampusch
Natascha Kampusch als Zeugin vor dem Gericht in Graz. -Foto: AFP

Alfred Gusenbauer hat auf seiner Südamerikareise alle Hände voll zu tun, das Bild vom wahnsinnigen, gewalttätigen Österreicher zurechtzurücken. „Es ist auch für uns alle erschreckend, wenn sich solche Fälle häufen, die immer die Angelegenheit von individuellen Gewalttätern sind“, antwortete Österreichs Kanzler auf Fragen chilenischer Journalisten. Eigentlich hatte er vor dem EU-Lateinamerikagipfel die Wirtschaftsbeziehungen vertiefen und für nicht-ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat werben wollen anderes im Kopf. Aber: „Amstetten verfolgt Kanzler auch in Chile“, wie der „Standard“ titelte.

Amstetten. Oder Strasshof oder Ansfelden. Kleine Orte, im Ausland bisher unbekannt, stehen plötzlich im Rampenlicht. Die Horrormeldungen, die das Land seit Wochen und Monaten quälen, hören einfach nicht auf. Der Anwalt von Josef Fritzl verbreitet ein monströses Interview mit seinem Mandanten. Natascha Kampusch kauft doch tatsächlich das Haus ihres Entführers Priklopil in Strasshof. Ein Mann aus Ansfelden erschlägt fünf Familienmitglieder – mit gezielten Axthieben auf den Kopf. Er hatte sich von seiner Familie Geld geliehen, dieses verspekuliert und wollte nun der Familie durch seine Tat Schande ersparen.

Ticken die Österreicher noch richtig? Will man ein solches Land noch besuchen? Zur Europameisterschaft fahren? Das fragt sich mancher im Ausland.

Natürlich kann man nicht von Einzelfällen auf ein ganzes Land schließen. Aber die Häufung von Fällen ist auch den österreichischen Kommentatoren nicht geheuer. „Kriminalistisch ist Österreich bis vor kurzem fast so etwas wie ein weißer Fleck gewesen. Doch neuerdings weiß (fast) die ganze Welt, wo dieses Amstetten liegt“, schreibt die Grazer „Kleine Zeitung“ in der gestrigen Ausgabe.

Die monströsen Fälle, die nicht enden wollenden furchterregenden Folgemeldungen und die teils heftigen Reaktionen aus dem Ausland dominieren die Gespräche der Österreicher. Die am 7. Juni beginnende Fußball-EM bewegt das Gastland derweil weniger, was nicht nur an der wenig hoffnungsvollen österreichischen Truppe liegt.Kritik an der Polizei und den Behörden ist zu hören. Sowohl im Fall Kampusch als auch in Amstetten war augenscheinlich Ungereimtes nicht beachtet worden.Die Aufarbeitung wird noch lange dauern. Natascha Kampusch gibt immer wieder Interviews und lässt die Öffentlichkeit damit nicht zur Ruhe kommen. Gestern hat sie in Graz in einem Prozess ausgesagt, in dem ein Ex-Richter ihre Mutter beschuldigt, an ihrer Entführung beteiligt gewesen zu sein, weshalb diese gegen ihn klagt – noch so eine makabre Geschichte, bei der sich die Öffentlichkeit fragt, ob es nicht besser wäre, alle würden jetzt mal eine ganze Weile schweigen. Bei Kampuschs Aussage wurde die Öffentlichkeit des Saals verwiesen. Sie sollte über Details ihrer Entführung reden.

In den österreichischen Medien schwingt Ratlosigkeit mit. Psychologen werden befragt und Kriminalistikexperten. Wie konnte das alles passieren? Warum bei uns? Über die vorschnellen Urteile über die österreichische Seele ist man sich dennoch einig: das Bild im Ausland ist zu undifferenziert. „Schon stürzen sich ausländische Medien auf unser Land, in dem das Böse nicht auf einen Ort beschränkt zu sein scheint“, geht der „Kurier“ in Verteidigungshaltung. Verteidigung, wenn „die Großen“ auf das kleine Land draufhauen, ist eine typisch österreichische Verhaltensweise. In den Boulevardblättern ist sie teilweise zu finden, aber noch vielmehr ergötzen sich die Blätter wie schon bei Kampusch ausgiebig und in Superlativen am neuen, spektakulären Fall des Fünffachmordes.

In Qualitätsblättern wie der „Presse“ findet sich auch Selbstkritik: „Wer so unermüdlich walzerselige Stereotypen aufbaut wie das Tourismusland Österreich, sollte auch die etwas anderen Klischeebilder gelassener einstecken.“ Man könne die Berichte im Ausland ja als „eine Form von Reisejournalismus“ betrachten, schlägt der Kommentator vor. Die Meinungen über die vielen monströsen Vorfälle gehen auseinander, die meisten Fachleute sind sich aber einig: Es sind Einzelfälle in zufälliger Häufung. Einfache Rückschlüsse auf die Gesellschaft zu ziehen ist ebenso schwer möglich wie bei ähnlich entsetzlichen Fällen in Belgien, Frankreich oder Deutschland.

Sorgen um ausbleibende Besucherzahlen zur EM oder um sinkende Touristenzahlen macht sich kaum einer, allenfalls um das Image des Landes. Auch Wolfgang Bachmayer, Chef des österreichischen Meinungsforschungsinstituts OGM, sieht keine Auswirkungen auf die EM. Auch wenn es fatal sei, dass kurz nach dem Fall Fritzl mit dem fünffachen Familienmord schon wieder „Nachschub“ für die Medien käme.

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