Welt : Nach Art des Hauses

Ein Hannover Verein hält die „Zigeunersauce“ für diskriminierend. In den Kantinen wird nun umformuliert.

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Gaumenfreude als Ärgernis. Die „Zigeunersauce“ wird aus Kantinen verbannt. Foto: dpa
Gaumenfreude als Ärgernis. Die „Zigeunersauce“ wird aus Kantinen verbannt. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Berlin - „Ein Klassiker unter den Würzsaucen“, lobt der Hersteller Kühne seine Zigeunersauce. Mit Zwiebeln und Tomatenpaprika abgerundet, schmecke sie „herzhaft heiß und kalt zu Zigeunerspießen“. Sauce vom Zigeuner auf Fleisch vom Zigeuner? „Solche Begrifflichkeiten sind Antiziganismus pur“, sagt Samantha Rose vom Forum der Sinti und Roma in Hannover. Es sei an der Zeit, die Begriffe für Sauce, Spieß und Schnitzel aus der Küche zu verbannen – „so wie auch der Negerkuss längst aus dem Sprachgebrauch verbannt wurde“.

Der Sinti-und-Roma-Verein hatte daher im August via Anwalt mehrere deutsche Lebensmittelhersteller aufgefordert, auf entsprechende Begrifflichkeiten bei ihren Produkten zu verzichten. „Zigeunersauce“ auf die Etiketten zu drucken, sei rassistisch und diskriminierend. Der Verein wünschte, den Begriff abzusetzen, bis eine bessere Bezeichnung gefunden werde. „Pikante Sauce“ oder „Paprika-Sauce“ schlägt Rose vor, auch „Sauce Ungarischer Art“ ginge – denn eigentlich komme die Sauce ja auch von dort und sei kein Produkt der Sinti-Kultur.

Der Verband der Hersteller kulinarischer Lebensmittel in Bonn antwortete jedoch, die „Zigeunersauce“ habe als kulinarische Schöpfung eine über 100 Jahre alte Tradition. Auf eine Umbenennung wolle man verzichten. Einzelne Hersteller wie Kühne äußerten sich nicht.

Der Namensstreit hat nun jedoch in Hannover die Kantinenpläne aufgewühlt: Zwar hatte das Forum für Sinti und Roma in Hannover mit seiner Bitte Hersteller in ganz Deutschland adressiert, doch angesprochen fühlten sich vor allem lokale Kantinenköche. Viele Speisepläne der Stadt sind nun frei von ziganistischen Begriffen.

„Es war wichtig, dass das Forum für Sinti und Roma die Debatte neu entfacht hat“, sagt Andreas Möser von der Stadt Hannover. Deren Rathauskantine führe schon seit Jahren „Puzsta-Schnitzel“ oder „Schnitzel Ungarischer Art“ – allerdings „rutsche hin und wieder der andere Begriff noch mal durch“. Zuletzt habe im Frühjahr ein „Zigeunerschnitzel“ auf dem Speiseplan gestanden. Man habe sich dann intern zusammengesetzt und dafür gestimmt, das „Zigeunerschnitzel“ endgültig zu verbannen, sagt Möser. „Wir nehmen diese Art der Diskriminierung sehr ernst.“

Beim Verein der Sinti und Roma selbst kommt dieses Signal gut an. Solche Solidarität war „längst überfällig“, sagt Samantha Rose. Auch die Hannoverschen Verkehrsbetriebe Üstra, die Stadtwerke und das Congresszentrum Hannover führen mittlerweile ihre Kantinengerichte nach „Ungarischer Art“. Und im Studentenwerk wurde aus dem „Zigeunergulasch“ mittlerweile das „Paprikagulasch“.

Allein auf bundesweiter Ebene kämpft der Hannover Verein noch auf verlorenem Posten. Der Zentralrat der Sinti und Roma halte sich leider bedeckt, sagt Rose. Die juristische Bitte aus Hannover wollte der Dachverband nicht unterstützen. Rose will dennoch weitermachen. Sollten die Lebensmittelhersteller nicht reagieren, denke ihr Verein über eine Klage nach. Spätestens dann hofft sie auch auf Unterstützung vom Zentralrat. „Es funktioniert doch meistens so“, sagt Rose, „die Kleinen machen es vor, die Großen ziehen nach.“ Marc Röhlig

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