Welt : Nach dem Amoklauf: Der Neid der Stunde

In Erfurt gibt es eine große Medienschelte.

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Online Spezial: Amoklauf in Erfurt
Reporter sind nicht besonders beliebt in Erfurt. Viele Menschen wenden sich ab und wollen nichts mit der Presse zu tun haben. Am Tag Vier und Fünf nach dem Amoklauf entwickelt sich leise Misstrauen. Wer darf Interviews geben und wer nicht? Wer war wirklich dabei? Wer ist Augenzeuge? Der Geschichtslehrer Rainer Heise steht seit Tagen im Rampenlicht. Er gilt als Held, weil er Robert Steinhäuser stoppte. Rainer Heise betont nun immerzu, er wolle kein Held sein. Aber er gefällt sich in der Rolle, seine Gestik verrät das, wie er den Kopf bewegt, mit den Händen gestikuliert. Kollegen ärgern sich, sie finden, er dürfe das Bundesverdienstkreuz nicht annehmen. Herr Heise und andere Lehrer wundern sich auch über die Direktorin Christiane Alt, die jetzt in Talkshows sitzt. Schülersprecher regen sich über Mitschüler auf, die als Schulsprecher auftreten. Georg Pieper, 49 Jahre alt, Traumatherapeut, der seit 14 Jahren mit den Überlebenden von Katastrophen arbeitet, kennt diese Reaktionen.

In Erfurt gibt es eine große Medienschelte. Die Erfurter fühlen sich belagert durch Journalisten, gleichzeitig entsteht Neid auf diejenigen, die sich in der Öffentlichkeit darstellen. Wie erklären Sie das?

In Orten wie Erfurt werden ja wenige Stunden nach der eigentlichen Katastrophe viele Interviews gegeben. Das klingt schnell so, als redeten diese Menschen für alle, als erzählten diejenigen, wie es wirklich, wirklich war. Und Augenzeugen sagen dann: Der war gar nicht dabei, der spielt sich auf, der vertritt mich nicht richtig, in Wirklichkeit war es anders. Der ist kein Augenzeuge, der redet so, wie ich nie reden würde.

Von dem Amokläufer, Robert Steinhäuser, ist der Satz übermittelt: "Einmal möchte ich, dass mich alle kennen." Gilt das vielleicht auch für andere in Erfurt?

Es gibt heute sicher einen immensen Wunsch in der Öffentlichkeit zu stehen. Jugendliche überblicken das manchmal nicht, die finden es einfach toll, gefilmt zu werden. Wann haben die schon mal die Gelegenheit mit Journalisten zu sprechen. Natürlich ist das eine Folge dieser Mediengesellschaft. Es gibt diesen Spruch, der kommt allerdings nicht von mir: Ich bin im Fernsehen, also bin ich. Aus anderen Orten weiß ich, dass die wirklich Betroffenen sich oft gar nicht in der Lage sehen, Interviews zu geben, und sich weniger Beteiligte nach vorne drängen.

War das in anderen Orten ähnlich, in Eschede oder Meißen, wo 1999 eine Lehrerin ermordet wurde?

Eschede war anders, weil die Opfer über das ganze Land verteilt waren. Da sah mal der Nachbar jemanden im Fernsehen, aber es entstand kein Neid. Es sind kleine Gemeinschaften, umrissene Populationen, wo solche Missgunst auftaucht, wie die Schule in Erfurt. Auch in Borken, in Hessen, wo 1988 eine Braunkohlengrube explodierte, erlebten wir das. Da gab es einen Riss durch die Gemeinde, einige gaben Interviews, kassierten Geld, und andere wunderten sich, wieso spricht dieser Mensch.

Kann man das in Phasen einteilen, dass nach Wut, Trauer und Entsetzen auch so etwas wie Profilierung eine Rolle spielt?

Anfangs sprechen viele mit Journalisten. Es gibt ein großes Mitteilungsbedürfnis, man will sich das Erlebte von der Seele reden. Pressevertreter haben heute fast so eine Funktion von Therapeuten, sie sind die ersten, denen man sein Leid anvertrauen kann. Aber Sensationsjournalisten wollen Dramatisches, Schillerndes und dann gehen sie und sagen Danke. Einige Menschen schämen sich nach Interviews und verweigern weitere Gespräche mit der Presse. Aber daneben gibt es Selbstdarsteller, die immer weiter machen. Bei den Menschen in so einem Ort entsteht ein Spannungsfeld zwischen denen, die sich präsentieren und anderen, die sich ausgetrickst fühlen.

Sind solche Stimmungen vorübergehend oder führt das dazu, dass beispielsweise Nachbarn nicht mehr miteinander reden?

In Borken, eine Kleinstadt mit knapp 20 000 Einwohnern, war das sicher eine Weile eine gespaltene Gesellschaft. Viel extremer war das in Radevormwald, dort kamen Anfang der siebziger Jahre viele Kinder bei einem Zugunglück um. Damals existierte noch keine systematische psychosoziale Nach-Betreuung und es waren nur Journalisten in dem Ort. Da entstanden tiefe Gräben und es gab lange Streit. Sehr oft hervorgerufen durch Leute, die ihr Geltungsbewußtsein befriedigen.

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