Welt : Nach dem Amoklauf eines 16-Jährigen steht Bad Reichenhall vor einem Rätsel

Sabine Zehringer,Thomas Jander

Wenige Meter vor dem Haus, aus dem die Todesschüsse kamen, steht der dunkle, alte Mercedes des Schauspielers Günter Lamprecht. Vier Löcher sind in das Blech geschlagen, am Reifen kleben Blutspuren. Die Türen stehen offen, im Wagen liegen Infusionsspritzen. Das Küchenfenster, hinter dem sich der 16-jährige Schütze offenbar verschanzte, steht noch offen. Vor dem Eingang des unscheinbaren Mietshauses drängen sich Polizisten und Journalisten. Einen Tag nach dem Amoklauf eines Jugendlichen in Bad Reichenhall, bei dem vier Menschen getötet und vier schwer verletzt wurden, herrschen Fassungslosigkeit und Neugierde vor.

Der Tatort ist wegen der Spurensicherung noch abgesperrt. Davor haben sich Jugendliche und Bewohner der 17 000-Einwohner-Stadt versammelt. Einige von ihnen kennen den Täter. "Eher brav" sei er gewesen, unauffällig. "Aber immer hat er mit der Waffensammlung angegeben", sagt ein Schulkamerad. Dass in dem Haus in der Riedelstraße etliche Schusswaffen lagerten, wussten viele. Der Vater sei Bundeswehrsoldat gewesen - und außerdem ein Waffennarr, will ein Anwohner wissen. "Ich verstehe es einfach nicht", fügt er hinzu. Andere stimmen ihm zu.

Auch die Polizei tappt bei ihrer Suche nach Motiven weiter im Dunkeln. Spekulationen über einen rechtsradikalen Hintergrund jedenfalls bestätigt Wilhelm Bertlein von der Polizeidirektion Traunstein nicht. Auch über die Familie des Schützen will er nichts sagen. "Wir sind mit Hochtouren dabei, das Umfeld abzufragen", sagt er. Dabei hatte der Staatssekretär im bayerischen Innenministerium, Hermann Regensburger, bereits am Montag ein problematisches familiäres Umfeld angedeutet.

Auch was sich in der Wohnung des Schützen abspielte, ist noch unklar. Der 16-Jährige wurde in einer Badewanne ohne Wasser tot aufgefunden, seine 18-jährige Schwester lag im Hausflur, wie Polizeisprecher Fritz Braun berichtete. Sie könnte auf der Flucht vor ihrem Bruder gewesen sein - doch auch das ist Spekulation, betonen die Beamten.

Die Eltern, die am Montag ihre beiden Kinder verloren haben, befinden sich in "intensiver Betreuung", sagte Braun. Psychologisch geschulte Polizisten versuchten, sie vorsichtig zu vernehmen. Am Abend sei die Mutter "gefasst", der Vater dagegen "sehr betroffen" gewesen.

Schärfere Waffengesetze gefordert

Die Deutsche Polizeigewerkschaft hat aus Anlass des Amoklaufs eine Verschärfung der Waffengesetze gefordert. "Die bisherigen gesetzlichen Auskunfts- und Vorzeigepflichten werden der wachsenden Bedrohung durch den Missbrauch von Waffen nicht mehr gerecht", sagte der Gewerkschaftsvorsitzende Gerhard Vogler am Dienstag in Göppingen. Im Oktober habe die Gewerkschaft bereits vom Innenministerium gefordert, angekündigte Besuche in Wohnungen von Waffenbesitzern machen zu dürfen, um die Aufbewahrung der Waffen zu kontrollieren.

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