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Nach dem Beben : Die Friedhofsruhe von L’Aquila

06.04.2011 12:13 Uhrvon
Wiederaufbau lässt auf sich warten. Zwei Jahre nach dem Erdbeben in den Abruzzen liegen viele Orte im ehemaligen Katastrophengebiet noch immer in Trümmern. Auch in Villa Sant’Angelo ist bisher wenig geschehen.Bild vergrößern
Wiederaufbau lässt auf sich warten. Zwei Jahre nach dem Erdbeben in den Abruzzen liegen viele Orte im ehemaligen Katastrophengebiet noch immer in Trümmern. Auch in Villa... - Foto: AFP

Vor zwei Jahren bebte in den Abruzzen die Erde. In vielen Orten wie dem mittelitalienischen L'Aquila warten die Menschen bis heute auf den Wiederaufbau.

Die Via Germania beginnt mit einer Schutthalde. Wo früher Reihenhäuser standen, breitet sich heute ein kahles Feld von Betonbrocken und zerrissenem Baustahl aus. Stellen gibt es, da sind die Trümmerberge nur notdürftig von der Straße geräumt. Die Szene erinnert stark an die Bilder, die derzeit aus Japan kommen – dabei liegt das Beben hier, im mittelitalienischen L’Aquila, schon zwei Jahre zurück.

Braun sind die Wohnblocks an der Via Germania gestrichen, dem Architekturtyp nach stammen sie aus den Plattenbauzeiten der siebziger Jahren. Gelb blühen die Forsythien, rosa die Mandelbäume, Fensterläden schlagen im ungewöhnlich warmen Frühjahrswind, von menschlichem Leben keine Spur.

Die mehreren hundert Appartements stehen leer. Schwer beschädigt wurden sie am 6. April 2009, als um 3.32 Uhr die Erde bebte wie seit zweihundert Jahren nicht mehr. Die Stadtgemeinde hat an der Via Germania zwar schon ein Baustellenschild installiert. Darauf stehen alle jene, die für die Rekonstruktion des Viertels verantwortlich zeichnen. Die voraussichtlichen Kosten und der Datum des Baubeginns fehlen allerdings.

Dreihundert Meter weiter hat Armin Behle seine Wohnung inzwischen wieder bezogen. Monatelang hat der 85-Jährige mit seiner Frau in einem Wohnmobil geschlafen. Behle, aus einer schwäbischen Familie stammend, lebt seit einem halben Jahrhundert in L’Aquila; er war Produktionsleiter im einstigen Siemenswerk. Beim Beben hatte er insofern Glück, als seine Wohnung nur leicht beschädigt wurde. „Aber die Renovierung hat sich eineinhalb Jahre hingezogen“, berichtet er. Die beauftragte Baufirma habe bei den Behörden einen überhöhten Kostenvoranschlag eingereicht: „Die haben Fotos von Zerstörungen beigelegt, die es in unserem Wohnblock überhaupt nicht gab“, erzählt Behle. Das Projekt wurde abgewiesen. „Dann hat die Firma den Kostenvoranschlag von 870 000 Euro auf 350 000 Euro gesenkt und es mussten wieder neue Gutachten eingeholt werden.“

In der schwerstbeschädigten historischen Altstadt hat der junge Theatermann Manuele Morgese sein „Teatro Zeta“ mit viel Mühe über das Erdbeben gerettet: „Ich bleibe hier, das empfinde ich als meinen persönlichen Auftrag. L’Aquila muss wieder auferstehen.“ Um Morgese herum, mitten im Stadtzentrum, liegt eine schier bleierne Stille. Es ist die gleiche wie am Tag nach dem Erdbeben. Die Altstadt, eine der größten Italiens, ist nach wie vor ausgestorben. Wo früher 30 000 Menschen lebten, wohnt niemand mehr. Nur eine Handvoll Geschäfte hat tagsüber geöffnet, ein Restaurant, eine Pizzeria. In den einst so fröhlichen Studentenvierteln herrscht Friedhofsruhe.

Nichts sei hier geschehen, sagt Morgese und zeigt auf die schwer beschädigten historischen Palazzi, von denen jeder in einen Stahlkäfig eingeschraubt und eingeschweißt ist. „Das Rathaus, die Handelskammer, die Sparkasse – alles ist geschlossen“, klagt der Künstler. „Es gib Geld zur Renovierung, aber sie wollen nicht.“ Viele in L’Aquila glauben, dass Italiens Regierung allen Versprechungen zum Trotz die Stadt aufgegeben hat. „Wir, die Vertriebenen“, heißt eines der traurigen Gedichte, die an einem Zaun in der Fußgängerzone hängen. Es beschreibt, dass zwar alle hier das von Berlusconi versprochene Dach über dem Kopf haben, gleichzeitig jedoch in 19 neue Orte verstreut wurden, in denen es nicht einmal Bars als soziale Treffpunkte gibt. „Diese neuen Städte sind nicht mehr als Übergangsquartiere gedacht“, sagt Morgese, „sie bleiben.“

Es geht auch anders. In Onna vor den Toren L’Aquilas hat die Provinz Trient ein Bungalowdorf gebaut, das in seinen Pastelltönen und seiner parkartigen Anlage an ein Urlaubsdorf erinnert. Ganz besonders aber hat sich Deutschland in dem 400-Einwohner-Dorf engagiert, in dem deutsche Soldaten 1944 ein Massaker an Zivilisten verübten: Das neue Gemeindehaus ist mit Bundesmitteln, Industriesponsoren und Spenden aus der Partnerstadt Rottweil bereits fertig gebaut. Zum Gedenktag will der deutsche Botschafter kommen – und einen „Masterplan“ für den Wiederaufbau mitbringen.

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