Nach dem Brand in London : Mahnung an die Bauherren zu besserem Brandschutz

Baumaterial muss schwer entflammbar sein – aber je nach Haushöhe und Baukosten gibt es Unterschiede. Und auch was vor den Häusern an der Fassade steht, kann bei Feuer gefährlich werden.

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Die zerstörte Fassade des ausgebrannten 24-stöckigen Grenfell Tower in London.
Die zerstörte Fassade des ausgebrannten 24-stöckigen Grenfell Tower in London.Foto: Frank Augstein/AP/dpa

Nach dem verheerenden Hochhausbrand in London fordert die Berliner Feuerwehr, den Brandschutz in Berlin zu erhöhen. Hochhäuser seien bereits gut gesichert, sagte ein Sprecher. Bei Gebäuden unter 22 Metern gebe es aber Nachbesserungsbedarf. Hier dürfen zum Beispiel auch brennbare Materialien in Fassaden verbaut werden, anders als bei Hochhäusern. „In diesen Fassaden kommt etwa Styropor für die Dämmung zum Einsatz“, kritisierte ein Feuerwehr-Sprecher. Es werden dann allerdings in jedem zweiten Geschoss sogenannte „Brandriegel“ eingebaut, damit sich das Feuer im Ernstfall nicht ausbreiten kann.

In Berlin gibt es mehr als 100 Hochhäuser. Es sei möglich, dass nicht alle Gebäude auf dem neuesten Sicherheitsstand sind, heißt es bei der Feuerwehr. Den Brandschutz umzusetzen, sei aber Aufgabe der Bezirke, nicht der Feuerwehr.

Hochhäuser sind am besten gegen Brände gesichert

Für Hochhäuser – also alle Gebäude, die höher als 22 Meter sind – wurden die Sicherheitsvorschriften 2008 nochmals verschärft. Alle Gebäude, die höher sind als 60 Meter, müssen seither verschärfte Kriterien beim Baumaterial und den Fluchtwegen erfüllen. So muss es etwa zwei Sicherheitstreppenhäuser geben – und nicht nur eines –, in die kein Rauch eindringen kann und die nicht von Wohnungen abgehen. Die Treppenhäuser müssen den Flammen zudem rund 120 Minuten standhalten können. In Gebäuden zwischen 22 und 60 Metern sind entweder ein Sicherheitstreppenhaus oder zwei normale, separate Treppenhäuser vorgeschrieben.

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1 von 16Foto: imago/ZUMA Press
14.06.2017 14:20Ein fassungsloser Blick zum Grenfell Tower.

Bauexperte Helmuth Bachmann hält weniger die Wärmedämmung an der Außenfassade für ein Problem; bei Hochhäusern dürfe ohnedies nur Material verwendet werden, das nicht entflammbar ist. Das Styropor, das im Haus verwendet und als Schutz gegen Kälte etwa großflächig an die Kellerdecke geklebt wird, hält Bachmann für problematischer: „Kellerbrände sind gefährlich“, warnt der Berliner Ingenieur.

Auch den Trend, immer häufiger Holz für die Tragekonstruktion – also für Stützen und Decken – verbauen zu wollen, sieht der Experte skeptisch. Bisher ist das nur bei Häusern bis zu einer Höhe von sieben Metern problemlos möglich, bei Gebäuden bis 13 Meter Höhe muss das Holz gegen Brand isoliert werden, bei Hochhäusern dürfen nur tragende Teile eingesetzt werden, die nicht brennbar sind. Es gebe aber Tendenzen, diese Regeln aufzuweichen, befürchtet Bachmann. Auch im Hochhausbereich würden sich die Entwürfe von Architekten häufen, die auf Holz setzen. „Da habe ich Bauchschmerzen“, gibt der Ingenieur zu.

Schwer entflammbar sind alle Baumaterialien

Aber generell werden nur Produkte verwendet, die schwer entflammbar sind – das gilt für neue wie alte Häuser, auch für kleinere Gebäude. Die Standards sind regelmäßig verschärft worden – deshalb sind ältere Gebäuden oft gefährdeter. Regelmäßige Kontrollen, ob Wärmedämmung und Brandschutz noch taugen, gibt es nicht.

Die Feuerwehr mahnt Bauherren, den Brandschutz ernst zu nehmen. Zwar würde eine Verschärfung die Baukosten erhöhen. Aber: „Es fließen nur sieben Prozent der Baukosten in Brandschutzmaßnahmen. Da sollte man nicht an der Sicherheit sparen, sondern bei den anderen 93 Prozent“, meint der Sprecher.

Kosten- und Verarbeitungsgründe nennt auch die Brandschutzexpertin Anja von Hofmann-Böllinghaus für die Verwendung weniger sicherer Baustoffe. Der Marktanteil von brennbaren Materialien sei hoch – gerade auch bei der energetischen Sanierung von Altbauten in den vergangenen Jahren. Die Mitarbeiterin der Bundesanstalt für Materialprüfung in Berlin ist auch Vizepräsidentin der Vereinigung zu Förderung des Brandschutzes, die mit den Feuerwehren eng zusammenarbeitet.

Rein zufällig hat der vfdb genau am Tag des Londoner Brandes Empfehlungen zur Brandsicherheit von Fassaden herausgegeben. Dafür wurden 90 Fälle analysiert, an denen Wärmeverbundsysteme mit dem weitverbreiteten Schaumstoff Polystyrol beteiligt waren und bei denen elf Personen zu Tode kamen und 124 verletzt wurden. Mehrfach hatten sich diese Brände über die Fassade ausgebreitet.

Müll und Autos direkt am Haus können auch gefährlich werden

Deshalb fordern die Brandschützer, dass leicht entflammbare Gegenstände wie Autos oder Müllbehälter entweder nicht unmittelbar vor den Fassaden stehen dürften oder brandsicher ummantelt sein müssten. Außerdem seien für Fassaden der Sockelgeschosse auch bei Häusern, die niedriger als 21 Meter sind, nur noch unbrennbare Materialien zu verwenden. Feuergefährliche Dämmstoffe wie Polystyrol müssten durch unbrennbare Materialien ummantelt werden. Zwischen allen Etagen müssten unbrennbare Mineralwollgürtel als Brandriegel eingebaut werden. In Frankreich und Österreich ist das schon Vorschrift.

Hofmann-Böllinghaus berät gerade bei einer Tagung in Brüssel über eine europäische Harmonisierung der Brandschutzvorschriften.

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