Welt : Nach dem Gesetz der Liebe

In Frankreich sitzt eine Mutter im Gefängnis und rührt die Nation – ihr Sohn wünschte Sterbehilfe, aber überlebte

Sabine Heimgärtner[Paris]

Der Fall einer Mutter, die ihrem schwer kranken Sohn Sterbehilfe leisten wollte, erschüttert ganz Frankreich. Tragischer, so äußern sich Angehörige, Juristen und Mediziner, hätte es nicht kommen können: Der Versuch, dem querschnittgelähmten, fast blinden und stummen Sohn mit Hilfe einer hochgiftigen Mischung aus Barbituraten beim Sterben zu helfen, ist gescheitert. Die 48-jährige Mutter sitzt seit Donnerstag in Untersuchungshaft, ihr 21-jähriger Sohn befindet sich in einem tiefen Koma auf der Intensivstation des Krankenhauses Berk-sur-Mer in der Nähe der nordfranzösischen Stadt Lille.

Die Nachricht vom schrecklichen Fehlschlag gut gemeinter Mutterliebe bewegte in den vergangenen 48 Stunden das ganze Land und war die Spitzenmeldung in den Nachrichtensendungen der französischen Medien. In dem nur wenige Schritte vom Strand entfernten Krankenhaus erreichte das Drama der Familie Humbert am späten Mittwochabend seinen Höhepunkt. Marie Humbert, die sich aufopfernd um ihren Sohn Vincent kümmerte und fast den ganzen Tag an seinem Klinikbett saß, hatte rund um die Uhr Zugang zu seinem Zimmer. An diesem Abend wollte sie das Versprechen einlösen, das sie dem Schwerstbehinderten gegeben hatte, nämlich ihn von seinem Leiden zu erlösen. Alles ist geplant wie in einem Drehbuch und inszeniert wie in einer Tragödie.

Als Sterbetag hatten sie und Vincent, der trotz seiner Vielfachbehinderung bei vollem Bewusstsein lebte, das Datum des Schicksalstages ausgewählt, an dem der gut aussehende junge Mann vor genau drei Jahren bei einem schweren Verkehrsunfall zum Krüppel wurde, den 24. September. „Der Tod meines Sohnes ist programmiert“, sagte Marie noch am vergangenen Dienstag der Zeitung „Le Parisien“. Nur zwei Tage später schreitet sie zur Tat. Durch die Sonde, über die Vincent künstlich ernährt wird, verabreicht sie ihm in der Nacht die tödliche Flüssigkeit, gibt kurz danach alles zu und wird festgenommen. Der Fall des programmierten Todes, der nicht eintrat, ist umso schrecklicher, als der Erscheinungstag seines Buches, das Vincent mit Hilfe einer Maschine seiner Mutter und einem Journalisten diktierte, sein Todestag sein sollte – auch dies genau abgestimmt im Todesdrehbuch von Mutter und Sohn. Das als testamentarisches Vermächtnis geplante Buch mit dem Titel „Ich bitte um das Recht zum Sterben“ lag am gestrigen Donnerstag zum ersten Mal in den Auslagen der Buchhandlungen und wird nach Voraussagen von Juristen und Ärzten in Frankreich noch für etliche Auseinandersetzungen sorgen. Denn, so fragen sich viele, warum hat dieser verzweifelten Mutter niemand wirklich geholfen? Die Familie hatte sich mit der Bitte um das Recht auf den Tod selbst an den Präsidenten Jacques Chirac gewandt, der aufgrund der gesetzlichen Lage auch nicht mehr tun konnte als Geschenke zu schicken und Briefe zu schreiben.

Das Schicksal der Familie Humbert erinnert an den Fall der Britin Diana Pretty, die vor dem Europäischen Gerichtshof um das Recht auf Sterbehilfe durch ihren Ehemann kämpfte, verlor und wenig später eines qualvollen, aber natürlichen Todes starb. Euthanasie ist auch in Frankreich strikt verboten, anders als in Belgien und in den Niederlanden beispielsweise, wo unter bestimmten Voraussetzungen, darunter Zustimmung des Patienten, der Angehörigen und der Ärzte, Sterbehilfe geleistet werden darf. In Deutschland ist die Rechtslage unklar. Aktive, direkte Euthanasie ist verboten, Beihilfe zur Selbsttötung wird unter bestimmten Umständen geduldet. In mehreren Interviews, auch im Fernsehen, hatte Marie Humbert in den vergangenen Wochen den geplanten Tod ihres Sohnes angekündigt. „Mein Sohn bittet mich seit einem Jahr inständig, ihm beim Sterben zu helfen, jeden Tag, jeden Tag. Ich fühle mich schlecht, so, wie sich jede Mutter fühlt, die ihr Kind leiden sieht, drei Jahre Hölle. Man hat nicht das Recht, jemanden lebenslang so furchtbar leiden zu lassen, wenn man weiß, dass es immer so weitergehen wird“ – außer sich vor Kummer vertraute sich Marie Humbert so und ähnlich den Medien an, die teilweise reißerisch Kapital aus dem tragischen Schicksal schlugen.

„Ins Gefängnis zu gehen, macht mir keine Angst. Hauptsache, mein Sohn ist von seinem Leiden erlöst“, hatte Marie Humbert vor vier Tagen der Zeitung „Le Parisien“ erklärt. „Nun ist das Schlimmste passiert, was passieren konnte“, sagte am Donnerstag der Anwalt der 48-Jährigen Frau, Hugues Vigier. Er betonte, dass sie im Gefängnis nicht wie eine Mörderin behandelt werde. „Man respektiert sie und ihre schreckliche Lage.“ Das Ende der Tragödie ist noch nicht geschrieben. Marie Humbert muss sich nach der französischen Gesetzeslage wahrscheinlich wegen Mordes verantworten und ihr Sohn Vincent, der so gerne sterben wollte, wird weiter künstlich am Leben erhalten.

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