Welt : Nach dem Mensen in die Bib

Das neue Semester hat begonnen – Zeit, sich die Kommilitonen mal anzuschauen. Eine Typologie

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DER SCHNORRER

Der Schnorrer hat schon früher bei jedem Schulbrot gefragt, ob er mal beißen könne. In der Uni führt er diese Masche fort, hat nie eigene Zigaretten dabei, niemals Papier und sobald jemand den Raum verlässt, kräht er ein „Kannst du mir ’nen Kaffee mitbringen?“ hinterher, ohne jemals eigenes Geld dabei zu haben. Vor Klausuren wird er auf einmal gesellig und will Lerngruppen gründen („Kommt doch alle vorbei und bringt was zu trinken mit!“). Zu deren Gelingen muss er aber auch erst mal die gesamten Mitschriften der Kommilitonen kopieren. Am Kopierer steht er dann verdattert und mit einem mitleidheischenden Blick auf den Hintermann und sagt, er habe gar nicht gewusst, dass man hier mittlerweile Kopierkarten braucht.

DIE STREBERIN

Auch wenn die Institute der aufeinander- folgenden Vorlesungen eine halbe Autostunde voneinander entfernt liegen, gelingt es ihr, stets eine Viertelstunde vor Beginn in der ersten Reihe zu sitzen, neben Traubenzucker, Textmarker und einem Bleistift (mit Kugelschreiber wird erst abgeschrieben, wenn die Fakten verifiziert wurden). Leider ist die Streberin ein Außenseiter, deswegen schleicht sie in der Pause mit ihrer ockerfarbenen Ledertasche allein durch die Gänge und sucht den unbeantworteten Smalltalk über „Fachdidaktik Biologie“. Ihr Außenseitertum hat Gründe: Wer nach dem hinkenden Referat eines verkaterten Kommilitonen überkritische Nachfragen stellt, weil man sich auf jedes Referatsthema so gut vorbereitet hat, als wäre es das eigene, macht sich keine Freunde. Hausarbeiten? Hat sie bereits alle im Semester erledigt. So kann sie in den Semesterferien alle Feriensprachkurse wahrnehmen. Denn die Semesterferien sind ja eh keine Ferien, sondern höchstens vorlesungsfreie Zeit.

DER ERSTSEMESTER

Bereits am ersten Tag seiner Unikarriere ist er den Tränen nah, weil er den Raum JK 29/234 einfach nicht findet, obwohl er bereits seit einer Viertelstunde mit seinem klappernden Eastpak-Rucksack durch die FU-Rostlaube hetzt. Der Erstsemester hat einen Heidenrespekt vor allem: Er kollabiert fast vor Ehrfurcht, wenn Mitstudenten sich in die Anwesenheitsliste eintragen, um dann einfach zu gehen; und wenn der Professor sagt, das Referat solle 20 Minuten dauern, stoppt der Erstsemestler akribisch in 40 Übungsläufen die Zeit. Bei der Vorstellungsrunde im Proseminar zählt er mit nervösem Augenzucken seine Abi-Leistungskurse auf und wird müde belächelt. Doch nach zwei Wochen ist die anfängliche Scheu passé und nach jeder Vorlesung klopft der Erstsemester am lautesten auf den Tisch, bevor er „mensen“ geht.

DIE PARTYSCHNALLE

Seminare dürfen bei ihr grundsätzlich nur von Dienstag bis Donnerstag stattfinden und dann nur zwischen zwölf und 16 Uhr. Ihr erster Gang führt in die Mensa, wo sie sich verkatert ein Mettbrötchen und einen Kaffee einverleibt und einen Stapel Uni-Party-Flyer in ihrem Jutesack verschwinden lässt. In der Jura-Vorlesung wird ihr schwerer, nach Schnaps riechender Kopf auf die Schulter ihres Sitznachbarn sacken. Die Partyschnalle hat in der Großstadt eindeutig Besseres zu tun, als in Seminaren ihre Zeit zu vergeuden. Deswegen sieht man sie vorwiegend in den letzten Wochen vor den Klausuren an der Uni oder zumindest in dem Gremium, das die Spring-Break-Party organisiert. Um die Karriere aber doch nicht zu kurz kommen zu lassen, absolviert sie ein Praktikum in einer Eventagentur. Danach bewirbt sich die Partyschnalle aus Verlegenheit noch um ein Auslandssemester. Klar, dass es nach Alicante geht.

EVERYBODY’S DARLING

Er ist der Liebling aller Professoren. Everybody’s Darling glänzt durch zufällig wirkendes Wissen in sämtlichen Disziplinen und wirft es stets an den passenden Stellen ein, ohne altklug zu wirken. Gleich zu Beginn des Semesters lädt er alle zu sich ein, um sich mal besser kennenzulernen. Er trinkt am meisten und sitzt am nächsten Morgen als Einziger pünktlich und mit Bombenlaune im Seminar. Gerne tauscht er mit seinen Kommilitonen den Referatstermin und bietet sich als Seminarschriftführer an - obwohl er doch schon die Powerpoint-Präsentation für alle gemacht hat. Statt Dankbarkeit erntet er von seinen Kommilitonen Aggression, auf die er mit einem gelassenen „Den Reader habe ich allen kopiert, der steht in der Bib!“ reagiert.

DER PROTESTLER

An der Einführungsveranstaltung kann der Protestler nicht teilnehmen, denn er hat sich im Rektorat der Uni festgekettet. Den theoretischen Unterbau liest er sich in kommunistischen Werken auf dem braunen Sofa seiner Zehner-WG an. Der Protestler ist gegen Studiengebühren, gegen Bachelor, gegen Elite. Vor allem aber ist er dagegen, dass andere ihr Studium beenden. Deswegen fängt er sie mit seinem Transparent am Eingang ab. Er zwingt arme Erstsemester, für ihn Aktionsflyer zu verteilen und im Namen der Bildung nackt in die Spree zu springen. In einer Volkswirtschafts-Vorlesung stürzt er auf die Bühne und hält eine Ruck-Rede gegen die Abholzung des Regenwaldes. Die BWLer buhen und ein paar miese Schweine zerren ihn vom Podest. Der Protestler verzieht sich, aber nicht, ohne im Gehen die Internationale anzustimmen.

DER LANGZEITSTUDENT

Sein Alter entspricht in etwa der Anzahl seiner bereits studierten Semester. Der Langzeitstudent studiert drei Geisteswissenschaften und rechtfertigt sein Herumgurken mit Humboldt. Nicht, dass er nicht das Zeug zum Examen hätte – man lernt nun mal einfach nie aus! Weil seit Jahren schon 23-jährige Pimpfe an ihm vorbeiziehen, kompensiert der Langzeitstudent sein schlechtes Gewissen mit Arroganz. Fragt ihn ein Erstsemester nach dem Weg, krault er sich nur schweigend den Bart, fragt einer im Seminar kurz nach, wann genau der Sturm auf die Bastille noch mal stattfand, bricht er in höhnisches Gelächter aus. Als er – entgegen allen Bestrebungen – doch irgendwann scheinfrei wird, hängt er noch ein BWL-Studium dran. „Wirtschaft schadet ja nicht in der heutigen Zeit.“

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