Nach dem Taifun : Die Odyssee einer Familie auf den Philippinen

Sie wollte ihre Angehörigen suchen und helfen. Also kämpfte sich Sally Balbastro zusammen mit zwei kleinen Kindern auf den Philippinen durch: Von Tacloban über Guiuan nach Manila und zurück.

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An einer zentralen Stelle werden auch die Kleinsten mit dem allernötigsten versorgt.
An einer zentralen Stelle werden auch die Kleinsten mit dem allernötigsten versorgt.Foto: Ingrid Müller

Sie waren in Tacloban, als es passierte. Sally Balbastro und ihre zwei kleinen Kinder Christine Antonia (4) und Christian (5) haben „überall Leichen in den Straßen liegen sehen“, sagt die Mutter. Sie selbst hatten sich nach dem schweren Taifun Haiyan, der über die Philippinen hereingebrochen war, auf ein Dach gerettet. „Das war kein Taifun, das war ein Tsunami“, sagt die Frau. Neben ihr hockt die Tochter mit einem Tütchen gekochtem Reis, sie wirkt müde.

Eigentlich kommt die Familie von Sally Balbastro aus Guiuan, drei Kinder leben dort im Stadtteil Hollywood. Sally Balbastro wollte wissen, wie es ihnen geht, wollte helfen, doch eine Telefon-Verbindung dahin gibt es seit Haiyan nicht mehr. Also zog die 43-Jährige mit den Kindern einfach los. Zwei Tage lang waren sie zu Fuß „über die Berge unterwegs“, erzählt sie. „Ich hätte alles akzeptiert, ich habe mich auf alles vorbereitet, aber ich musste wissen, wie es ihnen geht.“ Tatsächlich hat Sally Balbastro ihre Angehörigen gefunden, alle leben. „Ich habe so geheult“, sagt sie und schluckt. Aber das ganze Haus war kaputt. „Ich habe nur noch das hier anzuziehen“, sagt sie und zieht an ihrem Oberteil. Rote Kratzspuren an den Armen und der Stirn zeugen von den Strapazen unterwegs.

Bei den Nachbarn sah es nicht besser aus, sie konnten ihnen auch nicht helfen. Aber Sallys ältester Sohn arbeitet als Seemann bei einer Firma, deren Boote zwischen Cebu und Manila unterwegs sind. Sie schlug sich nach Cebu durch. Erst dort gab es das erste Mal eine Telefonverbindung. Nach langen Tagen konnte sie endlich Kontakt zu ihrem Mann aufnehmen, der als Schiffsingenieur in Manila arbeitet. „Er hatte die Bilder aus Tacloban gesehen. Er dachte, wir wären tot.“ Sie stockt, fährt fort: „Als ich ihn erreicht habe, konnte ich gar nichts sagen.“ Sie fügt hinzu: „Das ist unser neues Leben.“

Tatsächlich traf der Taifun Tacloban am heftigsten. Von den 1613 Menschen, die nach wie vor vermisst werden, stammen ein Drittel aus der Küstenstadt. Inzwischen wurden nach neuen Behördenangaben mindestens 5235 Leichen identifiziert. Den Vereinten Nationen zufolge sind zudem rund 1,5 Millionen Kinder von Mangelernährung bedroht. Sally Balbastro wollte nicht, dass es bei ihren Kindern soweit kommt. Der Chef des Sohnes erlaubte, dass sie kostenlos nach Manila mitfahren durfte. „Wir hatten gar kein Geld mehr“, sagt sie. Nach mehr als einer Woche kam sie erschöpft mit den beiden Kindern wieder in Cebu an.

Doch sie wollte weiter. Zurück nach Guiuan, wo die anderen auf sie warteten. So quetschten sich die drei mit 100 anderen in ein Flugzeug der philippinischen Airforce, wo es so warm war wie in einer Sauna. Egal. Sie saßen auf Reissäcken, die für die Opfer des Taifuns nach Guiuan gebracht wurden und hatten es verhältnismäßig gut – viele andere flogen im Stehen. Schließlich landeten sie auf dem kleinen Flugfeld in Guiuan auf der Insel Samar. Als sich die Heckklappe senkte, gab sie den Blick auf eine Mondlandschaft frei. „Ich wollte gar nicht hinschauen“, sagt Sally Balbastro. Sie schickte ihre Kinder vor und kümmerte sich um die Habseligkeiten. Sally Balbastro konnte es kaum erwarten, heimzukommen. Hollywood wartete.

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